Was will uns T. W. Adorno mit seinem Vortrag "Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft!" sagen?

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Ab 1981 habe ich Philosophie u. a. m. studiert, da (zer-)störte noch so manche Vorlesung die so genannte "marxistisch-leninistische Gruppe"; aus meiner Sicht waren das StudentenInnen, deren Ziel es war, leninistische Vorstellungen als sektenartige "Elitetruppe" (vgl. heute Scientologen) in die Gedankenwelt anderer Menschen, betont der Studenten als mögliche zukünftige Macht- bzw. Entscheidungsträger der Gesellschaft, radikal zu impfen. Sie wollten gegen jeden "teuflisch"-idealistischen Intellektualismus predigen: Der pure Materialismus als Lebensweisheit, als allein gültige und unumstößlich unverzichtbare Weltanschauung, ohne kulturell-ästhetische Entwicklungen (im Sinne von "Religion ist Opium für das Volk") auch nur im Kleinsten zuzulassen... das war für mich nur die Weiterführung der von jeder Intelligenz befreiten Idee der absoluten "Antiautorität" als antifaschistische Humanität der 68-er, deren deutsche, inhumane Umsetzung man ja in der DDR seit dem Mauerbau 1961 leider doch "wieder" betrachten konnte.

Und da ist nun Adorno, der die Vision hatte, dass die Mehrheit der Menschen der Industriegesellschaft, eben egal ob sie arme Arbeitnehmer oder reiche Arbeitgeber sind, die jahrhundertelang durch den Kapitalismus (Selbstentfremdung des Menschen durch seine täglich unmenschliche Arbeit) quasi gefoltert wird, evolutionär (nicht gewalttätig revolutionär) immer stärker zum sozialistischen Dasein (vgl. christlicher Marxismus) streben wird. Adorno glaubte wohl, der Mensch würde stets freier (mittels "Gleichheit und Brüderlichkeit") und intelligenter werden (wollen) (vgl. zum Beispiel seine musikologische Prophezeiung, dass die Zwölftonmusik allein die Musik der Zukunft würde)!

Und die Soziologie hätte die Aufgabe, den Menschen durch die analytische Betrachtung endlich aller Faktoren in dieser (Nachkriegs-, Nach-NAZI-)Gesellschaft Hinweise oder sogar Methoden zur praktisch umsetzbaren Synthese in dieser gesellschaftlichen Evolution zu geben. Deshalb empfinde ich das "oder" im Titel als spektakuläre Botschaft: "Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft." - Je nach Betrachtungsfaktor war die Gesellschaft ja beides im Sinne nicht nur Adornos, also war das 1968 ein unerträglicher gesellschaftlicher Stillstand, der durch Studentenrevolten gebrochen wurde.

Und darin, vermute ich, beruht die Berühmtheit: Wieder einmal wurde ein in Streitreden ausgeübter gesellschaftspolitischer Gedankenaustausch entweder parallel oder "im Voraus" als ideelles Leitmotiv bei gewalttätigen Ausschreitungen unter den Menschen eines Staates ausgetragen.

Beispiele: Die Entnazifizierung hatte doch viel zu wenig stattgefunden; Genossenschaften wollte niemand, aber "neue" Aktiengesellschaften mit Familieneigentümern, oft aus finanziellen Gründen ehemalige NAZI-Kollaborateure, wurden stillschweigend akzeptiert; die RAF-Mörder brüteten als mögliche "Helden des kommunistischen Antifaschismus"... ja die DDR, eingemauert, offiziell gesagt, damit keine Flüchtlingshorden aus dem kapitalistischen Westen "ins gelobte Land fliehen" konnten, galt als Muster eines marxistisch-leninistischen Staates und deshalb je nach eigener politischer Überzeugung ambivalent als Himmel und als Hölle... 

Ich nehme natürlich an, dass auch Jürgen Habermas, weil auch er immer den restaurativ-kapitalistischen Charakter der jungen Bundesrepublik Deutschland anklagte, im Prinzip wie Adorno dachte; er war allerdings bei dieser Tagung nicht dabei; ich glaube, er war wegen einer Erkrankung verhindert, was kurzzeitig zu Spekulationen führte...

Heutzutage ist der "Klassenkampf" noch viel differenzierter geworden; den typischen Arbeiter gibt es zwar immer weniger - durch die oft tarifvertraglich geschützten Angestelltenverhältnisse und (auch zeitarbeitenden) so genannten Subunternehmer, aber eben diese modernen meist Ein-Personen-UnternehmerInnen betrachte ich als genau so sich entfremdende Menschen, weil sich noch flexibler, eigenverantwortlich nur für ihr Unglück, zum Beispiel zu wenig Auftraggeber zu haben oder zu billig arbeiten zu müssen, und selbst und ständig arbeiten müssen.

Die Digitalisierung schafft selbstredend im Dienstleistungsbereich (mit Folgen für die Produktion, den Transport u. a. m.) eine Unmenge solcher Berufstätigkeiten, die nur mit einer ständigen (ja sogar rund um die Uhr und weltweit möglich) Kundenakquisition auf lange Sicht durchführbar sind. Die Menschen müssen "schulisch" gezielter dafür ausgebildet werden, die Verteilung von Arm und Reich muss gerechter werden, weil jetzt schon die Zahl der durch konstanten Dysstress Erkrankten und der Aussteiger trotz bestem Knowhow für unsere Gesellschaft zu hoch ist: Der derzeitige Fachkräftemangel ist selbst produziert, zum Beispiel durch seit Jahrzehnten im Volks- und Managermund schwelende Leitsätze wie "Karriere statt Kinder!", "Erst Gewinnmaximierung, dann Mitmenschlichkeit!", "Wer über 80 noch lebt, ist selbst schuld!", "Ausbildung statt Bildung!", "Geld regiert die Welt, doch nicht die Menschen!"

Ich befürchte, das hat Adorno nicht geahnt, sein Menschenbild war sozial intellektuell, aber Wohlstand macht zufrieden und Reichtum zunehmend selbstzufrieden. Zum Beispiel ist Umwelt- und Naturschutz ist nur etwas für arme Leute, die Reichen sind stolz auf ihre sichtbare Erhabenheit über die Natur. Bewusste und unbewusste Statussymbole werden immer perfider - und das in allen Dingen - vom menschlichen Klonen über das Zubetonieren und Vergasen gigantischer Städte bis zur immer größeren Produktion von Atomwaffen...

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