Was kann das Theater heute noch bewegen?

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3 Antworten

Theater ist ein Live-Erlebnis. Egal wie professionell Darsteller und Mitarbeiter agieren, keine Vorstellung ist wie die andere. Und geht mal etwas schief, dann ist Improvisationstalent gefragt. Denn schließlich schauen Hunderte Augenpaare zu. Kino bzw. Film ist eine andere Kunstform, welche sich die Eigenschaft zu nutze macht, nach etlichen Versuchen den einzig wahren Schnappschuss konservieren zu können. Das hat weniger mit Talent als mit Ausdauer zu tun. Was das Theater bewegt? Menschen, egal auf welcher Seite der Bühnenkante.

Beides sind völlig verschiedene Dinge, die nur von unaufmerksamen Laien in einen unmittelbaren Vergleich gestellt werden. Wer in der Lage ist, die unterschiedlichen Aspekte, Ebenen und Facetten eines guten Films oder Theaterstücks wahrzunehmen, weiß, wie unterschiedlich diese "Kunstformen" sind und dass sie einzeln betrachtet werden müssen.

Theater packt nicht ein, nur weil Film technisch herausragend gut geworden ist. Die Leute haben auch nicht aufgehört zu lesen, als das Radio erfunden wurde.

Wer bildhafte Geschichten als pure, leicht konsumierbare Unterhaltung erleben möchte, zu deren Umsetzung alle möglichen technischen Mittel Anwendung finden, der soll ins Kino gehen. Hier wird geschnippelt und getrickst, eingeblendet und nachgearbeitet, die Schauspieler werden hier immer wieder auch zum zurechtstutzbaren Werkmittel - unter anderen Werkmitteln.

Wer Menschen unmittelbar und ohne "cut" zusammenhängend agieren sehen, ihre Tagesform, ihre Ausstrahlung, und ihre Kreativität und Spiellust unmittelbar spüren und sehen will, der soll ins Theater gehen. Hier ist das, was Schauspiel ausmacht (im körperlichen, geistigen, sprachlichen, stimmlichen, emotionalen, menschlichen Sinn) wesentlich greifbarer als auf der Kinoleinwand, wo der Schauspieler auch derart entfremdet und "verkünstelt" werden kann, dass er und seine Kunst noch einmal weiter transformiert werden im Sinne der Idee des Films.

Als Schauspielerin kann ich bestätigen, dass beides absolut nicht vergleichbar ist, dass Vorbereitungen, Arbeitsweise und auch die Effekte des letzlichen Ergebnisses so immens unterschiedlich sind, dass es beinahe zwei verschiedene Jobs sind. Es ist ein völlig anderes Ding zu filmen als Theater zu spielen.

Manchmal staunt man darüber, dass mancher Zuschauer / Konsument hier aber die Unterschiede überwiegend daran festmacht, ob er dabei Popcorn essen darf oder nicht, ob er das, was gefallen hat, anschließend identisch bei Amazon bestellen kann oder ob es echt wirkendes Gemetzel, echte explodierende Autos und echt wirkende Tote, Sex u.a. gab. Theater muss hier mit ganz anderen Mitteln arbeiten und HAT auch ganz andere Mittel zu überzeugen.

Warum das gut genug sein soll, um hinzugehen: Das lässt sich nicht schreiben oder sagen, das muss man auf sich wirken lassen. Theater braucht Leute, die auch an der menschlichen Kunst fasziniert sind, an dem, was Leute zustande bringen, allein mit diesem begrenzten Platz, den eine Bühne anbietet und dem eigenen Talent. Talent in Aktion unmittelbar zu erleben und persönlich dabei zu sein ist etwas sehr Anrührendes. Der Schauspieler "färbt" emotional ganz anders auf den Zuschauer ab, wenn er live spielt.

Bezüglich Live Konzert contra CD-Kauf scheint es hier keine so großen Schwierigkeiten zu geben sich vorzustellen, was an einem Konzert eventuell gut sein könnte - bei Theater dagegen stellen sich insbesondere junge Leute sehr oft diese Frage.

Ich habe im Theater oft erlebt, dass junge Leute mit immensen Vor- und Negativ-Urteilen ins Theater kamen (Schüler: "Muss ich da mit??") und erwarteten, hier nicht ansatzweise berührt zu werden. Und dass sie hinterher vor Begeisterung nicht wussten, wie sie ihre verschiedenen Eindrücke überhaupt einsortieren und verarbeiten sollten. Weil in ihrer technischen Welt so aktive, menschliche und persönliche Dinge, wie sie im Theater bei der Beobachtung des Spiels von Schauspielern erlebt werden können, gar nicht mehr vorkommen.

Hier steckt die Faszination: Um einen Film zu machen braucht es ein immenses Budget, Darsteller, Techniker, Ausrüstung, Material, diverse Sets, Genehmigungen, Verträge, Geld u. Zeit für Reisen und Arbeit an unterschiedlichen Orten, Maske, Kostüm, Verpflegung, Regie, Licht und und und.

Um Theater zu haben, braucht es einen Menschen und sein Talent - und vier Quadratmeter Platz.

Ich schätze Film UND Theater. Aber ich finde es unsinnig, beides miteinander vergleichen zu wollen. Es gibt Zeiten für Theater und Zeiten für Film und Kino. Genießer und Kunstinteressierte gönnen sich beides.

DH. 

Auch mir schmecken Äpfel und Birnen.

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Besser kann man's nicht beschreiben. Zunächst als Techniker, später als Beleuchter habe ich neben, vor, hinter und über der Bühne das Theater mit seiner Teamstärke und ganzen Kunst kennen und lieben gelernt. Da steckt sehr viel Herzblut drin, so dass es auch die "Macher" immer wieder zutiefst berührt. Und es gibt auch nur ein Ziel: Die Vorstellung so perfekt wie nur möglich über die Bühne zu bringen. Aber das geht nur, wenn jedes Ritzel im Getriebe funktioniert. Ein Techniker, der beim Film durchs Bild läuft, der wird weggeschnippelt oder die Szene wird wiederholt - im Theater wäre das während der Vorstellung fatal und erfordert daher sehr viel Routine und Disziplin von jedem einzelnen, damit es nicht passiert.

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Das Kino hat eine ganz andere Unterhaltungsqualität. Es kann das Theater niemals ersetzen. electrician hat es recht gut erklärt. Nur seine/ihre Beschreibung von Kino/Film wird dieser Kunstform nicht gerecht, finde ich. Der Anspruch an den Schauspieler ist beim Theater natürlich deutlich höher, aber zu einem guten Film gehören viele andere Dinge, die es beim Theater wiederum gar nicht gibt und die Ausdrucksmöglichkeiten sind vielschichtiger.

Theater ist lebendig, es passiert während du dabei bist und jedes aufgeführte Stück ist ein Original. Es wird jedes Mal "frisch zubereitet". Film ist ein konserviertes Fertigprodukt für den Massenkonsum. 

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Natürlich hat Film/Kino viele Eigenschaften, ich habe mir nur die m.E. gravierendste am Liveerlebnis des Theaters gemessene herausgepickt. Das war durchaus nicht abwertend gemeint.

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