Welche Szenen oder weiblichen Theaterrollen aus modernen Theaterstücken (ab 1900) fesseln euch?

5 Antworten

Brechts Theaterstücke sind, was das “Fesseln” anbetrifft, nun wirklich die ungeeignetsten Beispiele; denn nach Brechts Theatertheorie darf ein Theaterstück, also auch eine Theaterfigur eben nicht fesseln. Deshalb baut er ja immer diese Verfremdungseffekte ein, die den Zuschauer oder Leser aus dem „Fesseln“ herausreißen sollen. Die „Shen Te“ –Szenen aus „Der gute Mensch von Sezuan“ sollen eben nicht fesseln, sondern zum Denken anregen. Nach 1900 sehe ich im deutschen Theater nur einen Dramatiker, der fesseln kann: Wolfgang Borchert („Draußen vor der Tür“). Der Protagonist Beckmann in seiner Verzweiflung fesselt mich, vor allem die Szenen, wo er vergeblich versucht, wieder ins (gesellschaftliche) Leben hineinzukommen, aber immer wieder „draußen vor der Tür“ bleibt. Hier kann besonders die Szene (mit weiblicher Rolle) fesseln, wo Beckmann „nach Hause“ zu seiner Frau kommt. Ansonsten herrscht im deutschen Theaterbetrieb, was das „Fesseln“ betrifft, ziemliche Leere! Gerhard Hauptmanns fesselnde Theaterstücke sind vor 1900 entstanden. Und danach? Rose Bernd? Oder: Hofmannsthals „Jedermann“? (Hier eventuell die Erscheinung des Todes bzw. das Auftreten der „Buhlschaft“). Sicher gut gemachtes Theater, aber fesselnd? Und später: Frisch und Dürrenmatt? Von „Fesseln“ keine Spur. Was fesselt schon an der „Alten Dame“. Ihre exorbitante Rachsucht ist pathologisch, aber nicht fesselnd.

Eine Ergänzung bzw. Richtigstellung: Ich meinte zwei Szenen mit weiblicher Rolle: 1) als Beckmann nach Hause kommt und dort (nicht seine Frau, auch nicht seine Eltern, sondern) die entsetzliche Frau Kramer antrifft und 2) als Beckmann mit dem Mädchen zu deren Wohnung geht und dort der Einbeinige (der Ehemann des Mädchens) erscheint; zwei (m.E.) fesselnde Szenen!

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Ein kleiner Kommentar von mir bezüglich Brecht: er erreicht anscheinend wirklich bei mir nicht immer das, was er beabsichtigt hat. Natürlich sollen seine Texte zum Nachdenken anregen, und das tun sie auch bei mir. Deshalb schätze ich seine Stücke so. Aber bei Der kaukasische Kreidekreis hat insbesondere die Kreidekreis-Szene und die Geschichte von Richter Azdak mich unterhalten und auch berührt, ich musste lachen und war gefesselt. Sein Stück Die Maßnahme hatte auch nicht den gewünschten Effekt: ich verstehe es so, dass es für den Kommunismus sein soll, aber mich stößt das menschenverachtende Verhalten der Agitatoren ab und dieser Kommunismus hat sich damit bei mir als Alternative disqualifiziert.

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Sartres "Geschlossene Gesellschaft". Oder auch die gute alte Klythemnestra von ihm. Tolle Rolle. Für mich hängt das aber mehr an der Schauspielerin als an der Rolle. Auch eine schlecht geschriebene Rolle kann gut interpretiert werden und anders herum. Auch muss Rolle und Darsteller passen. Viele Rollen sind zu groß für junge Schauspielerinnen z.B. und das wirkt dann nur unbeholfen.

Die Grusche aus Bertolt Brechts Stück Der kaukasische Kreidekreis ist eine Figur die mir sehr gefällt. Sie scheint weit und breit die einzige zu sein, die gut ist und ein Herz hat, und für ihre gute Tat (einen Säugling zu retten) soll sie bestraft werden. Besonders spannend war für mich die Schlussszene vor Gericht, als man darauf gewartet hat, ob nun ihr oder der anderen Frau das Kind zugesprochen werden soll. Mit ihrer einfachen Art macht Grusche dabei vor dem Richter keine großen Worte, sondern behauptet einfach, das Kind sei ihres, da sie es großgezogen habe. Ob man das alles nun humorvoll und spannend findet, bleibt einem selbst überlassen. Aber zumindest am Schluss geht es ja mit reichlich Glückseligkeit noch gut aus.

Ich hoffe, ich konnte dir etwas weiterhelfen. :)

P.S.: optimal auf deine Beschreibung passt auch die Maria Stuart aus Schillers gleichnamigem Drama, die auf ihr Todesurteil wartet. Aber das Stück ist wohl 100 Jahre zu alt!?

Naja, Uraufführung 1800 in Weimar. Knapp daneben ist auch vorbei, aber 100 Jahre zu alt trifft es zeimlich genau :))

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