Was ist "Normal" und wer bestimmt es?

13 Antworten

Liebe Lessuelsch, 

ja, das Wort "normal" ist ganz schlecht definiert, weil es einfach verschiedene Bedeutungen gibt, die wenig mit einander zu tun haben. Sicher gibt es ein paar wenige Bereiche, in den die Gesellschaft Menschen, z.B. Parlamente dazu bestimmt hat, z.B. Rechts-Normen festzulegen. Da könnte man das "normal" nennen, was diesen Normen entspricht. Das ist aber die Ausnahme.

Dann gibt es "normal" im Sinne der Ist-Norm. Statistiker bezeichnen als "normal", was für 80% der Strichprobenelemente der Fall ist, und Journalisten behaupten dann, es sei so, und unterschlagen dabei, mit welcher Wahrscheinlichkeit es denn so sei.

Und drittens gibt es die Soll-Normen. Die für Dich festzulegen, ist Dein vornehmstes Recht. Die Würde des Menschen besteht nach Kant darin, ein autonomes Wert setzendes Wesen zu sein, und kann gar nicht angetastet werden. Jede Maxime, von der Du wollen kannst, dass sie allgemeines Sittengesetz sei, ist Deine Soll-Norm. Du musst es nicht tatsächlich wollen, erst recht nicht durchsetzen wollen.

Ist es "normal", einzelne Symptome eine psychischen Störung zu haben? Als ist-Norm, ja. Das heißt aber nicht, eine "Störung" zu haben. Eine psychische "Störung" wird im allgemeinen anhand einer auf einer internationalen Übereinkunft beruhenden Liste bestimmt, in der für jede "Störung" etwa ein Dutzend Symptome aufgezählt sind. Nur dann, wenn jeweils die Mehrheit dieser Symptome auftritt, sprechen Psychologen von einer Störung. Das hat meine Tochter mir erklärt; sie hat Psychologie studiert.

Auf diese Weise wollen die Psychologen eine Art Objektivität erreichen. Ich halte es für eine Scheinobjektivität. Einige dieser Listen kenne ich. Oft sind die Symptome nicht klar voneinander abgegrenzt, oft ist es unklar, wie sehr ein Symptom auftreten muss, damit es gilt. Da nutzt dann auch alles Abzählen nicht. Aber es gibt natürlich auch klare Fälle.  Auf jeden Fall ist eine "Störung" erst dann gegeben, wenn jemand darunter leidet. Allerdings sehe ich das schon so, dass das auch jemand anders sein kann als die gestörte Person selbst.

Dass Du mal weinst und mal fröhlich bist, macht Dich liebenswert. Es ist menschlich. Du bist keine Göttin und solltest an Dich auch nicht den Anspruch stellen, eine zu sein. Auch kein Nerd. Ein kleiner Auszug aus Goethes Prometheus zum Schluss:

"Bedecke Deinen Himmel Zeus mit Wolkendunst

und übe Dich, dem Knaben gleich, der Disteln köpft, an Bergeshöh'n !

Ich Dich ehren ? Wozu ?

Hat nicht mich zum Manne geschmiedet die allmächtige Zeit,

meine Herrin und Deine ?

Hier sitze ich und forme Menschen

nach meinem Bilde, nicht nach Deinem,

zu Lieben, zu hassen, zu weinen, zu freuen sich

und Dein' nicht zu achten, wie ich."

Ich grüße Dich ganz herzlich,

Ottavio

PS.: Danke für das Kompliment !

Hallo Lessuelsch,

ja, was ist schon normal? 

Als normal wird bezeichnet, was die tatsächliche oder vermeintliche Mehrheit macht, für "gut" befindet, toleriert.

Ich finde auch, dass viele Menschen immer versuchen alles in "Schubladen" zu packen. Schließlich ist ein Schrank mit Schubladen viel leichter überschaubar und somit kontrollierbar als ein offenes Regal in dem alles durcheinander steht.

So  denke ich, dass es dem Drang nach Ordnung entspringt, dass der Mensch an sich versucht alles zu betiteln. 

Dadurch fällt vielen das Leben leichter. 

Man muss das ja nicht mitmachen. 

Für mich ist es völlig normal, mit  Junkies umzugehen, andere finden das ziemlich komisch. Aber es ist mein Beruf.

Für mich ist es normal, mit Straftätern zusammen zu sein, andere lehnen das total ab, weil sie sich fürchten. Aber es ist mein Beruf.

Für mich ist es normal, zu  weinen, zu lachen, Gefühle zu zeigen, andere versuchen alles zu verstecken und in sich rein zu fressen. 

Also, wer ist jetzt normal?

Alle Fische schwimmen mit dem Strom, das ist normal, aber ich glaube, nur tote Fische schwimmen mit dem Strom, bin ich deshalb unnormal?

Oder will ich unter diesen Bedingungen überhaupt normal sein?

LG Mata

Hallo Lessuelsch,

danke, tut das gut, Du sprichst mir aus der Seele :-)

Ein guter Prof. hat es mal so ausgedrückt: "Das Normale ist krank, und das Kranke ist normal."

Ich passe auch nicht so toll in diese ganzen sog. 'normalen' Muster/Rahmen, aber es geht mit bestens damit! Ich leiste mir den Luxus einer eigenen Meinung, die Freiheit, mein Leben so zu leben, wie es mir gefällt (selbstverständlich mit empathischer Rücksichtnahme auf meine Mitmenschen) und wenn mir danach ist, setze ich mich auch heute noch in meinem dazu viel zu hohen Alter auf eine Schaukel, weil ich von Kindheit an einfach schon gerne geschaukelt habe.

Und was andere über mich denken, geht mir ziemlich am Popo vorbei ;-) Und ich finde mich auch überhaupt nicht gestört, auch wenn andere mich nicht als normal einstufen.

Ich finde es im Gegenteil nicht normal, wenn andere nur mal als Beispiel ihr Leben in einer ungeliebten Arbeit hingeben, nur um ein tolleres Auto als der Nachbar zu haben, etc.

LG

Buddhishi

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