Welche Auswirkungen hatte Platons Seelenlehre?

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Wer unter den Philosophen sich mit philosophischer Seelenlehre bzw. Psychologie, hat sich oft ausdrücklich oder ohne direkte Nennung mit Platons Auffassungen auseinandergesetzt oder Auffassungen vertreten, die sie abänderten bzw. davon sehr abweichend davon waren.

Die Anzahl ist daher sehr groß.

Abwandlung und neue Gedanken (mit teilweiser Ablehnung platonischer Auffassungen verbunden, aber auch in vielem nahestehend) gibt es bei Aristoteles, vor alle Περὶ ψυχῆς (Über die Seele; lateinisch: De anima).

Die Seele versteht Aristoteles als die erste Entelechie (Verwirklichung/Erfüllung/Vollendung) eines natürlichen, der Möglichkeit nach Leben habenden, mit Organen versehenen Körpers (ψυχή ἐστιν ἐντελέχεια ἡ πρώτη σώματος φυσικοῦ δυνάμει ζωὴν ἔχοντος 2, 1, 412a 31 – 32; ἐντελέχεια ἡ πρώτη σώματος φυσικοῦ ὀργανικοῦ 2, 1, 412 b 5 -6)

Der Körper/Leib ist der Möglichkeit nach (δυνάμει), was aus ihm in Verbindung mit der Seele wird. Als Verwirklichung (Aktualität) des Körpers ist die Seele dessen (wesensmäßige) Form, Zweck, Bewegungs- und Lebensprinzip.

Aristoteles hält die Seele für einerseits von einem Organismus (Vorliegen materiell realisierter Organe) abhängig, andererseits für immateriell und das, worin, was die Organe vermögen, allererst zur Anwendung kommt.

Aristoteles nimmt keine Unsterblichkeit der individuellen Seele an. Die Seele existiert nicht abgetrennt vom lebendigen Leib. Weil sie die Entelechie der leib-seelischen Ganzheit ist, gibt es nach Aristoteles für sie kein von Leib abgelöstes Dasein. Eine Ausnahme stellt der nicht an ein Organ gebundene Geist dar. Bei ihm ist zwischen einem vergänglichen, an den Körper gebundenen und mit ihm untergehenden und einem körperlosen, daher unvergänglichen und daher göttlichen aber auch unpersönlichen/nichtindividuellen Bestandteil zu unterscheiden (ohne jede Erinnerung an das Leben eines Individuums) An ihm hat die Seele wohl teil, ist aber einzelne Seele nur durch ihre Verbindung mit einem Leib und als einzelne folglich mit diesem sterblich (2, 4, 413 b und 2, 4 – 5, 429 a – 430 a).

Der Geist ist ein Vermögen in der Seele, das Denkvermögen. Aristoteles unterscheidet beim Geist (νοῦς [nous]):

a) rezeptiver/aufnehmender/passiver/erleidender Geist (νοῦς παθητικός), der Gegenstände nicht in ihrer Materialität, sondern in ihrer (wesensmäßigen) Form aufnimmt

b) spontaner/aktiver/wirkender/tätiger Geist (νοῦς τῷ πάντα ποιεῖν), kein weiteres Seelenvermögen, vielmehr gibt es einen gemeinsamen Gesichtspunkt eines aktuell und potentiell (das Intelligible) erkennenden Geistes/Intellekts

Platons Gedanken vertritt in seinen grundsätzlichen Ansätzen zumindest im Kern die alte und mittlere platonische Akademie, beginnend mit Speusippos und Xenokrates.

Der Neuplatonismus verteidigt platonische Auffassungen. Sie erörtern, zum Teil mit unterschiedlichen Meinungen, wie zu einzelnen Gesichtspunkten Platon am besten verstanden und ausgelegt wird.

Ein wichtiger Neuplatoniker ist Plotin, dessen Philosophie stark in einem Versuch besteht, Platons Gedanken richtig zu verstehen und zu deuten. Dabei werden Unterscheidungen verfeinert.

