Weist die Homöopathie mehr Nachteile als Vorteile auf?

6 Antworten

Hallo rolfmartin,

ich denke, das hängt davon ab, was man als Vor- und als Nachteil sieht.

Zunächst einmal ist die Homöopathie einfach nur eine historische Arzneimitteltherapie, die es seriös einzustufen gilt. Das ist längst passiert - aus wissenschaftlicher Sicht ist die Sache sehr eindeutig:

  • Durch die Verdünnung sind in den allermeisten handelsüblichen Homöopathika einfach keinerlei Wirkstoffe enthalten. Homöopathische Arzneimittelprüfungen liefern nur Zufallsergebnisse nach dem Post-Hoc-Irrtum, die entstehenden Arzneimittelbilder können dann in der Praxis nur noch einseitig bestätigt, aber nie mehr widerlegt werden. Auch Niedrigpotenzen wirken nicht in der in den Arzneimittelbildern versprochenen Art und Weise.
    Praktisch alle Homöopathika sind Placebos.
  • Das Verfahren der Potenzierung widerspricht explizit sich bestens bewährendem Wissen der Naturwissenschaften. Diese sagen klar, dass es keinen Unterschied macht, ob wir auf einmal oder schrittweise verdünnen oder ob wir zwischendurch schütteln.
  • Die Studienlage passt im Ganzen sehr gut zur naturwissenschaftlichen Vorhersage: Methodisch schwache Arbeiten haben erheblich größere Chancen, Effekte über Placebo zu messen, als saubere und große Studien. Bei echten Effekten (nicht nur statistischen Artefakten) wäre es umgekehrt; zudem sind die Effekte sehr oft winzig und klinisch oft nicht relevant. (Signifikanz ist ja etwas anderes als Relevanz)
  • Die positiven Erfahrungen der Patienten sind - anders als halt Viele sehen wollen - auch bestens erklärbar und kein Beleg für eine Wirksamkeit der Arzneien

Kurz: Von der Sache her ist die Homöopathie einfach nicht das, was sie vorgibt zu sein: Eine Arzneimittellehre. Sie ist eine Placebotherapie. Der Punkt ist, dass das eine wertneutrale Einschätzung ist - also weder ein Vor- noch ein Nachteil. Es ist eben so (auch wenn es den Homöopathen nicht passt.)

Es wäre nun bei der Beurteilung der Frage nach den Vor- und Nachteilen der Homöopathie unrealistisch, dabei außer Acht zu lassen, dass die Homöopathie in der gesellschaftlichen Praxis etabliert ist. Sie ist über gesetzliche Sonderregelungen vom Gesetzgeber in einen Schutzraum gestellt worden, der es ihr auch als Placebo erlaubt, im Arzneimittelgesetz verankert zu sein.

Die Nachteile dieser Situation liegen auf der Hand:

