Was sind eure Meinungen und Tipps zu Schachtelsätzen?

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7 Antworten

Gerade in Sachtexten neigen wir Deutschsprachigen dazu, unnötig lange und komplizierte Schachtelsätze zu verwenden. Englischsprachige Autoren bevorzugen in der Regel mehrere kürzere Sätze.

Irgendwo muss es eine Vorschrift geben, dass ein Philosoph sich auf Deutsch nicht allgemeinverständlich ausdrücken darf, vermutlich steht darauf Publikationsverbot.

Und selbst wenn nicht - deutsche Philosophen scheinen mir fünf eng ineinander verflochtene Gedanken auch in einer entsprechenden grammatischen Struktur darstellen zu wollen, während englischsprachige Autoren diese Wollknäuel eher auflösen, die einzelnen Fäden dem Leser einzeln darstellen und dann andeuten, wie der Leser das Knäuel wieder zusammensetzen kann.

Im naturwissenschaftlichen Bereich ist es nicht ganz so schlimm.

Bei Zeitungen habe ich oft den Eindruck, dass längere und geschachtelte Sätze dem Leser den Eindruck vermitteln sollen, sowohl der Autor als auch der Leser seien intelligent (v. a. intelligenter als die "dumme Masse" und insbesondere der Bildzeitungsleser). Wenn ich Zeit beim Lesen habe, sind längere Sätze kein Problem, wenn ich aber einen Artikel überfliege, um eine bestimmte Information zu finden, sind sie störend.

Bei Belletristik kannst du sie ohne Weiteres als persönliches Stilmittel einsetzen. Wie bei allen Stilmitteln solltest du dir aber bewusst sein, wie dieses auf den beabsichtigten Leser wirkt und ob diese Wirkung dasjenige fördert oder hemmt, was du beim Leser auslösen willst.

Schachtelsätze im Deutschen wären ein weit geringeres Problem, wenn wir würden anpassen unsere Syntax an die Erfordernisse der sachlichen Kommunikation (im Gegensatz zur Kommunikation über die anderen Kanäle des Vier-Seiten-Modells von Schulz von Thun) und würden verzichten auf die barocke Satzstellung, die setzt Teile des Verbs an das Ende, ja sogar hinter eingeschobene Nebensätze. (Noch zu Luthers Zeiten war m. E. die deutsche Syntax leichter zu verstehen.)

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Kommentar von Bswss
21.11.2016, 13:42

DH! Ein ausgezeichneter Beitrag zum Thema!

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Kommentar von Alicia2809
21.11.2016, 13:58

Danke für den Beitrag und die vielen Informationen. :)

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Ich finde Schachtelsätze haben durchaus ihre Daseinsberechtigung – allerdings würde ich das ganz stark von der Textsorte abhängig machen.

In Sachtexten, wie es viele Aufsätze aus der Schule sind, zeugen sie von sprachlichem Niveau und dort hat man auch komplexe Zusammenhänge, die man miteinander in Verbindung setzen muss, um ordentliche Argumente zu formulieren. (<- ha, Schachtelsatz :P) Für solche Texte würde ich mir das nicht abgewöhnen, solange es noch irgendwo verständlich ist.

Du sagst aber, du schreibst Geschichten. Da finde ich es schon wieder kritischer, da komplizierte Sätze meiner Ansicht nach den Lesefluss stören und in manchen Szenen auch absolut nicht zum Pacing passen. Stell dir mal eine rasante Kampfszene oder eine leidenschaftliche Kussszene mit Schachtelsätzen vor. Man kann in solchen Momenten ja kaum einen klaren Gedanken fassen. Wie soll der Erzähler also komplexe Sätze zusammensetzen?

Lange Schachtelsätze in Geschichten sind für mich schlechter Stil und ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass sie nicht daher kommen, weil man komplizierte Sachverhalte darstellen will, sondern weil der Autor viel zu viel nebensächliche Information in einen Satz pferchen will und es nicht schafft, die Aussage mit treffenden Verben (!) auf den Punkt zu bringen bzw teils auch dem Leser Raum für Interpretation zu lassen.

Du siehst hier also die Schwächen von Schachtelsätzen in Geschichten und ein wenig meine Meinung, dass Schachtelsätze von Autoren stammen, die den Leser kontrollieren wollen. Ich will als Leser meine Fantasie aber fließen lassen!