Die Seele hält Plotin für eine weitere selbständige Natur bzw. Substanz (Hypostase; ὑπόστασις [hypostasis]) neben dem jenseitigen Einen (ἕν [hen]), das die Totalität alles Seienden überrage, und dem Geist (νοῦς [nous]), der diese Totalität in Sinne reiner Denkgegenstände enthalte.

Gleichwohl sei die Seele als ein Lebens- und Erkenntnisprinzip zu betrachten, das aus dem Geist stamme und zu ihm zurückkehren müsse, da sie ihrem in und her laufend voranschreitendem Denken (διάνοια [dianoia]) nur suche, was jener bereits habe. Erst in der Rückkehr der Seele in den Ursprung liege die Verwirklichung (ἐνέργεια [energeia]) ihres eigentlichen Seins.

eine hilfreiche Einführung zu Plotin und seiner Seelenlehre ist:

Jens Halfwassen, Plotin und der Neuplatonismus, Originalausgabe. München : Beck, 2004 (Beck'sche Reihe : Denker ; 570), S. 98 – 141 (V. Seele, Welt und Mensch)

einige weitere Neuplatoniker: Porphyrios, Damaskios, Syrianos, Proklos

Die Stoiker vertraten die Auffassung, die Seele sei körperlich und ein besonders feines Stoff (also materiell). Sie nannten sie beispielsweise auch einen warmen Hauch. Für unsterblich hielten sie nur die Weltseele, nicht die Einzelseelen, aus denen sie bestehe. Die platonische Unterscheidung von drei Strebeformen/Teilen/Arten) der Seele lehnten sie ab.

Die Epikureer (Epikur und die ihm folgende philosophische Richtung) hielten die Seele für aus äußerst feinen Atomen zusammengesetzt und sterblich (vgl. z. B. Lukrez, De rerum natura 3, 258 – 272)

Christliche Autoren (Theologie/Philosophie) der Spätantike betonten gegen Platon das Geschaffensein der Seele (Tertulllian, De anima 4, 2) oder hielte dies ein einer auf Übereinstimmung zielenden Lesart für bei Platon erkannt (Augustinus, De civitate Dei 10, 31). Die Seele sei nicht durch ihre eigene Natur wirklich, sondern durch Gott.

Übersicht zur Seelenlehre der Antike:

Walter Mesch, psychê. In: Wörterbuch der antiken Philosophie. Herausgegeben von Christoph Horn und Christof Rapp. Original-Ausgabe. München : Beck, 2002 (Beck'sche Reihe ; 1483), S. 379 – 384

Für die Folgezeit noch einige Hinweise.

Bei René Descartes tritt ein Dualismus zwischen zwei Substanzen auf, der ausgedehnten Sache (res extensa) und der denkenden Sache (res cogitans). Im Cartesianismus schließen sich die beiden Begriffe Leib und Seele nicht mehr nur gegenseitig aus, sondern sollen darüber hinaus das Ganze der endlichen Wirklichkeit erfassen.

Eine Person ist für Descartes etwas Zusammengesetztes, eine Verbindung von zwei Substanzen als eine funktionale Einheit.

Descartes trennt scharf Materie und Geist, die Organismusfunktion wird nicht durch substantielle Formen, sondern durch die Materiemodi Bewegung (motus) und Figur/Gestalt (figura) erklärt, die aufgrund der Naturgesetze eine organisierte Anordnung von Korpuskeln hervorbringen können. Bei menschlicher Geneigtheit/Analge (dispositio) gießt Gott der Maschine (eine mechanische Sichtweise des Organismus) Körper eine geistige Seele ein, die im Körper willkürliche Bewegungen veranlaßt und der Körper veranlaßt, undeutliche Gedanken (cogitationes). Als organischer Sitz der Seele gilt die Zirbeldrüse (Informations- und Bewegungszentrale des Automaten). Der Geist als ganzer ist im ganzen Körper und in jedem beliebigen Teil des Körpers. Die Verschiedenheit von Geist und Materie ist beweisbar, aber ihre Vereinigung nur aus der alltäglichen Erfahrung bekannt.

