Welche Bedeutung sollte der Gottesglaube heute für die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens haben?

...komplette Frage anzeigen

17 Antworten

Die Bedeutung, die die Mitglieder der entsprechenden Gesellschaft dem Gottesglauben geben!

Es ist absurd, wenn hier gefordert wird "gar keinen". Denn natürlich haben religiöse Menschen das gute Recht, ihren Glauben in das gesellschaftliche Leben einzubringen.

Genauso absurd wäre es, wenn gefordert hier, der Gottesglaube soll alles in der Gesellschaft bestimmen. Natürlich haben Atheisten und Menschen, denen der Glaube nicht wichtig ist, das Recht, ihre Ansichten in das gesellschaftliche Leben einzubringen.

Also das Maß der Bedeutung von Religion wird sich immer nach dem gelebten Glauben ändern.

Grüß Dich Groasiche!

Da muss man zuerst fragen, was Du unter Gott verstehst. Wenn es ein Gott ist, der personal gedacht ist, dann sollte man sich davon verabschieden. Es kann nicht sein, das eine "gottgefällige" Politik gemacht wird. Das geht zu weit!

Wenn unter Gott etwas verstanden wird, was apersonal also als ein ES verstanden wird, dann sieht das anders aus.

Deshalb muss an dieser Stelle der berühmte und längst verstorbene Psychoanalytiker Erich Fromm zitiert werden. Dazu muss vorweg gesagt werden, das eine Gesellschaft aus lauter Individuen besteht. Deren Gesamtbefindlichkeit besteht aus der Summe der Befindlichkeiten der Individuen.

Erich
Fromm.


Auszug
aus „Psychoanalyse und Religion“.

Seite
39.


"Gemäß autoritärer Religion ist Gott das Symbol von Macht und Stärke, er ist über alles erhaben, weil er die überlegene Macht besitzt, und
der Mensch ist im Gegensatz dazu vollkommen ohnmächtig."

***

Gäbe es eine Politik, die ausschließlich auf solch einen Gott ausgerichtet ist, dann würden sich die Politiker zum Vollstrecker dieses Gottes machen. Wohin das führt, ist im unaufgeklärten Islam (Beispiel arabische Länder), im orthodoxen Judentum (Beispiel Israel) und im orthodoxen Christentum (Beispiel Russland) zu beobachten.

***

Weiter mit Erich Fromm:

Humanistische Religion hingegen bewegt sich um den Menschen und seine Stärke. Der Mensch muss seine Kraft der Vernunft entwickeln, um sich selbst,
seine Beziehung zum Mitmenschen und seine Stellung im Universum zu
verstehen. Er muss die Wahrheit erkennen, sowohl hinsichtlich seiner
Grenzen, als auch seiner Möglichkeiten. Er muss seine Kräfte der Liebe für andere, aber auch für sich selbst, zum Wachsen bringen und muss die Solidarität mit allen lebenden Wesen erfahren. Er braucht Prinzipien und Normen, die ihn zu diesem Ziele führen."

"Religiöse Erfahrung bei dieser Art von Religion heißt Erfahrung des Einsseins mit dem All, gegründet auf der Bezogenheit zur Welt, wie sie jemand in Denken und Liebe erfasst. Das Ziel des Menschen in einer humanistischen Religion besteht darin, seine größte Stärke, nicht seine äußerste Ohnmacht zu erreichen; Selbstverwirklichung ist Tugend, nicht Gehorsam."

***

Logischerweise muss das enorme Auswirkungen auf die Gesellschaft haben.

***

Wieder Erich Fromm:

"Glaube bedeutet Sicherheit der Überzeugung, die auf jemandes Erfahrung im Denken und Fühlen aufbaut, nicht aber die Annahme von Lehrsätzen, aufgrund der Achtung vor dem, der sie vorgibt. Die vorwiegende Stimmung ist Freude, während sie in autoritären Religionen in Leid und Schuld besteht."



Hier ist sehr schön herausgearbeitet, wie unterschiedliche religiöse Vorstellungen den Menschen richtungsweisend prägen können. Alle Religionen, die Gott als Person ansehen kann man als autoritär begreifen. In einer humanistischen Religion kommt das nicht vor.

Nun muss man aber sagen, das die augenblickliche religiöse Situation in Europa so ist, das humanistische religiöse Auffassungen vom Christentum okkupiert  sind (Säkularisation) und als christlich ausgegeben werden, was so aber nicht stimmt. Der Humanismus ist keine Erfindung des Christentums.

Anderseits gibt es aber immer noch in den christlichen Parteien diese autoritären Züge, besonders in der CSU, die ja katholisch geprägt ist und von dieser Kirche moralisch unterstützt wird.

Wenn wir eine Gesellschaft hätten, die ausschließlich religiös humanistische Züge hat, also das Christentum keine Rolle mehr spielte, dann sähe auch die Politik anders aus. Klar, weil ja die meisten Mitglieder der Gesellschaft (Individuen) die Wesenszüge aufwiese, von denen Erich Fromm schreibt. Aber bis das soweit ist, wird es wohl noch ein langer Weg werden.

Herzlichen Gruß
Rüdiger

Zusatz:

Erich Fromm:

"Während Gott in einer humanistischen Religion das Bild des höheren Selbst des Menschen ist, ein Symbol dessen, was der Mensch potentiell ist oder werden sollte, wird er in einer autoritären Religion (Judentum, Christentum, Islam) zum einzigen Besitzer dessen, was ursprünglich dem Menschen gehörte: seiner Vernunft und seiner Liebe. Je vollkommener Gott wird, desto unvollkommener wird der Mensch. Er projiziert das Beste was er hat auf Gott und schwächt sich auf diese Weise selbst. Nun mehr ist alle Liebe, alle Weisheit, alle Gerechtigkeit bei Gott und der Mensch ist dieser Eigenschaften beraubt, ist leer und arm."

Damit will ich es belassen. Was das für Folgen hat, das kann man in seinem Buch Psychoanalyse und Religion sehr schön nachlesen.

0

Diese Frage erscheint mir sehr allgemein gestellt und ich weiß nicht ob ich sie "zufriedenstellend" beanworten kann. Sie klingt auch etwas nach Hausaufgabe, kann das sein?

Jedenfalls, mein "Gottesglaube" (ich bin Christ) wirkt sich zuerst einmal nicht auf die Gesellschaft aus, denn das ist eine persönliche Beziehung.

Was sich jedoch (indirekt) auf die Gesellschaft auswirkt, ist das was sich daraus ergibt: Meine Art zu denken, zu handeln, zu leben. Mein Menschenbild. Wofür und wogegen ich mich engagiere und wie ich mit anderen Menschen umgehe. Und auch wenn ich nur ein kleines Rädchen im Getriebe bin, ein Mensch unter vielen, so hat auf diese Art mein "Gottesglaube" Einfluss auf die Gesellschaft und verändert diese!

Was möchtest Du wissen?