Welche Sprache ähnelt Latein am meisten?

5 Antworten

Ich kenne diese Sprachen nicht, aber im Internet werden immer wieder zwei Kandida­ten genannt:

  • Die Sprachen Italiens haben den lateinischen Lautbestand am besten bewahrt, am mei­sten so das Sardische (gesprochen auf Sardinien); aber auch da ist viel pas­siert. Außer­dem haben alle diese Sprachen die Substantivdeklination weitgehend verloren (es gibt nur die Unterscheidung Sg/Pl, aber keine Kasus; die Neutra sind mit den Mas­ku­lina ver­schmolzen; die Formen der Konsonanten­stämme kommen aus dem Akk Sg) und das Verbsystem massiv umgebaut. Die alten Formen ex­istie­ren zwar oft noch, aber oft in anderer Bedeutung oder in „gemischten“ Formen.
  • Rumänisch hat von den lateinischen Lauten nicht viel übriggelassen und ist außer­dem durch den Kontakt mit seinen Nachbarn („Balkan-Sprachbund“) in der Gram­matik deutlich verändert. Es hat aber, anders als alle westromanische Sprachen, noch alle drei Substantivgenera, und zumindest drei Kasus.

Um zu erklären, was ich mit „Umbau“ meine, erkläre ich Dir mal schnell die italienische Kon­jugation von Verben. Es gibt im Italienischen einen Haufen Zeiten, die manchmal aus dem Lateinischen und manchmal ausgerechnet aus dem Deutschen kommen; eini­ge sind auch innerhalb des Italienischen frisch entstanden. Italienisch hat alle Pas­siv­formen verloren (das Passiv wird mit sein+Partizip umschrieben, wie im Engli­schen), hat aber zu fast jeder Zeit einen Konjunktiv.

Als Beispielverb nehme ich dire ‘sagen’. Außerdem müssen wir uns als Hilfsverb noch avere ‘haben’ (←habēre) ansehen.

Das Präsens sieht ziemlich lateinisch aus: dico, dici, dice; diciamo, dicete, dicono.
Beachte, daß im Italienischen alle Worte auf Vokal enden, das erfordert schon einmal einen nichttrivialen Haufen an Veränderungen. Etliche Verben haben verkürzte For­men, die es im klassischen Latein so nicht gab, z.B. von avere lauten die Präsens­for­men hò, hai, hà, abbiamo, avete, hanno (das h ist immer stumm).

Dazu gibt es auch einen Konjunktiv, und ich beschränke mich jetzt auf die 3 Sg: dica ‘er sage’ und abbia ‘er habe’. Du siehst, daß das lateinische Konjunktivzeichen a erhalten ist (für Verben mit a-Stamm nimmt man ein i).

Es gibt auch ein Imperfekt, das ähnlich wie das lateinische Imperfekt für andauernde oder gewohnheitsmäßige Handlungen in der Vergangenheit verwendet wird. Im Indi­ka­tiv führt es das lateinische Imprfekt weiter, im Konjunktiv entstand es bizar­rer­wei­se aus den En­dun­gen den lat. Konj. Plsqumpf., die man an den Präsens­stamm an­hängt: diceva (←dicebat) ‘er sagte’, dicesse (←di(re)+(dix)isset) ‘er sagte (Konj)’, aveva ‘er hatte’, avesse ‘er hätte’.

Das lateinische Perfekt ist nur im Indikativ erhalten, hat aber noch erkennbar die spezi­fi­schen Perfektendungen: dissi (←dixi), dicesti, disse, dicemmo, diceste, dissero. Von avere heißen diese Formen ebbi (←habui), avesti, ebbe, avemmo, aveste, ebbero. Diese Zeit ist ähnlich wie unser Präteritum aus der mündlichen Sprache weitgehend ver­schwun­­den, do­miniert aber in Romanen oder historischen Beschreibungen.

Das Futur ist eine Neuerfindung. Man hängt an den Infinitiv Endungen an, die größten­teils wie die Präsensformen von avere aussehen (ich habe zu sagen ⇒ ich werde sa­gen). Die heißen dann in der 3 Sg dirà und avrà. Dazu gibt es auch einen Kondizional, der so ähnlich wie ein Konjunktiv funktioniert, aber ursprünglich eine Vorzukunft war: Man bil­det ihn, indem man die Perfektformen von avere an den Infinitiv hängt, also direbbe und avrebbe ‘ich würde sagen/haben’.

Und dann gibt es noch die zusammengesetzten Zeiten, die nach dem Muster des Deut­schen gebildet sind sind, also haben/sein+Partizip. Die Formen kannst Du Dir im Prin­zip aus dem Gesagten selber bilden:

Es gibt ein neues Perfekt, das aus dem Präsens des Hilfverbs plus Partizip gebildet wird, also ha detto ‘er hat gesagt’, Konj. abbia detto ‘er habe gesagt’, mit zugehörigem Plusquamperfekt aveva detto ‘er hatte gesagt’, Konj. avesse detto ‘er hätte gesagt’ und dem Futur exakt avrà detto ‘er wird gesagt haben’ und Kond. avrebbe detto ‘er würde gesagt haben’. Als Ersatz fürs verlorengegangene Plusquamperfekt gibt es eine zusammengesetzte Vorvergangenheit zum lateinischen Perfekt: ebbe detto.

Eine interessante Konsequenz dieses Systems ist es, daß die Form avrebbe avuto ‘er würde gehabt haben’ aus dreimal dem Verb haben in verschiedener Funktion besteht.

Außerdem haben wir noch einen Imperativ di ‘sprich!’ bzw. abbi, ein Präsenspartizip dicente (←dicentem) ‘sagend’ bzw. avendo und ein Gerundium dicendo ‘das Sagen, die Rede’ bzw. avendo.

Wenn Du mit Latein vertraut bist, solltest Du diese kurze Beschreibung weitgehend ver­stehen können (das System ist für die meisten westromanischen Sprachen das­sel­be). Der Um­bau ist ziemlich fundamental, aber die Bausteine sind noch als solche er­kenn­bar. Ne­ben­bei gesagt, trifft auch dasselbe für das Latein zu: Das lateinische Verb­system ist näm­lich selbst ein ähnlich drastischer Umbau des indogermanischen Verb­systems.

Ob das alles für die Bezeichnung „ähnlich“ reicht, mußt Du selber entscheiden.

Woher ich das weiß:Hobby – Angelesenes Wissen über Sprach­geschich­te und Grammatik

Von den Vokabeln her:

Italienisch, Spanisch.

Von der Grammatik und dem Lebens- bzw. Todeszustand her:

Altgriechisch.

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