Stellungnahme zu der These "Mittelhochdeutsch - das hat doch niemand wirklich gesprochen"?

3 Antworten

Ich kann mir das nur so erklären, dass damit gemeint ist, dass zur Zeit des Mittelhochdeutschen keiner hochdeutsch gesprochen hat, sondern jeder nur seinen Dialekt. Mittelhochdeutsch war so gesehen nur eine Schriftsprache.

Worauf das vermutlich hinausgehen soll: Normalisiertes Mittelhochdeutsch hat niemand wirklich gesprochen.

Die orthografisch und grammatikalisch standardisierte Form des Mittelhochdeutschen., an der sich bis heute Wörterbücher, Grammatiken und Textausgaben mhd. Literatur orientieren, geht im Wesentlichen auf Karl Lachmann und diverse andere Mediävisten des 19. Jahrhunderts zurück. Normalisiertes Mhd. ist demnach ein akademisches Konstrukt.

Diese Vereinheitlichung hat den großen Vorteil, dass es so wesentlich einfacher ist, verschiedene Texte zu vergleichen, und den Nachteil, dass die tatsächliche Textgestalt verfremdet wird und so leicht der Eindruck einer einheitlichen Sprache aufkommt, der mit der sprachlichen Realität jedoch nichts zu tun hat.

Moderne Textausgaben unterscheiden sich dementsprechend stark von ihren handschriftlichen Quellen. Schönes Beispiel dafür ist Hartmanns von Aue Erec, der vollständig nur im Ambraser Heldenbuch überliefert ist, das jedoch bereits zu frühneuhochdeutscher Zeit geschrieben wurde. Bei den gängigen Editionen handelt es sich also eigentlich um Rückübersetzungen ins Mittelhochdeutsche.

Ein einheitliches Mittelhochdeutsch gab es also nicht, maximal überregionale Tendenzen dahingehend. Beispielsweise haben sich auch bairische Dichter mitunter an der als vorbildlich geltenden Sprache des Alemannen Hartmanns orientiert und dementsprechend vereinzelt alemannische Formen anstelle der jeweiligen bairischen benutzt.

Hinzukommt, dass gerade die überlieferten Erzähltexte natürlich in einer künstlichen Dichtersprache verfasst sind, die auch nicht unbedingt die durchschnittliche Umgangssprache der jeweiligen Zeit wiederspiegelt. Darüber, wie mittelhochdeutsche Dialekte tatsächlich gesprochen wurden, geben uns diese Quellen nur wenig Aufschluss.

Woher ich das weiß:Studium / Ausbildung – Studium Germanistik

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