Was ist für euch als Betroffene Autismus?

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7 Antworten

Und ist es eurer Meinung nach überhaupt möglich für einen NT, sich Autismus vorzustellen und umgekehrt?

Ich glaube nicht. Meine Eltern tun sich bis heute schwer zu "verstehen". Sie nehmen die Lage wie sie ist aber können sich nicht einfühlen. Wir sind auf beiden Seiten auf permanente Kommunikation angewiesen, die ich mal mehr mal weniger umsetzen kann. Ich kann mich auch nicht in andere einfühlen die Erkrankungen haben aber das ist, denke ich mal, was anderes.

Und woher kann man wissen, dass eine persönliche Eigenschaft, die man
hat, im eigenen Autismus begründet liegt und nicht vielleicht einfach
charakterbedingt und unabhängig davon ist? Analysiert man sich dann
selbst nach den aktuellen Diagnosekriterien? 

Ich analysiere mich nicht nach den Diagnosekriterien. Es gibt soviele Unterschiede, verschiedene Schwerpunkte die in den Kriterien gar nicht oder nur grob erfasst sind. Welche persönlichen Eigenschaften im Autismus begründet sind, davon erfuhr ich auch erst beim Gutachter. Vorher war das für mich alles normal, die anderen waren alle komisch, böse, verstehen mich nicht, haben eine komische Art zu denken, sind einfältig etc aber nicht ich. Heute weiß ich es besser.

Ich bin so wie ich bin, entweder die anderen können damit umgehen oder haben Pech gehabt. Ich weiß wo meine Stärken und Schwächen liegen, die die darum wissen nehmen Rücksicht und alles andere interessiert mich nicht. Ich habe einen Mann, Eltern und solange in dem Rahmen alles funktioniert ist für mich die Welt in Ordnung.

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Kommentar von DeliriumTremens
03.10.2016, 21:55

Vielen Dank für deine Antwort

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Erst einmal freue ich mich, dass du dich für Autismus interessierst. Und das ohne, Autisten als gestört, behindert oder krank zu bezeichnen, was leider eine Seltenheit unter den NTs ist. (Ich gehe einfach mal davon aus, dass du neurotypisch bist.)

Autismus ist eine Neurodiversität, d.h. das Gehirn arbeitet anders. Dadurch haben Autisten eine andere Wahrnehmung und Denkweise. So finden sie zum Beispiel alternative Problemlösungen, an davor noch niemand gedacht hat. Es gibt zwar das Klischee, Autisten seien nicht kreativ, allerdings kann ich das nicht bestätigen. Sie haben nur oft eine andere Art von Kreativität, die leider viel zu oft übergangen wird. Autismus wird von einigen Nts auch "unsichtbare Behinderung" genannt, was in zwei Punkten falsch ist. Zum einen, wie schon oben erwähnt, ist das Wort Behinderung falsch. Zum anderen sehe ich das Wort "unsichtbar" kritisch. Denn wenn man einige Autisten kennt, am besten auch selber einer ist, kann man innerhalb weniger Minuten ziemlich sicher erkennen, ob ein Mensch Autist ist oder nicht, wenn man ihn/sie im realen Leben trifft und sich mit ihm/ihr unterhält. Typische Merkmale sind: Stimmmelodie, Gesprächsthemen, Gangart, Augenkontakt usw. Man darf sich allerdings nie zur sehr auf einzelne Merkmale fixieren. Es ist eher die gesammte Ausstrahlung einer Person, selbst wenn fast keine typischen Merkmale vorhanden sind. Dafür muss man einfach einige und möglichst verschiedene Autisten kennengelernt haben, um ein Gespür zu entwickeln, wer Autist ist und wer nicht.

Ich glaube schon, dass es auf eine gewisse oberflächliche Art und Weise schon möglich ist sich vorzustellen Autist bzw. NT zu sein. Allerdings kann man sich nur vorstellen, wie es wäre bestimmte Eigenschaften zu haben, die typisch für Autisten/NTs sind, z.B. gutes Gedächtnis, keinen Augenkontakt halten können, Probleme mit direkter Kommunikation, Geselligkeit usw. Die ganzen Klischees eben. Man muss sich, wenn schon, in eine einzelne Person versuchen hineinzuversetzen.

Im Grunde sind alle Eigenschaften von Autisten autistisch, da das Gehirn von Autisten einfach anders funktioniert und nicht nur bestimmte Teile des Gehirns. Genauso sind NTs komplett neurotypisch, und nicht nur bestimmte ihrer Eigenschaften.

