Welche heutige romanische Sprache ist dem alten Latein am ähnlichsten?

7 Antworten

Also ich bin kein Sprachexperte, war aber schon einige Male in Italien, und finde tatsächlich, dass es da viele Parallelen in der Rechtschreibung zwischen italienisch und lateinisch gibt. Von der sprachlichen Komponente finde ich, dass spanisch sehr viel Ähnlichkeit von der Aussprache her mit der lateinischen Sprache aufweist.

Aber eine gewisse Ähnlichkeit zum lateinischen haben alle heutigen romanischen Sprachen (logischerweise).

Sind jetzt nur Angaben rein nach Bauchgefühl, wie ich es persönlich erlebt habe

Keine der modernen romanischen Sprachen ist in einem klaren Sinn „lateinischer“ als die anderen. Rumänisch war bei den Substantiven eher konservativ (drei Ge­schlech­ter, drei Fälle), während die anderen romanischen Sprachen nur noch zwei Geschlechter und gar keine Fälle mehr haben. Andererseits hat Rumänisch von den ursprünglichen lateinischen Verbformen wenig bewahrt (anders als z.B. Italie­nisch), und massiv slavische Elemente ins Vokabular und in die Syntax eingebaut.

Auch die Aussprache ist so eine Sache. Die modernen romanischen Sprachen ha­ben K und G in manchen Positionen zu Palatalen verschoben, während im klas­si­schen Latein Cicero mit zweimal K gesprochen wurde.

Im Schnitt dürfte von der Aussprache her Italienisch am meisten an Latein erin­nern, aber die Abweichungen sind enorm: Bei den Konsonanten hat Italienisch mas­sig assimiliert und am Ende weggestrichen (dictumdetto oder duplusdoppio), und bei den Vo­ka­­len hat Italienisch keine funktionale Unterscheidung zwischen lang und kurz mehr, es gibt also keine Paare wie vĕnit (er kommt) und vēnit (er kam). Die mo­der­nen ita­lie­ni­schen Formen dazu heißen viene und venne. (das Doppel-N steht da­bei für einen langen Kon­sonan­ten, und das gab es wie­der­um im Lateinischen nicht)

Obwohl Italienisch also das lateinische Perfekt weiterführt, wird diese Form in ge­sproche­ner Sprache fast nie verwendet, stattdessen sagt man è venuto (er ist ge­kom­men), verwendet also stattdessen das deutsche Perfekt (ja, wirklich, die Kon­struk­tion haben sie aus dem Deutschen übernommen). Es gibt auch keine Passiv­formen mehr, stattdessen wird wie im Englischen mir essere plus Partizip Perfekt um­schrieben. In der Syntax hat Italienisch keinen AcI, keinen Ablativus absolutus, überhaupt sind Parti­zipial­konstruk­tio­nen bei weitem nicht so üblich wie im Latei­ni­schen, dafür trifft man überall auf das indeklinable (!) Relativpronomen che.

Es gibt Behauptungen, die sardische Sprache sei die konservativste romanische Sprache, aber ich kann nicht beurteilen ob es stimmt.

Woher ich das weiß:Hobby – Angelesenes Wissen über Sprach­geschich­te und Grammatik

Gemäß Mario Pei (Linguist) hat Sardisch (die Sprache von Sardinien) nur 8 % Differenz zu Latein (wohingegen Italienisch 12 % hat, und andere romanische Sprachen wie Spanisch mehr). Damit wäre es die Sprache, die am ähnlichsten zu Latein ist, und am konservativsten. Ich selber kann kein Sardisch, ich gebe nur diese Auffassung wieder.

https://en.wikipedia.org/wiki/Sardinian_language#Overview

(Anmerkung: auch bei den germanischen Sprachen ist eine Inselvariante, nämlich Isländisch, die morphologisch konservativste Sprache. Anscheinend begünstigt die Insellage die Bewahrung älterer Sprachstufen durch den geringen Austausch mit dem Festland.)

Die anderen Inselvarianten, Korsisch und Sizilianisch: Korsisch ist eng mit dem norditalienischen Dialekt Toskanisch verwandt, und Sizilianisch hatte einen hohen griechischen Einfluss zu verzeichnen. Sizilien war vor der römischen Eroberung griechisch geprägt, was man auch heute noch gut sehen kann an etlichen Bauten. 

Toll hergeleitet! Gerade die 'Inselfunktion' erlebe ich auch immer wieder als konservierenden Faktor, und dieses Prinzip gilt überall in jeder Sprache. Manchmal reicht auch, wenn es zwei, drei Höhenzüge sind, die ein Tal schwerer begehbar machen, und inzwischen sogar schlechte Straßen dorthin ;)
Kürzlich bei einer Einladung zu einem Landfrauen-Mittagstisch hier ein paar Dörfer weiter konnte ich es erleben und war fast fassungslos, wie sich bei älteren Leuten noch etwas an Begriffen und Aussprachevarianten erhalten hat, wo sich zwei, die sich gegenüber saßen, wahrhaftig nicht verstanden haben. Sie stammten aus Dörfern mit z.T. nur 8 km Entfernung, aber nicht so leicht erreichbar. Solche 'Leckerbissen' erlebt man nicht mehr oft.

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@iwolmis

Danke dir - bei mir ist es Nordhessen. Eine 'Insel' - sprachlich gesehen - kann auch ein abgeschiedenes Tal mit wenig Transportmöglichkeiten sein.

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@Spielwiesen

Es gibt auch andere Inseln. Ich spräche mit meine Frau fast immer Polnisch Zuhause.

Früher habe ich Ungarisch, Slowakisch, Bulgarisch, Russisch gesprochen. Aber ohne direkten Kontakt, vergisst man es.

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@Spielwiesen

Na ja, Insel kann sich vergrößern :-)

Derzeit versuche ich "unseren Flüchtlingen" zu helfen - Fahrräder montieren und reparieren.

Auf meine Karte ist Afghanistan und Polen nur um 1,5 cm entfernt.

Nur die Sprache macht mir noch Probleme :-) Arabische Schrift - OK, aber die Sprache - OK die Leute Lernwen schneller Deutsch, als ich, die andere Sprache :-)

Ciao

Es war super, mit Dir zu plaudern.

Nur Inseln? - es ist halt Archipel :-)

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@Spielwiesen

Es gibt auf Sizilien noch einige Bewohner die eine Sprache sprechen, die sonst nirgends auf der Insel gesprochen wird. Im Moment fällt mir der Name dieser Bewohner nicht ein. Es leben nicht mehr allzuviele dieser Bewohner und irgendwann wird diese Sprache dort aussterben.

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@Ontario

Das klingt wie ein absoluter Leckerbissen für Feldforschung für Romanisten!! Dort wird sich eine bestimmte Melange aus Italienisch bzw. Vulgärlatein, Altgriechisch und Arabisch sozusagen endemisch entwickelt haben (so ähnlich, wie man es bei Pflanzen und Tieren z. B. in Australien und Neuseeland beobachtet). Danke und viele Grüße

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Keine. Es sind viele Aspekte, die verloren gingen und viele neue, die in den letzten Jahrhunderten hinzukamen.

Von der Aussprache ist Sardinisch am nächsten. Grammatikalisch sieht es düsterer aus und da hat jede romanische Sprache einen anderen Teilaspekt beibehalten.

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