Schau dir deine Schachtelsätze also mal an und frage dich, welche Informationen wirklich nötig sind, welche Attributsätze du streichen könntest oder wie du den Inhalt anderwertig zeigen könntest. Attributsätze sind nämlich zumeist auch das Gegenteil von "Show, don't tell" ;) Auch ein Problem: Aussagekräftige Verben machen die Erzählung lebendig, Attributivsätze und zu viel Beschreibung verlangsamt dir deinen Text zu einer schnöden Aneinanderreihung von Tatsachen.

Hoffentlich sind da ein paar Anregungen für dich dabei :)

Viel Spaß beim Schreiben!

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Kommentar von Alicia2809
21.11.2016, 12:50

Danke, deine Antwort ist wirklich hilfreich :). Meistens schreibe ich nur für mich, deshalb stört es mich auch nicht so sehr. Schachtelsätze verwende ich wirklich oft, weil mir keine guten Verben einfallen, was mir bisher aber gar nicht richtig aufgefallen ist. Auf jeden Fall, Danke :)

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Oberstes Gebot bei der Kommunikation ist, dass etwas verständlich beim Empfänger ankommt.
Daher gilt es, im Umgangsdeutsch Schachtelsätze möglichst zu vermeiden, vor allem beim Sprechen.
Andererseits möchte man in bestimmten schriftlichen Diskussionen gern Dinge ausdrücken, die bei Anwendung von lauter Hauptsätzen oder einfachen Satzgefügen sehr holprig klingen. Da kann man dann schon auch Schachtelsätze formulieren, wenn man (vorsichtig gesagt) das Niveau des Korrespondenzpartners einbezieht.

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Kommentar von Alicia2809
21.11.2016, 12:28

Vielen Dank für die Antwort :)

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Schachtelsätze sind unbedingt zu vermeiden. Sie verwirren nur und sind auch kein Zeichen für besonders große Eloquenz und Intelligenz. Leider sind "Schachtelsätze" im deutschsprachigen Raum immer noch ziemlich verbreitet - ein Grund dafür, dass die deutschsprachige Literatur international kaum gelesen wird.

Verständliche und klare Sätze bestehen aus maximal zwei Haupt- und zwei Nebensätzen. Am wichtigsten beim scrhiftlichen Formulieren sind LOGIK und der Einsatz entsprechender Konjunktionen und Adverbien. 

Andererseits ist ein Schreibstil, der ausschließlich aus einzelnen kurzen und unverbundenen Hauptsätzen besteht, ebenso furchtbar.

Du kannst das üben:

Nimm einen Deiner Bandwurmsätze und spalte ihn in 3 - 4  besser lesbare Einzelsätze auf. Deine Anfrage z.B. ist schon sehr vernünftig und gut verständlich formuliert. (Weiter so!)

Studiere mal ein paar Artikel angesehener englischsprachiger Journalisten in Bezug auf Satzkonstruktion!

Spätestens bei einer Ausbildung zum Journalisten treibt man Dir die Bandwurmsätze aus.

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Kommentar von Alicia2809
21.11.2016, 14:00

Lieben Dank für die Tipps und den Beitrag. :)

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Schachtelsaetze dienen dazu, komplexere Zusammenhaenge darzustellen, ohne in einen uebermaessig einfachen Stil zu verfallen, jedoch neigt man manchmal dazu, aus Gewohnheit etwa, auch einfache Sachverhalte zu schachteln. 

Ich persoenlich verwende gerne Schachtelsaetze, auch wenn sie schwer zu lesen sind. Immerhin wirkt ein Schachtelsatz fluessiger als drei getrennte Saetze.

Wenn du daran arbeiten moechtest, weniger Schachtelsaetze zu machen, versuche doch, die Sachen so einfach wie moeglich zu beschreiben, in knappen Saetzen, mit moeglichst wenig Nebensaetzen. Damit erschaffst du dir ein Gegengewicht zu deinen Schachtelsaetzen. So ist es dann einfacher, einen Mittelweg zu finden. 

Das finde Ich zumindest.

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Kommentar von Alicia2809
21.11.2016, 12:29

Vielen Dank für die Antwort und danke für den Tipp. :)

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Schachtelsätze können ebenso gut angebracht sein, wie von einem ungenauen Schreiben herrühren. Sie können ebensogut sprachliche Meisterwerke sein, wie kitschige Schwwärmereien eines ungeübten Autors. Es kommt eben darauf an, was in den Sätzen steht.