Die Seele ist bei Descartes Formprinzip, aber nicht Lebensprinzip. Sie gehört zur denkenden Substanz. Der Begriff Seele ist bei Descartes bedeutungsgleich mit Geist bzw. Verstand oder Vernunft (res cogitans, id est mens, sive animus, sive Intellectus, sive ratio 2. Meditation). Die Seele denkt ohne den Körper. Die Seele ist nach ihm, da nicht ausgedehnter, unteilbarer und unkörperlicher Geist, unsterblich.

Deutliche Abweichung von Platon tritt beim Empirismus auf, z. B. John Locke und David Hume.

John Locke bestreitet die Existenz angeborener Ideen und lehnt in der Erkenntnistheorie etwas der Erfahrung Vorausgehendes ab (was in Gegensatz zu Platon, z. B. seiner Lehre von der Wiedererinnerung (Anamnesis] steht).

David Hume wendet sich gegen die Vorstellung, der Geist des Menschen (oder seine Seele, sein Selbst, sein Ich) sei eine Substanz, ein Einzelding. Den Geist hält er auch nicht für ein komplexes Einzelding, sondern einen Haufen von Perzeptionen (Wahrnehmungen, Erfassungen).

Materialisten wie Julien Offray de La Mettrie oder Paul Thiry d’Holbach stehen in scharfem Gegensatz zu Platon.

Friedrich Nietzsche wendet sich gegen einen Seele-Körper-Gegensatz, hält die Seele für im Grunde ein Wort für etwas am Leib und greift Platon wegen Gedanken vom reinen Geist und dem Guten an sich an.

eine materialreiche Darstellung, aus der etwas ausgewählt werden könnte, ist in einem Nachschlagewerk vorhanden:

Frido Ricken, Seele I. Antike. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 9: Se – Sp. Basel : Schwabe, 1995, Spalte 1 – 1

Burkhard Mojsich, Seele II. Mittelalter: In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 9: Se – Sp. Basel : Schwabe, 1995, Spalte 12 - 22

Edward P. Mahoney, Seele III. Renaissance: In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 9: Se – Sp. Basel : Schwabe, 1995, Spalte 22 – 26

Helmut Holzhey, Seele IV. Neuzeit. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 9: Se – Sp. Basel : Schwabe, 1995, Spalte 26 – 52

Eckard Scheerer, Seele V. Philosophie der Psychologie seit 1850. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 9: Se – Sp. Basel : Schwabe, 1995, Spalte 52 – 89

Auswirkungen können auch in der Nachwirkung bestimmter Werke Platons verfolgt werden, in denen die Seelenlehre ein besonders wichtiges Thema ist.

ein Beispiel:

Theo Kobusch, Wirkungsgeschichte des platonischen Phaidon. In: Platon, Phaidon. Herausgeben von Jörn Müller. Berlin : Akademie-Verlag, 2011 (Klassiker auslegen ; Band 44). S. 175 - 187

Antike Kommentare waren von: Albinus, Numenios, Porphyrios, Iamblichos, Olympiodoros (erhalten), Damaskios in zwei Fassungen (erhalten).

Aus dem Mittelalter ist Avicenna, Liber de anima erwähnenswert.

In der Renaissance schrieb Leonardo Bruni eine lateinische Übersetzung.

In der Aufklärung fand viel Beachtung Moses Mendelssohn, Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele, 1767 .

Karl Spazier, Anti-Phädon, oder Prüfung einiger Hauptbeweise für die Einfachheit und Unsterblichkeit der menschlichen Seele, 1785 wendete sich gegen seine Beweisversuche für die Unsterblichkeit der Seele (schon 1771 kritisierte sie ein anonymer Autor und setzte eine Entwurf aus dem Standpunkt des Deismus dagegen)

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Dazu empfehle ich die Erinleitung von Aristoteles Kategorien von Porphyrios zu lesen. Aristoteles war der erste "Opponent" in diesem Sinne. Auf wen Platon Einfluß in der Philosophiegeschichte hat fragst du?

Auf einfach alle ;)

Hallo! Danke für die Antwort! Ich hatte das schon befürchtet, es fällt mir daher schwer die wichtigsten herauszufiltern, die von Platons Seelenlehre beeinflusst wurden!

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@sophia0815

Die wichtigsten diesbezüglich nennt man für gewöhnlich "Geschichte der Philosophie" ;)

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