Was meinen Sie, was tut hier Demokrit umgeben von Tier- und Menschengerippen,von Särgen und Grabsteinen?Wie wirkt er auf Sie, wenn Sie auf sein Gesicht schauen?

... komplette Frage anzeigen

2 Antworten

Demokrit wirkt vor allem melancholisch.Er sitzt leicht vorgebeugt und stützt seinen Kopf mit seiner linken Hand ab.

Salvator Rosa, Democrito in meditazione (Demokrit in Meditation/Demokrit beim Nachdenken), Kupferstich 1662 (nach einem entsprechenden Ölbild 1650 – 1651), zeigt den antiken Philosophen in einer vom Gedanken der vanitas (leerer Schein, Nichtigkeit, Eitelkeit) geprägten Darstellung. Zum Teil umgestürzte und zu Ruinen verfallene Bauwerke, einge verstreute Papiere/Blätter von Schriften oder Aufzeichnungen, Knochen/Skelette von Menschen und Tieren, Tierkadaver bzw. Reste davon, die Eule im Geäst als ein nächtliches Tier, das als Unglücksbote verstanden worden ist, Bäume, deren Äste und Zweige zum Teil verdorrt und abgebrochen sind und ein eher düsterer, bewölkter Himmel verweisen auf Endlichkeit, Vergänglichkeit, Verfall.

Das lateinische Substantiv meditatio bedeutet Nachdenken, Denken, Studieren, Vorbereitung, Einübung, das lateinische Verb meditari nachdenken, nachsinnen, denken an, studieren auf, sich vorbereiten, sich einüben. Das italienische Wort meditazione ist davon abgeleitet.

Nach dem Bildtitel denkt Demokrit nach. Er macht einen in Gedanken versunkenen Eindruck.

Links unten steht ein lateinischer Text, der etwas unterschiedlich übersetzt werden kann:

Democritus omnium derisor

in omnium fine defigitur

„Demokrit, der Verlacher aller Dinge/der über alles lacht, wird am Ende aller Dinge festgebannt."

„Demokrit, der Verlacher aller Dinge/der über alles lacht, wird am Ende aller Dinge unbeweglich (bewegungslos, regungslos) gemacht."

„Demokrit, der Verlacher aller Dinge/der über alles lacht, erstarrt beim Ende aller Dinge."

Das Substantiv derisor bedeutet Auslacher, Verlacher, Verspotter, das zugehörige Verb deridere lachen über, auslachen, verlachen, verspotten.
Das Verb defigere (vom Bestandteil figere stammt das Fremdwort fixieren) bedeutet fest anheften, festbannen, festmachen, unbeweglich (bewegungslos, regungslos) machen, erstarren machen. Im Text steht eine Passivform.

Beim Lachen kann es eine große Bandbreite und Vielfalt geben (z. B. ein lautschallendes Lachen, ein fröhliches Lachen, ein spöttisches Lachen, ein leiches/feines/verhaltenes Lachen, ein Lächeln, ein Schmunzeln).

In der Hauptsache ist bei Demokrit klar Melancholie zu beobachten. Daneben lassen seine Augen und Gesichtszüge eine Deutung zu, bei aller melancholischen Grundstimmung gebe es auch ein leichtes Lachen/Lächeln, ihm scheine das Lachen noch nicht ganz vergangen zu sein, sondern ein Rest sei noch da.

Melancholie schließt ein leichtes Lachen/Lächeln nicht aus.

Demokrit ist in einer Rezeption, die sich auf eine Abfolge von unechten Briefen (Briefroman) in den hippokratischen Schriften, bezieht, als Melancholiker gedeutet worden. In dem angeblichen Briefwechsel überlegt zwar Hippokrates die Diagnose Melancholie, verwirft sie aber dann die Meinung einer Gestörtheit. Beim persönlichen Kennenlernen kommt er zu dem Urteil Demokrit, der über die Unvernunft und den Selbstbetrug der Menschen lacht, sei in keiner Weise wahnsinnig, sondern habe recht. Die antike Fälschung ist aber in der frühen Neuzeit oft so verstanden worden, als sei Demokrit ein Fall, bei dem jemand melancholisch geworden sei.

