Welche anthropologische Grundannahme hat der Marxismus?

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2 Antworten

Der Marxismus hat mit der Lehre des "Dialektischen Materialismus" eindeutig eine materialistische Grundauffassung. Im Konfliktfeld "Individuum - Gesellschaft" betont der Marxismus eher die gesellschaftliche Prägung der menschlichen Entwicklung. Marx kommt zwar vom idealistischen Hegel, hat aber nach eigener Aussage "den Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt". Die hegelsche Dialektik von These-Antithese - Synthese interpretiert der Marxismus als Klassenkampf, als wechselnde Herrschaftsverhältnisse. Religiöse Interpretationen der Welt werden abgelehnt, auch religiöse Zukunftsvertröstungen in jedweder Art Jenseits. Der Marxismus erwartet die Befreiung des Menschen von seiner gegenseitigen Unterdrückung als historische Entwicklung in dieser Welt. Der erhoffte Zeitrahmen ist allerdings überoptimistisch. Allerdings: Zu Marxens Zeit gabe es weltweit gerade mal ca. 700 Millione Menschen. Heute sind es 10 mal soviele. Allein das bringt ganz neue Probleme, von denen Marx noch nichts ahnen konnte.

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pourmaclasse 29.12.2015, 09:34

"Im Konfliktfeld 'Individuum - Gesellschaft' betont der Marxismus eher
die gesellschaftliche Prägung der menschlichen Entwicklung."

Haben Sie hierfür eine Textstelle in einem Primärtext? - zum Verhältnis "Individuum - Gesellschaft" bzw. "Staat - Gesellschaft" ?

Vielen Dank!

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berkersheim 29.12.2015, 10:55
@pourmaclasse

Nicht zur Hand, müsste ich z.B. im Kommunistischen Manifest nachschauen. Man kann es aber auch aus den Grundabsichten ablesen. Die Utopie des Kommunismus bedeutet ja Befreiung des Einzelnen aus seinen Entfremdungen, d.h. letztlich geht es um die Freiheit des Individuums. Auf dem Weg dahin ist aber nach marxistischer Ansicht der Klassenkampf das Medium, in dem die Klärung der Herrschaftsverhältnisse geschieht, d.h. eine starke Gruppenbildung. Im Klassenkampf müssen die Individualinteressen den Klasseninteressen untergeordnet werden. Das geht aus dem ganzen Kommunistischen Manifest hervor und wird später von Lenin noch stärker betont und durch die Führungsrolle der Partei ergänzt.

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pourmaclasse 30.12.2015, 10:30
@berkersheim

Sehen Sie! Da liegt ja gerade das Problem: Ginge es um die individuelle Freiheit, weiß Marx das in seinen, mit hegelschen Kollektivbegriffen gespickten Texten, gut zu verstecken!
Geht es um das Kollektiv, dann geht es bei Marx um die von Ihnen erwähnten Machtverhältnisse - aus denen ich keine individuelle Befreiung schließen kann, denn Macht bedeutet ja nicht Macht über Schicksal, Naturgewalten oder Emotionen, sondern über Menschen - also über jene Individuen, deren Befreiung Sie in den "geklärten Machtverhältnissen" zu vermuten scheinen.
Das wirkt für mich nicht ausreichend um darauf schließen zu können, dass Marx eine spezielle anthropologische Grundannahme hatte.
Vielleicht formuliere ich nochmal anders:
Was dachte Marx wo der Mensch "herkommt"? Hat der Mensch mit dem "Tool" Staat die Gesellschaft geschaffen (Thomas Hobbes), oder wurde der Mensch durch die Gesellschaft was er ist und ist damit der Staat nur eines ihrer Anhängsel (Rudolf Rocker)?

