Was sind die GEMEINSAMKEITEN von Oper und Oratorium?

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Der Hauptunterschied zwischen Oper und Oratorium besteht darin, daß zu einem Oratorium keine Bühnenaktion gehört (auch wenn gelegentlich ein Oratorioum szenisch aufgeführt wird und umgekehrt Opern auch manchmal konzertant aufgeführt werden). Ein Oratorium ist also seinem Wesen nach kein Musiktheater. Entsprechend ist bei einem Oratorium gewöhnlich der Ort der Aufführung nicht in einem Opernhaus.

Ansonsten gibt es zwischen Oper und Oratorium viele Ähnlichkeiten und deshalb ist es möglich, das Oratorium als kirchliches Gegenstück (nämlich geistliche Musik [musica sacra]) zu verstehen.

Gemeinsamkeiten

  • Entstehung in Italien und zu einer ähnlichen Zeit (um 1600 bzw. ein wenig später)

  • Vokalmusik

  • Auftreten von Mehrstimmigkeit

  • verhältnismäßig umfangreiche Handlung

  • Einsatz von einem Orchester, Solisten und Chor

  • Vorkommen gleicher musikalischer Bestandteile wie Ouvertüre, Rezitativ, Arie, Arioso, Duett, Ensembles, Instrumentalstellen

  • Komponisten: In vielen Fällen sind Opernkomponisten auch Oratorienkomponisten gewesen (z. B. Alessandro Stradella, Alessandro Scarlatti, Niccolò Jommelli, Leonardo Leo, Baldassare Galuppi Domenico Cimarosa, Reinhard Keiser, Georg Friedrich Händel, Johann Mattheson, Georg Philipp Telemann, Carl Heinrich Graun, Johann Adolph Hasse). Der musikalische Stil ist nicht grundsätzlich anders. Georg Friedrich Händel hat die Sopran-Arie „Lascia la spina“ aus dem Oratorium „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“ (1707) in der Oper „Rinaldo“ (1711) als „Lascia ch’io pianga“ wiederverwertet.

  • Gesangsanforderungen: Die Solisten haben Aufgaben, die zu einer guten Darbietung eine vorangegangene Stimmausbildung und Gesangstechnik vorauszusetzen, und diese sind bei Oratorium und Oper nicht andersartig (in der Zeit des Barock war eine Belcanto-Schulung üblich).

Günther Massenkeil, Oratorium I. Zur Terminologie und Vorgeschichte. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart : allgemeine Enzyklopädie der Musik. Begründet von Friedrich Blume. 2., neubearbeitete Ausgabe. Sachteil 7: Mut - Que. Basel ; Kassel ; London ; München : Prag : Bärenreiter; Stuttgart ; Weimar : Metzler, 1997, Spalte 741 - 743

Spalte 641: „Als Gattungsbegriff bezeichnet Oratorium allgemein die zu nichtszenischer Aufführung bestimmte Vertonung eines eigens dafür geschaffenen, meist umfangreichen geistlichen und in der Regel nichtliturgischen Textes, der auf mehrere Personen oder Personengruppen verteilt ist. Im einzelnen gibt es jedoch einerseits Oratorien, die nicht alle diese Merkmale aufweisen (szenische Oratorien, weltliche Oratorien). Andererseits gehört auch die bis heute große Zahl solcher Werke zur Gattung, die nicht den Titel oder Untertitel Oratorium tragen. So erscheinen im 17./18. Jh. Begriffe (teilweise mit dem Wortsinn als realer oder typologischer oder inhaltlicher Konnotation) wie historia, melodramma, sacro, componimento sacro, azione sacro, cantata, Kantate, sacred drama, musikalisches Drama, in späterer Zeit und besonders differenziert in Frankreich u. a. mystére, poème sacré, scéne biblique. Ferner kennt man vereinzelt Oratorien mit einem dichterischen Text, der ursprünglich nicht dafür bestimmt war.“

Pietro della Valle bezeichnet sein 1640 in Rom aufgeführtes Werk «Dialogo per la festa della Santissima Purificatione» in einem Brief als «Oratorio della Purificatione». Dies ist das erste vom Komponisten ausdrücklich als Oratorium bezeichnete musikalische Werk.

Aufführungsorte waren Betsäle, Kirchen, Klöster, Erziehungs- und Lehrinstitute (Seminare, Kollegs, ospedali, conservatori), Höfe und andere Regierungssitze, Privathäuser, im 18. Jahrhundert kamen Theater und Opernhäuser hinzu.

Bis Ende des 18. Jahrhunderts stand die außerliturgische Andacht im Zentrum der Aufführungspraxis. Kaum weniger wichtig waren jedoch besondere festliche Anlässe.

Juliane Riepe, Oratorium II. Das italienische Oratorium. 1. Zur zeitlichen Strukturierung. Aufführungskontexte: Auftraggeber, Orte, Anlässe, Publikum. 3. Das Oratorienlibretto. 4. Fragen der Gattungsgrenzen. 5. Zentren der Oratorienpflege in Italien. 6. Das italienische Oratorium nördlich der Alpen. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart : allgemeine Enzyklopädie der Musik. Begründet von Friedrich Blume. 2., neubearbeitete Ausgabe. Sachteil 7: Mut - Que. Basel ; Kassel ; London ; München : Prag : Bärenreiter; Stuttgart ; Weimar : Metzler, 1997, Spalte 744 - 758

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