Eine Geschichte, die als Anregung zum Bild beigetragen haben kann:

Heinrich Krauss/Eva Uthemann, Was Bilder erzählen : die klassischen Geschichten aus Antike und Christentum in der abendländischen Malerei. 6., durchgesehene Auflage. München : Beck, 2011, S. 152:

„DEMOKRIT UND DIE SKELETTE

Der Philosoph Demokrit (um 400 v. Chr.) soll sich einmal, um ungestört denken und schreiben zu können, in ein altes Grabmal vor der Stadt eingeschlossen haben. Da wollten ihn einige mutwillige junge Leute erschrecken. Sie verkleideten sich mit weißen Leintüchern und Masken, die wie Totenköpfe aussahen, und tanzten vor ihm herum. Der Philosoph aber schaute nicht einmal auf, so gewiß war er, daß die Seelen der Toten nicht mehr wiederkehren; er sagte nur: «Nun, macht dem Spaß schon ein Ende! »
QUELLE: Lukian, Dialog: Der Lügenfreund (Philopseudeis) 32. - BILD: Rosa, Kopenhagen.“

In Demokrits Ethik war ein bestimmter seelischer Zustand zentrales Ziel, die Euthymie (εὐθυμίη), eine Wohlgemutheit/seelische Ausgeglichenheit/heitere Gemütsruhe/gute Laune.

Die ἀπάθειa (apatheia) der Stoiker und die ἀταραξία (atarxia) der Epikureer haben Ähnlichkeit damit. Bei dem Maler Salvator Rosa ist stoische Beeinflussung in Betracht zu ziehen.

Christiane Wiebel, Italienische Druckgraphik des 15. bis 18. Jahrhunderts : Kupferstiche und Radierungen aus eigenem Besitz. Coburg : Kunstsammlungen der Veste Coburg, 1994 (Kataloge der Kunstsammlungen der Veste Coburg), S. 211:

„Den 1662 datierbaren Radierungen gingen gemalte Fassungen von Rosas Kompositionen voraus. Ein bestimmendes Moment für Rosa, seine Erfindungen in der Radierung zu wiederholen, bestand - entsprechend seinem Selbstverständnis als intellektuellem Künstler - in der durch die Vervielfältigung gegebenen Möglichkeit, die Bildschöpfungen und seine in diese eingegangenen philosophischen und ethischen Gedanken einem Publikum zugänglich zu machen. Mitunter verfuhr Rosa, wie er selbst in einem Brief mitteilt, auch so, daß er durch die Angabe „pinxit" auf seinen Stichen den Eindruck erweckte, es existiere bereits eine gemalte Fassung, um auf diese Weise für eine entsprechende Nachfrage zu sorgen.

Unter den entsprechenden Blättern Rosas ist „Demokrit in Meditation“ das gedanklich wohl komplexeste. Wie andere vergleichbare Blätter Rosas ist auch diese mit einem kurzen Text verbunden, quasi als Essenz der Reflexion des Künstlers. Hier lautet er sinngemäß: „Demokrit, der Spötter über alle Dinge, [ihm] wird hier durch das Ende aller Dinge Einhalt geboten". Darstellungen des zwei gegensätzliche Weltsichten verkörpernden Philosophenpaares - des lachenden Spötters Demokrit und des weinenden Heraklit - waren im 17. Jahrhundert besonders in der Kunst des Nordens ein beliebtes Sujet. Rosa griff dies in der italienischen Kunst zu dieser Zeit ungewöhnliche Thema auf und gestaltete seine Version des Demokrit unabhängig von der Bildtradition. Die melancholische Grundstimmung verbindet Rosas „Demokrit“ mit Bildschöpfungen in der Tradition von Dürers „Melencolia I“. Ein unmittelbarer Bezug besteht, besonders in der Haltung der Hauptfigur und in dem ruinösen Ambiente, zu Giovanni Benedetto Castigliones „Melenacholia“. Ruinöse Relikte antiker Kultur, Urnen und skelettierte Tierschädel bestimmen das Bild auf zahlreichen weiteren Bildern Castigliones. Während Castiglione die Vergeblichkeit menschlichen Tuns in den Künsten und Wissenschaften thematisiert, formuliert Rosa einen umfassenderen Vanitas-Verdanken, der über das von Menschenhand Geschaffene hinaus auch die Pflanzen- und Tierwelt einbezieht, worauf die zahlreichen Tierskelette und der in Teilen abgestorbene Baum verweisen. In dem verendeten Adler links im Vordergrund sieht Wallace einen Hinweis auf die Vergänglichkeit von Stolz und imperialer Macht, der davor liegende Kopf eines Ebers versinnbildlicht die mit dem Schwein in Verbindung gebrachten niederen Instinkte und Laster des Menschen. Weitere Motive konnten auf ikonographische Handbücher zurückgeführt werden, so der umgestürzte Obelisk am linken Bildrand, der u. a. den Kof eines Kindes und eines Greises zeigt und nach Valerianos „Hieroglyphica“ für die „Humanae Vitae Conditio“ steht. Bei Valeriano findet sich auch eine Deutung des vor Demokrit aufragenden Steins, in den ein großes Omega, umgeben von zahlreichen Wiederholungen des Buchstabens M, eingemeißelt ist. Omega, der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets, steht für das Ende aller Dinge. In ähnlicher Bedeutung beschreibt Valeriano eine Pyramide, auf der zehnmal der Buchstabe M dargestellt ist, als Symbol für „Finis " (Ende). Rosas Affinität zu den Gedanken der Stoa, in denen er seinen Wunsch nach Unabhängigkeit und Distanz wiederfinden konnte, machen es verständlich, daß er das Thema der „Vanitas" zum zentralen Bildgedanken wählt. In der Meditation über die Vergänglichkeit aller Dinge läßt sich der Gleichmut im Geiste der Stoa erreichen, der die Grundlage ist für die innere Distanz und Unabhängigkeit von den Zufälligkeiten der Welt, und der auch die Affekte, wie das Lachen des Demokrit, besiegt.“