Der Autor Bodo Kirchhoff wurde für sein Buch "Widerfahrnis" mit dem Deutschen Buchpreis 2016 ausgezeichnet. Seine Sätze sind teilweise lang wie bei anderen Autoren ganze Absätze. Hier einmal ein Beispielabsatz:

"Ja, das waren Schritte. Als würde dort wer, nachdenklich, auf und ab gehen. Reither holte noch seinen Korkenzieher und kniete sich damit im Wohnzimmer auf den Boden, weil dort erstens der Aschenbecher war und zweitens ein Buch lag, das er am frühen Abend entdeckt hatte. Aber eigentlich folgte er nur der Gewohnheit, Dinge, in die man sich hineinknien sollte, auch im Knien zu tun, wie noch im letzten Jahr in seinem Kleinstverlag, wenn er Entwürfe für neue Umschläge auf dem Parkett ausgebreitet hatte - auf einem Tisch bekam man keinen Blick für das Ganze, vom Bildschirm gar nicht zu reden. Und auch eins der wenigen Fotos von sich, die er gelten ließ, zeigt ihn kniend und mit Zigarette im Mund, beobachtet von einer Frau, wobei nur ihre Beine zu sehen sind. Alles an ihm ist zielgerichtet, der zu Boden gestreckte Arm, die im selben Winkel abwärtszeigende Zigarette, das von der Nase diktierte Profil unter noch dichtem Haar, der Blick auf das eigene Tun, mit dem Daumen etwas anzubringen an einem verrotteten Schild, das er als Umschlagmotiv gewählt hat und an das er noch letzte Hand anlegt, wie an jedes seiner Bücher in über dreißig Jahren, bis damit Schluss war. Vorigen Herbst hatte er den Reither-Verlag samt angeschlossener Miniaturbuchhandlung liquidiert und die Parterreetage in einem Frankfurter Altbau verkauft; mit dem Erlös konnte er Schulden bei Druckereien bezahlen, der Großstadt den Rücken kehren und in die Wohnung mit Blick auf Wiesen und Berge ziehen, auch wenn auf den Wiesen Ende April noch Schnee lag. Dafür war man hier, im oberen Weissachtal, der Welt des müden Lächelns entkommen: für alles, was einer wie er zweimal im Jahr gedruckt und gebunden zu bieten hatte."

Entnommen aus: Widerfahrnis, Seite 6/7. Novelle von Bodo Kirchhoff. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-627-00228-2 

Im Schnitt kommen in jedem Absatz des Buches mindestens zwei solche Sätze mit an die 6 Kommata und eventuell noch einem Gedankenstrich oder Semikolon vor. Nun könnte man meinen, es lese sich dem entsprechend schwer. Das ist aber nicht der Fall.

Es gibt hier keine aneinandergereihten Plattitüden oder elende Adverbien und Adjektive in jedem Satzteil, wie man sie oft in Kitschromanen findet. Hier ist alles aufgelöst in erzählte Handlung mit Verben, Verben und noch mehr Verben zwischen treffenden Hauptwörtern. Der Text kommt fast ohne Adjektive aus.

Hier wird nicht beschrieben, wie etwas ist oder war, sondern hier "läuft etwas ab", auch wenn vieles nur vor dem geistigen Auge des Protagonisten im Rückblick "passiert".

Wen hier Satzbau und -länge überfordern, der ist keine gute Lesekost gewohnt.

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Kommentar von earnest
21.11.2016, 21:20

Das geht doch fast alles "schön nacheinander". Und mit fast klinischer Präzision.

Verschachtelungen sehen für mich völlig anders aus.

Aber danke für ein Beispiel mit interessanter Prosa. Das Buch steht jetzt auf meiner Liste. 

;-)

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Kommentar von Alicia2809
21.11.2016, 21:31

Vielen Dank für deine Meinung. :)

Das Beispiel ist wirklich interessant und vielleicht auch eine gute Orientierungshilfe für mich. :)

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Schachtelsätze sind einfacher zu schreiben, weil sie ungenaue, "schwammige" Inhalte verschleiern. Und auch der Leser merkt nicht mehr so genau, wie unpräzise das Ganze eigentlich ist - es klingt halt gut. Erst wenn man einen Schachtelsatz in kurze, prägnante Aussagen auflöst, merkt man manchmal, wo die Ungenauigkeiten liegen und worüber vor dem Schreiben nicht so genau nachgedacht wurde. Deshalb halte ich angehende Redakteure immer zu präzisen Sätzen ohne Verschachtelungen an, weil das schon vor dem Schreiben zum genauen Nachdenken zwingt.

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Kommentar von Alicia2809
21.11.2016, 12:59

Danke schön :) Ich werde nochmal kritisch über die Geschichten lesen. 

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