  • Der Patient wird vom Homöopath nicht über den Placebocharakter der Kügelchen aufgeklärt. Das ist ein Verstoß gegen die ärztliche Aufklärungspflicht, die neben Risiken auch den zu erwartenden Nutzen einer Therapie umfasst.
  • Schlimmer noch: Der Patient kann anders als bei anderen Placebos hier nicht wissen, ob sich sein Therapeut des Placebocharakters der Mittel bewusst ist - oder das Mittel verordnet im Glauben, gezielt wirksam zu behandeln. Nicht zuletzt aufgrund dieses Gefährdungspotentials durch Therapieverzögerung ist die Homöopathie explizit aus den offiziellen Richtlinien zum "Placebo in der Medizin" der Bundesärztekammer ausgenommen.
  • Um dem Kunden den Placebocharakter zu verschleiern (und den lukrativen Markt mit den homöopathischen Placebos zu schützen) tragen Homöopathen nicht selten scheinwissenschaftliche und sogar antiwissenschaftliche Thesen an den Patienten heran. Wirksamkeitsnachweise werden nicht als der Patientenschutz dargestellt, der sie sind, sondern als verkopfte und unnötige Schikane der "Schulmedizin" oder gar der "Pharmaindustrie".
  • Zum Teil werden Patienten nachweislich wirksame Maßnahmen ausgeredet. Die einzigen Kinderärzte in Deutschland, die in ihrer Praxis nie impften, waren in einer Umfrage homöopathisch arbeitende Ärzte. In England ergab eine Studie eine ähnliche Ablehnung notwendiger Impfungen durch Homöopathen. Zum Teil wird Patienten von Homöopathen geraten, Krebsbehandlungen aufzuschieben oder nicht durchzuführen. Es werden Ängste geschürt, um eigene Pfründe zu verteidigen.
  • Über die von ihren Lobbyverbänden erreichten gesetzlichen Sonderregelungen macht die Homöopathie das Medizinwesen intransparent
    für Patient, Journalist und Politiker. Wir haben eine "Zweiklassenmedizin", in der wirksame und nutzlose Präparate gleichermaßen den Namen "Medikament" tragen dürfen, nebeneinander in der Apotheke stehen und von den Kassen übernommen werden. Die Homöopathie untergräbt damit alle Bestrebungen, das Gesundheitswesen für Patienten transparenter zu machen; das Schlechtreden von Wirksamkeitsnachweisen untergräbt aktiv jeden Verbraucherschutz.
  • Die Homöopathie unterwandert die Ausbildung von Ärzten. Bereits heute hat der Gesetzgeber über die "Zusatzbezeichnung" Homöopathie das Wahlfach Homöopathie an Universitäten gebracht und damit eigentlich gegen die gesetzlich verankerte Zusicherung verstoßen, dass Universitäten autonom arbeiten... und entscheiden, was zum wissenschaftlichen Kanon gehört. Die Universitäten sind diesen Schritt mitgegangen, weil ihnen Lobbyverbände wie die Carstens Stiftung das pseudowissenschaftliche Treiben mit Millionenbeträgen schmackhaft machen.
  • Erkaufte Lehrstühle gaukeln eine Wissenschaftlichkeit vor, die die Homöopathie als feststehende Lehre von ihrem Wesen her nicht hat oder haben kann. Ziel aller homöopathischer "Forschung" ist nicht Wissensgewinn (keine Studie hatte je Auswirkungen auf die homöopathische Verordnungspraxis, es handelt sich um rein "pathologische Forschung"), sondern das Aufrechterhalten eines Status Quo: Patient und Politiker sollen stets glauben gemacht werden, ein Wirksamkeitsnachweis stünde unmittelbar bevor.
  •  Die Homöopathie verhindert mit diesem Einfrieren des Status Quo eine bessere Aufwertung des nachweislich wichtigen Arzt-Patientengespräches in der Medizin. So lange Patienten sich damit zufrieden geben, zu den beliebten Zuckerl belogen zu werden, werden keine Forderungen laut, dass der Arzt einem doch bitte auch bei seriösen Behandlungen zuhören können soll. So bleiben seriöse Beratungsgespräche schlecht bezahlt: Um sich eine Stunde Zeit für einen Patienten nehmen zu können, muss der Arzt ein wissenschaftlich widerlegtes Verfahren anbieten, der Patient muss sich auf ein pseudowissenschaftliches Placeboverfahren einlassen. Viel sinnvoller wäre eine angemessene Bezahlung seriöser und intensiver Patientenbetreuung in Kombination mit nachweislich wirksamen Therapien.


Stehen dem denn auch Vorteile gegenüber?

Placebos mögen in der Medizin einen Platz haben. Über die Beliebtheit, die nun einmal faktisch ist, ergibt sich, dass man manche Patienten möglicherweise tatsächlich nur kompliant in sinnvolle Maßnahmen bekommt, wenn man ihnen komplementär ein homöopathisches Zuckerl gibt. Wo also ein homöopathisches Placebo genutzt werden kann, eine Mutter zu beruhigen, ist es genauso sinnvoll wie jedes andere Placebo - und auch harmloser als ein unnötig verordnetes Medikament. (Die Betonung liegt halt auf "unnötig")

Einen sehr schönen Fachartikel gibt es übrigens genau zu dieser Frage: CAM-Präparate als Placebos: Macht das Sinn?

B. Schöne-Seifert, D.R. Friedrich,J.O. Reichardt:"CAM-Präparate als therapeutische Placebos: wissenschaftstheoretische und medizinethische Überlegungen"
In: Z. Evid. Fortbild. Qual. Gesundh. wesen (ZEFQ) (2015),

https://www.researchgate.net/profile/Jan_Ole_Reichardt/publication/273389349_CAM-Praparate_als_therapeutische_Placebos_wissenschaftstheoretische_und_medizinethische_Uberlegungen/links/5721d68308ae0926eb46c793.pdf

Vielleicht helfen Dir ja die Argumente darin auch weiter?

Grüße


Hallo! Die Homöopathie kann nachteile machen sobald man sich medizinisch darauf verlässt. 

Verweise hier mal auf das Buch von Dr. Theodor Much

"Der große Bluff: Irrwege und Lügen der Alternativmedizin"

Es handelt sich um eine Nonsense-Therapie, eine Geldverschwendung und auch deswegen nicht unbedenklich, weil bei derartigen Scheintherapien bei ernsten Erkrankungen wertvolle Zeit vergeudet wird." <

Sagt eigentlich schon alles. Ich wünsche Dir schöne Ostertage.

Nachteil: Sie kostet erheblich mehr als handelsüblicher Raffinadezucker Auch die Kugelform eignet sich nur sehr bedingt zum Backen.
Vorteil: Zur Feindosierung im Kaffee sehr gut geeignet. Außerdem zahlt die Kasse sonst nicht die Grundzutaten für leckeres Karamell.

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