welche erkenntnis hinsichtlich der Willens- und handlungsfreiheit gewinnen sie aus dem ödipus mythos

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Zunächst ist Vorsicht angebracht, aus einem Mythos wie aus einer sicher belegten Geschichte Erkenntnisse gewinnen zu wollen. Einem Mythos können Erkenntnisse über das Denken und die Vorstellungen der Personen abgeleitet werden, die ihn geschaffen haben oder in ihrem Weltbild von ihm bestimmt sind. Was sich dabei inhaltlich ergibt, sind aber nicht unbedingt zutreffende Meinungen über die Sache selbst. An einem Mythos kann möglicherweise modellhaft ein richtiger Gedanke veranschaulicht werden. Gedanken in einem Mythos können aber auch falsche Urteile und Erklärungen sein.

Außerdem hängen Folgerungen zur Handlungs- und Willensfreiheit von der Deutung des Mythos von Ödipus ab (in der Auslegung der Tragödie des Dichters Sophokles über König Ödipus gibt es beispielsweise große Abweichungen).

Handlungsfreiheit (was gewollt wird, kann getan werden) ist vorhanden, wobei der Handlungsspielraum unterschiedlich groß ist, je nach Person und Situation. Sie ist nicht unbegrenzt (mächtige Personen wie z. B. Könige lassen nicht alles zu, eine Seuche übt eine Druck zum Suchen nach einem Ausweg aus dieser Not aus).

Die Willensfreiheit halten die Personen im Mythos für grundsätzlich gegeben (Ödipus möchte in seinem von ihm selbst gewählten Wollen prophezeite Untaten vermeiden), sehen sich allerdings zum Teil in innere bestimmten Lage unter einem bestimmten Gesichtspunkt von fremden Einflüssen getrieben und gelenkt.

Manche deuten den Mythos als Erzählung von einem unentrinnbar sich vollziehenden Schicksal. Orakelsprüche sagen die Zukunft voraus, der Gott Apollon schient den Ablauf zu kennen und zu bestimmen. Dann ist scheinbar kein Platz für Freiheit vorhanden. Tatsächlich sind die Personen aber zwar Einflüssen ausgesetzt, aber das Geschehen hängt von ihren Entscheidungen ab und sie sind mitverantwortlich. Die Selbstblendung des Ödipus ist keine Erfüllung einer Prophezeiung, sondern eigene Wahl, wohl im Affekt (Gefühl der Schande wirkt ein).

Ödipus erleidet ein schlimmes Schicksal durch sehr unglückliche Umstände, wobei er aber auch durch eigenes falsches Verhalten einen Anteil daran hat. Obwohl er durch ein Orakel vorgewarnt war, hat er einen Mann (Laios) getötet, der der Alter nach sein Vater sein konnte, und eine Frau (Iokaste) geheiratet, die seine Mutter sein konnte.

Er war kein böser Mensch, hat sich aber - durch einen vorangegangenen Übergriff provoziert - im Zorn hinreißen lassen bzw. aus Freude über die neue Stellung als König von Theben (Ehrgeiz ist bei ihm erkennbar) bei der Heirat nicht vorsichtig genug durch genauere Erkundungen achtgegeben.

Als Jahre später die Pest ausbricht, verrennt er sich immer mehr aus Sturheit, Verliebtheit in die Herrscherstellung und Eitelkeit über seine Intelligenz und ist in seiner lange anhaltenden Verblendung nicht wirklich bereit, auf Hinweise anderer zu hören. Dabei hat er gute Absichten, die Angelegenheit durch rationale Überlegungen aufzuklären und für das Wohl der Stadt zu sorgen.

An dem Unglück haben also menschliche Charakterschwächen einen Anteil. Die ganz unverhältnismäßigen Folgen können Mitleid und Erschrecken auslösen. Ein Lernen ist in der Richtung möglich, grundsätzlich auch nicht vor solchen Schwächen sicher zu sein und die Bedeutung der Kultivierung von Affekten zu erkennen.

Negative Ereignisse, Fehlschläge, Katastrophen sind nicht, wie in unserer Kultur tief verwurzelt, Strafen eines Gottes für Fehlverhalten der Person. Schuld ist nicht an eine Abweichung von Geboten gekoppelt. Solche Ereignisse sind vielmehr unvermeidliche Bestandteile des gesamten Lebens, wir müssen lernen, mit damit ohne das übliche schlechte Gewissen oder eine Schuldempfindung umzugehen!

Das wiederum kann man nur dann, wenn man sich von der Vorstellung löst, es gäbe eine zentrale und alleinige Gottheit, der seinen Geschöpfen gegenüber gütig eingestellt ist. Wie müssen mit der Wahrheit leben, dass das Universum in sich widersprüchlich aufgebaut ist!

Der Mensch verfügt dabei über die Fähigkeit und das Bestreben, diese in sich widersprüchliche Welt neu zu ordnen, die destruktiven Widersprüche aufzuheben oder zumindest zu entschärfen. Diese Erkenntnis führt über das Denken der monotheistischen Kulturen hinaus!

(Ich nehme an, deine Frage ist das Thema einer Schulaufgabe; das sind mal einige Denkanregungen!)

Was ist der Hintergrund der Frage? Fach? Das was Du denkst oder was die alten Griechen gedacht haben könnten? Müßte man schon wissen, um sie beantworten zu können.

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