Was kann bei Edmund Husserl alles 'Bild' sein und was bei Jean- Paul Sartre?

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1 Antwort

„Im Unterschied zum Wahrnehmungs­bewusst­sein, dessen Gegen­stand nach Husserl un­mittel­bar und „leib­haftig da“ ist, wird der­jenige des Bild­bewusst­seins durch einen Re­präsen­tanten ver­gegen­wärtigt oder vorge­stellt. Ein Mensch, der im Bild­bewusst­sein erscheint, ist also nicht selbst gegeben, sondern ich sehe z.B. ein Foto oder eine Zeichnung von ihm. Zwar ist auch in der Phan­tasie im Unter­schied zur Wahr­nehmung das Objekt nicht leibhaftig da, aber die Phan­tasie ist anders als das Bild­bewusst­sein direkt, also ohne re­präsen­tieren­des Zwischen­glied, auf ihr Objekt ge­richtet.

Im Bildbewusstsein gibt es nach Husserl somit eine doppelte Gegen­ständ­lich­keit: Es gibt das­jenige, von dem das Bild ein Ab­bild ist, kurz: das Re­präsen­tierte.“

Für Husserl ist die Sache also eindeutig. Bildbewusstsein bedeutet bei Ihm eine Abbildungsbeziehung zwischen Sujet – Abbildung (Foto, Gemälde, Statue usw.) – Betrachter. Das ist dann auch eine saubere Analyse einer abgegrenzten Beziehung.

Uni-tuebingen ebenda:

„Sartre unterscheidet die images mentales (die reinen [geistigen] Vor­stellungen) von den images physiques (den physischen Bildern [bei Husserl Bildobjekte]). Als Unter­scheidungs­kriterium fungiert hierbei das soge­nannte Analogon, das als die Materie der Imagi­nation vom eigent­lichen Objekt der Imagi­nation unter­schieden wird (vgl. [Sartre
1994b]: S. 37). …

Sartres Begriff des Analogon meint im Grunde das­selbe wie Husserls »physisches Bild« … Anders als etwa Wiesing, der Husserls und Sartres Über­legungen vor allem für eine Theorie der Bilder im engeren Sinne – Zeich­nungen, Gemälde, Fotos, Film- und Computer­bilder – frucht­bar macht, versteht Sartre das Ver­hält­nis zwischen Analo­gon und Ima­gina­tion aller­dings in einem denk­bar weiten Sinn: In seinem Ver­ständ­nis kann bei­spiels­weise das wahr­genom­mene Teppich­muster ebenso ein Analo­gon für ima­ginäre Ge­sichter sein wie die wahr­genom­menen Wolken ein Analo­gon für imagi­näre Gebilde, und der wahr­genom­mene Körper des Paro­disten Thomas Frei­tag eben­so als Analo­gon für die ab­wesende Bundes­kanzle­rin fungieren wie der wahr­genom­mene Schauspieler Leonardo DiCaprio als Analo­gon für einen imagi­nären J. Edgar Hoover. Sartre zu­folge wären also nicht nur die Phäno­mene auf dem Papier, der Lein­wand, dem Fern­seh­bild­schirm oder dem Monitor Bilder – viel­mehr kann jedes Wahr­neh­mungs­objekt in der ima­ginie­renden Ein­stellung zum Bild (also zu einer image physique) werden.“

D.h. wenn man ein Foto, eine Statue usw. als ein physikalisches Hilfsmittel zur Erinnerung betrachtet, dann grenzt Husserl das auf diese direkten zur Erinnerung angelegten Repräsentanten ein. Sartre geht darüber hinaus und fasst alle  physikalischen Hilfsmittel zur Erinnerung als Erinnerungsanreger auf, also auch ein Teppichmuster, das meine Phantasie anregt oder ein Wolkengebilde. Damit verlässt er allerdings die strenge Analyse Husserls. Ich würde vorziehen, das als eigenes Analyseobjekt zu nehmen, denn nicht nur Wolkenbilder regen die Fantasie an, das kann auch ein Satz sein, der mich als typischer Ausspruch einer Person an diese erinnert und deren Imagination hervorruft. Dann wird alles, was als Anreger der reinen geistigen Imagination dient zum Analogon.

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Kommentar von berkersheim
08.04.2016, 11:05

Um es nochmal klar zu unterscheiden:

Für Husserl bedeutet Bildbewusstsein eine Abbildungsbeziehung zwischen Sujet – Abbildung (Foto, Gemälde, Statue usw.) – Betrachter.

Für Sartre bedeutet Bildbewusstsein eine Abbildungsbeziehung zwischen Sujet – Analogon (jede Erinnerungsstütze) – Erinnerer.

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Kommentar von Saragoza
08.04.2016, 11:22

Berkersheim hier sichtlich in "seinem Element", bemerkenswerter Kommentar, ..!

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