Was zur Hölle? Der bedeutungs- und wissensorientierte Kulturbegriff

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1 Antwort

Naja, eigentlich haben sich die Ethnologen diesen Kulturbegriff auf die Fahnen geschrieben. Der semiotische Kulturbegriff, bzw. das "Kultur als Text" Konzept hat ja auch Clifford Geertz entwickelt, ein amerikanischer Ethnologe. Aber was Kulturbegriffe angeht hat jedes Fach ja so seine eigene Meinung. Tatsächlich aber wird der ethnologische Begriff mittlerweile auch in anderen Disziplinen (z.B. den Literaturwissenschaften) - fachübergreifend wie es in deinem Text heißt - immer mehr en vogue.

Kurz und knapp gesagt will man mit diesem Kulturbegriff sagen, dass alles was der Mensch tut Kultur ist. Jede, wie auch immer konstruierte oder symbolisch verknüpfte Denk- oder Handlungsweise, ist Kultur. Das umfasst das Weltbild, die Werte und Normen und bestimmte kollektivierte Vorstellungen (wie z.B. die Vorstellung davon was "normal" ist). Man könnte auch sagen, dass das Gegenteil von Kultur, Natur ist. Das bedeutet, dass alles was in irgendeiner Art und Weise vom Menschen "berührt" wird zu Kultur wird:

Die Venus von Milo? Kultur! Die Venus von Willendorf? Kultur!

Weihnachten? Kultur! Junggesellenabschied? Kultur!

Kürbisse an Halloween schnitzen? Kultur! Zähne mit ner Zahnbürste putzen? Kultur!

Ein Berg? Keine Kultur, sondern Natur. Wird der Berg aber religiös verehrt oder hat eine sakrale, symbolische Bedeutung (wie z.B. der Ayers Roch): Kultur

Der Berg an sich - immernoch keine Kultur. Aber die Tatsache, dass der Berg in verschiedenen Sprachen anders benannt wird und die Vorstellung davon, was ein Berg ist (Hill oder Mountain? Hügel oder Berg?) ist Kultur.

Ich hoffe das hat das ganze etwas verständlicher gemacht.

"Kultur als Text" ist ebenfalls ein von Geertz entwickeltes Konzept, dass im Grunde bedeutet, dass Kultur nach obigem Verständnis erst interpretiert werden muss (z.B. muss man erstmal erklären warum Zähneputzen überhaupt Kultur ist) um sie greifbar zu machen und dies fällt am leichtesten durch Texte (indem man z.B. aufschreibt, dass Zähneputzen eine "Kulturpraxis" ist, also mehr ist als das bloße Reinigen der Zähne: es ist z.B. ein kollektiviertes Ritual, dass mit einer gewissen Verpflichtung verbunden ist a la "nach dem Essen, Zähneputzen nicht vergessen". etc. pp.)

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