Was meinte Shakespear als er Neid als grünäugiges Monster darstellte?

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Der Ausdruck „green-ey'd monster? („grünäugiges Monster?) kommt bei William Shakespeare, The Tragedy of Othello, the Moor of Venice (Othello, der Mohr von Venedig), 3. Aufzug, 2, Szene, Vers 166 vor. Jago sagt zu Othello, sich vor Eifersucht („jealousy“; das Wort kann auch „Neid“ bzw. „Mißgunst“ bedeuten, aber in diesem Zusammenhang ist „Eifersucht“ gemeint) in Acht zu nehmen, die ein grünaugiges Monster/Ungeheuer ist, das die Mahlzeit/das Fleisch verhöhnt, vom dem es sich nährt. Die Eifersucht wird mit der Bezeichnung ein Stück weit personifiziert.

Vers 165 – 170

Jago:
„O, beware, my lord, of jealousy;
It is the green-ey'd monster, which doth mock
The meat it feeds on. That cuckold lives in bliss,
Who, certain of his fate, loves not his wronger:
But O, what damned minutes tells he o'er
Who dotes, yet doubts, suspects, yet strongly loves!?

Ähnlich wird bei William Shakespeare, The Merchant of Venice (Der Kaufmann von Venedig), 3. Aufzug, 2.Szene, Vers 112 eine Leidenschaft/ein Affekt „green-eyed jealousy“ („grünäugige Eifersucht“) genannt.

Vers 110 - 116

Portia:
„How all the other passions fleet to air,
As doubtful thoughts, and rash-embraced despair,
And shuddering fear, and green-eyed jealousy! O love,
Be moderate; allay thy ecstasy,
In measure rein thy joy; scant this excess.
I feel too much thy blessing: make it less,
For fear I surfeit.?

Ein Monster ist groß, stark, mißgestaltet, häßlich, gefährlich, angsteinflößend, in gewissem Ausmaß widernatürlich. Es kann schädigen.

Die Bezeichnung „Monster“ ist als Metapher für Neid, Mißgunst oder Eifersucht verwendbar. Es besteht Ähnlichkeiten in den Merkmalen. Neid/Mißgunst/Eifersucht können an Personen, die von ihnen beherrscht sind, nagen, sie gleichsam verzehren. Sie richten Schaden an und sind destruktiv.

Neid bedeutet, anderen etwas nicht zu gönnen, nur weil sie andere sind. Wer neidisch ist, gönnt anderen etwas nicht, ganz egal, ob sie etwas verdienen oder nicht. Unzufriedenheit mit der eigenen Lage wird nach außen zu gerichtet (über das Gute nicht selbst verfügen zu können, bewirkt ein unangenehmes Gefühl, wird als schmerzlich erlebt und als Benachteiligung empfunden).

Eifersucht ist eine Erregtheit des unangenehmen Affekts, eine gewünschte Zuwendung (Liebe, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Zuneigung und Ähnliches) von einer geliebten Person, auf deren Zuwendung ein Besitzanspruch erhoben, dem eigenen Empfinden nach nicht oder nicht in ausreichendem Maß zu bekommen, sondern von jemanden anderem (tatsächlich oder vermeintlich in Bezug auf die Zuwendung begünstigt) verdrängt oder beeinträchtigt zu werden.

Eifersucht ist mit Verlustangst verbunden. Sie ist schmerzend und die Selbstachtung kann gekränkt werden.

Neid und Eifersucht sind nicht dasselbe, aber ähnlich. Eine gemeinsame Wurzel ist geringes Selbstvertrauen.

Neidische möchten gerne etwas haben, was andere besitzen. Eifersüchtige haben Angst, etwas einzubüßen. Sie können das Gefühl haben, zu verlieren, was sie besitzen/haben.

Farbe

Psychosomatische Erscheinungen und Vorstellungen über sie können zur Deutung beitragen, warum die Frage Grün gewählt wird.

Farbe des Neides ist vor allem Gelb.

Bei Krankheit bzw. Erbrechen kann die Haut, besonders die Gesichtsfarbe, blaß/bleich/fahl erscheinen. Dies kann zur Vorstellung führen, jemand sehe etwas gelblich bzw. grünlich aus.

Ein wahrscheinlicher Hintergrund bei Shakespears Metapher ist die aus der Antike stammende Säftelehre (Humoralpathologie). Nach dieser verursacht ein Übermaß oder Mangel von vier Säften (Blut, gelbe Galle, schwarze Galle, Schleim) eine Störung der Gesundheit.

Die ärgerliche Erregtheit der Affekte/Leidenschaften Neid/Mißgunst/Eifersucht kann als damit verbunden aufgefaßt werden, daß besonders stark Gallenflüssigkeit abgesondert wird. Diese ist gelblich bis grünlich.

In der deutschen Sprache gibt es die Redewendungen „Mir kommt die Galle hoch“, „Gift und Galle spucken“, „grün und gelb vor Neid werden“.

Grün kann in manchen Zusammenhängen auch unreif bedeuten und bei Nahrung kann so etwas schlecht bekömmlich sein.

Bei der Othello-Stelle ist wegen des Verzehren einer Mahlzeit/von Fleisch (wobei die Eifersucht den Eifersüchtigen verzehrt und auffrißt) eine Assoziation mit Raubtieren möglich, deren Augen grün erscheinen.

Albrecht 27.06.2014, 04:06

deutsche Übersetzung der Textstellen:

William Shakespeare, The merchant of Venice : englisch/deutsch = Der Kaufmann von Venedig. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Barbara Puschmann-Nalenz. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart : Reclam, 2006 (Reclams Universal-Bibliothek ; Nr. 9800), S. 95:
„Wie alle anderen Leidenschaften in Luft zerfließen, wie zweifelnde Gedanken und überstürzt umarmte Verzweiflung und schaudernde Furcht und grünäugige Eifersucht. O Liebe, sei mäßig, dämpfe dein Entzücken, im Maß zügle deine Freude, zähme diesen Überschwang! Ich fühle zu sehr deinen Segen, verringere ihn, aus Furcht, daß ich unmäßig bin.“

William Shakespeare, Othello : Englisch/Deutsch. Übersetzt von Hanno Bolte und Dieter Hamblock. Herausgegeben von Dieter Hamblock. Völlig revidierte Ausgabe. Stuttgart : Reclam, 1985 (Reclams Universal-Bibliothek ; Nr. 9830), S. 115:
„Oh hütet Euch vor der Eifersucht; sie ist das grünäugige Ungeheuer, das die Speise verspottet, von der es sich ernährt. Der Hahnrei lebt in Seligkeit, der, seines Schicksals gewiß, seine Betrügerin nicht liebt. Aber oh, was für verfluchte Minuten zählt der, der vernarrt ist und doch zweifelt, verdächtigt und doch heftig liebt.“

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