Thomas Rütten, Demokrit. In: Große Gestalten der griechischen Antike : 58 historische Portraits von Homer bis Kleopatra. Herausgegeben von Kai Brodersen. München : Beck, 1999, S. 232:

„Auch seine Bilderbuch-Karriere zum Prototyp des sanguinischen Melancholikers, eines Schwarzgalligen, dem gewissermaßen das Lachen noch nicht vergangen ist (bei Ficino, Melanchton, Pieter van Foreest, Robert Burton und ikonographisch bei Salvator Rosa, Johann Heinrich Schönfeld und Camille Corot), verdankt Demokrit dieser Brieffolge, was nicht hindert, daß der «historische Demokrit» kaum dem damit gemeinten, freilich noch nicht konzipierten Temperament hätte zugeordnet werden können, da die Stelle des Melancholikers durch sein Pendant, den weinenden Philosophen Heraklit, besetzt gehalten wurde. Nicht einmal Demokrits Lachen scheint vor den unter seinen Namen bzw. unter dem Namen Demokrates überlieferten Fragmenten Bestand zu haben: «Es ist würdig, als Mensch über Menschen Unglück nicht zu lachen, sondern zu wehklagen», heißt es da etwa.“

Thomas Rütten, Demokrit : lachender Philosoph und sanguinischer Melancholiker ; eine pseudohippokratische Geschichte. Leiden ; New York ; København ; Köln : Brill, 1992 (Mnemosyne, Supplementum ; 118), S. 201:  

„In der Mitte des 17. Jahrhunderts finden sich nun eindeutig Bildwerke, die Demokrit als Melancholiker darstellen.“

S. 201 – 203: „Von solchen Demokritporträts als Melancholiker sind hier zu nennen ein Ölbild […] von Salvator Rosa; (1615- 1673), das um 1650-1651 entstanden ist, und ein fast identischer, aber seitenverkehrter Kupferstich […], der ca. 10 Jahre später datiert wird. Beide Werke stehen in unmittelbarer Tradition der Melencolia I […] von Dürer, der die Kopfstützgebärde als Melancholiegestus geradezu kanonisiert hatte, und beziehen aus zwei weiteren Melancholie-Darstellungen, von Fetti (1589 – 1632; […], um 1614) und Castiglione (1610 – 1655, […], 1648) zusätzliche melancholieikonographische Implicationen. Diese von Wallace im einzelnen nachgewiesene Filiation des Dürerschen Kupferstiches in den genannten Werken der italienischen Malerei erlaubt, die Kopfstützgebärde des Demokrit auf den erwähnten Bildern Rosas eindeutig als Melancholiegestus zu interpretieren. Die zahlreichen Vergänglichkeitssymbole , wie Totenkopf, menschliche und tierische Knochen, ein Sarg mit einer Leiche sowie die Ruinenlandschaft mit Mauertrümmern, einem halbverdorrten Baum und dem düster umwölkten Himmel, die Eule als melancholieemblematisches Tier und schließlich verstreute Bücher und Papiere als Zeichen des Sistierens geistiger Produktivität in der Melancholie fügen sich zu einer Bildaussage, die Wallace «the melancholic contemplation oft he fragility of human life and the vanity of human achievment» nennt. Der weise Philosoph brütet über Tod und Vergänglichkeit, die das menschliche Leben unabänderlich überschatten. Die Typisierung als Melancholiker ist unübersehbar und in gewisser Weise schulbildend.“

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von Happiness88
27.01.2016, 11:40

Vielen vielen herzlichen Dank an Ihnen für die supertolle Antwort! 

1

Er lacht, wie es auch der lateinische Text sagt: Demokrit, der über alles lacht, hält erst am Ende von allem damit inne.

Google mal Ataraxie.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von Happiness88
26.01.2016, 17:31

Danke sehr für die Antwort. İch weiss ja, dass Demokrit bekannt dafür war, dass er in jeder Lebenslage ein lachendes Gesicht zeigte, aber gerade auf diesem Bild kann ich, wenn ich mir seine Gesichtszüge anschaue, nicht erkennen, dass er lacht :( Wirkt er nicht irgendwie in Gedanken versunken und betrübt? 

0

Was möchtest Du wissen?