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berkersheim 30.12.2015, 17:14
@pourmaclasse

@ pourmaclasse

Ich sehe Hobbes ebenso wie Marx als Philosophen, die einerseits aus dem idealistischen Denken kommen (Hobbes aus der Scholastik, Marx von Hegel) und sich nach Kontakt mit dem Epikureismus davon befreien, wobei man zwei Dinge festhalten muss: Was uns allgemein als Epikureismus geboten wird ist bereits durch die idealistische Brille gefärbt. Beide, Hobbes und Marx stoßen da bereits durch Beschäftigung mit dem "Ur-Material" tiefer und kommen beide bereits zur Vorstellung, dass historisch sich Prozesse vollziehen, durch die der Mensch als Individuum wie als gesellschaftliches Wesen mitgestaltet wird, das er aber auch in beiden Verhältnissen mitgestaltet. Ich muss gestehen, erst durch Marx ist mir der wechselseitige Prozesscharakter der Entwicklung aufgegangen, bevor ich ihn dann auch bei Epikur erkannt habe. Ein Soziologe, der das sehr gut beschreibt, ist Norbert Elias. Der Begriff "Tool" ist mir dabei zu konstruktivistisch und der Staat ist nicht einfach nur ein "Anhängsel". Beide Begriffe betonen nur eine Seite der wechselseitigen Beziehung. Als politischer Propagandist weicht meiner Meinung nach Marx später von dieser offenen Wechselseitigkeit ab hin in einem immer deterministischer gefassten Automatismus der Entwicklung hin zum Ideal des Kommunismus.

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pourmaclasse 12.01.2016, 11:23
@berkersheim

"Beide, Hobbes und Marx stoßen da bereits durch Beschäftigung mit dem "Ur-Material" tiefer und kommen beide bereits zur Vorstellung, dass  historisch sich Prozesse vollziehen, durch die der Mensch als Individuum wie als gesellschaftliches Wesen mitgestaltet wird, das er aber auch in beiden Verhältnissen mitgestaltet"

Vielen Dank! Wo kann man das bei Marx nachlesen?

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Die Beantwortung allgemeiner anthropologischer Fragen wie "ist der Mensch an sich gut oder böse" und dergleichen lag Marx völlig fern. Auch moralische Erwägungen finden sich bei ihm nicht. Im Gegenteil betont er immer wieder, dass der Kapitalist als solcher nicht "böse" "egoistisch" oder "gierig" ist, sondern eine ihm vorgegebene und im Kapitalismus notwendige Rolle spielt. (Die "Entfremdung" trifft deshalb auch den Kapitalisten). Da es Marx darum geht, das Individuum zu befreien, d.h. gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen, in denen jeder seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen entsprechend leben kann, lässt sich immerhin sagen, dass er den Menschen als vernunftbegabt und als zur Kreativität fähig ansah und als fähig erachtete, sein Leben in freier Selbstbestimmung zu gestalten, was sich mit religiösen oder anderen deterministischen Auffassungen nicht vereinbaren lassen würde. Dass Marx nur oder vorwiegend kollektivistische Vorstellungen gehabt hätte, würde ich entschieden bestreiten. Natürlich sieht Marx die Menschen als soziale Wesen, d.h. grundsätzlich kann kein Mensch für sich allein existieren. Die Produktion der Menschen ist seit der Frühzeit immer gesellschaftlich. In den verschiedenen Epochen ist nur die Art und Weise der gesellschaftlichen Produktion verschieden. In einer Marktwirtschaft wird die Vergesellschaftung nur sehr vermittelt über den Markt und über das Medium Geld hergestellt. Dies führt zu einer Reihe von Problemen, wie z.B. die Klassenherrschaft, die Abhängigkeit aller Menschen von Verwertungskriterien usw. Am meisten leidet darunter die Arbeiterklasse, weshalb es für Marx nahe liegend war, dass diese irgendwann aufbegehrt und für einen Umsturz der Verhältnisse sorgt.  Die "Befreiung der Arbeiterklasse" ist für Marx deshalb gleichbedeutend mit der Befreiung aller Menschen. Marx hat aber nirgendwo behauptet, dass es in einer klassenlosen kommunistischen Gesellschaft keine Kriminalität oder keinen Ehebruch mehr gibt. Immerhin: Wenn es kein Geld mehr gibt, gibt es natürlich auch keine Banküberfälle mehr. Und vom Institut der Ehe war Marx auch nicht wirklich überzeugt.  

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pourmaclasse 12.01.2016, 11:20

Das heißt, Ihrer Auffassung nach, gibt es keine (publizierte) Äußerung von Marx, bezüglich allgemeiner anthropologischer Fragen?

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