Ich hoffe ich habe alle deine Fragen beantworten können. Mir sind diese Fragen überhaupt nicht unangenehm. Ich finde es sehr wichtig, dass diese Fragen gestellt werden, um Missverständnisse zu vermeiden, andere Menschen aufklären zu können und falsches Halbwissen zu vermeiden.

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Kommentar von Janardu
05.10.2016, 21:42

PS: autismus-kultur.de ist eine gute Webside, auf der du dich informieren kannst.

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Was unterscheidet euch eurer Meinung nach von Menschen, die als neurotypisch deklariert sind?

Die Schwierigkeiten und Vorteile, die sich aus meinem Autismus ergeben und die Art, wie ich der Welt begegne.

Wo seht ihr Gemeinsamkeiten?

Wir sind alle Menschen. Wir alle müssen essen und schlafen, haben Wünsche und Bedürfnisse und leben bis zum Tod.

Mich interessieren besonders eure eigenen Worte für euer Erleben und
eure Beobachtungen der Anderen, auch im Bezug auf die Diagnosekriterien
für Autismus.

Ich erlebe es als Belastung. Etwas, dass mir dabei im Weg steht, meine Träume zu verwirklichen. Es macht ihn nicht unpassierbar, aber steinig. Ich muss für das gleiche Stück Strecke viel länger laufen als NTs, doch das macht mich auch ausdauernder und stärker. Ich weiß nicht, ob das verständlich ist, aber ich kann es nicht anders ausdrücken.

Und ist es eurer Meinung nach überhaupt möglich für einen NT, sich Autismus vorzustellen und umgekehrt?

Ich denke nicht, dass es möglich ist, den jeweils anderen vollständig zu verstehen. Es ist wie mit dem Mitgefühl. Wenn ein Bekannter verstorben ist weiß man, dass seine Familie traurig ist, aber nicht, wie sie diese Trauer erlebt. So ungefähr stelle ich es mir auch bei NTs  und Autisten vor.

Und woher kann man wissen, dass eine persönliche Eigenschaft, die man hat, im eigenen Autismus begründet liegt und nicht vielleicht einfach charakterbedingt und unabhängig davon ist?

Bei mir ist es so, dass ich mein Verhalten meist nur dann auf meinen Autismus zurückführe, wenn ich mich dewegen anderen erklären muss. Wenn ich meinem Gesprächspartner nicht in die Augen sehe und er fragt mich warum, dann schiebe ich es meinem Autismus zu, aber ich denke nicht, während ich keinen Augenkontakt halte, dass dies gerade autistisch ist. Bei charakterspezifischem Verhalten ist es irgendwie umgekehrt. Da brauche ich mich nicht erklären, aber ich denke selbst darüber nach, ärgere oder freue mich insgeheim darüber.

Alles sehr gute Fragen. Ich habe die Antworten der anderen noch nicht gelesen, aber es interessiert mich selbst, wie andere "Gleichgesinnte" dazu stehen.

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Kommentar von DeliriumTremens
04.10.2016, 10:51

Vielen Dank für deine Antwort. Diese Zeilen

Etwas, dass mir dabei im Weg steht, meine Träume zu verwirklichen. Es macht ihn nicht unpassierbar, aber steinig. Ich muss für das gleiche Stück Strecke viel länger laufen als NTs, doch das macht mich auch ausdauernder und stärker.

gefallen mir wirklich sehr gut. Sie sind verständlich.  

Ich hoffe auch, dass sich hier noch mehr Leute dazu äußern werden. 

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Um Deine Frage zu beantworten, müsste man einen Roman schreiben...

Wenn Du reale Erzählungen von Autisten möchtest, solltest Du die Bücher derer lesen, die über ihr leben vor, nach und mit der Diagnose geschrieben haben. Viele geben da Einblick über ihre Gedanken- Gedanken über sich selbst, über andere, über alltägliche Dinge.

Zum Nachempfinden: Ich denke nicht, dass man etwas nachempfinden kann, aber vorstellen schon... ich meine, mit viel Phantasie kann ich mir auch vorstellen, nackt auf dem Mond Tango zu tanzen ^^ Verstehst Du, was ich meine? Man bekommt Fakten dargelegt und das Kopfkino geht los. Wie realistisch der Film wird, hängt davon ab, wie gut man recherchiert hat.

Man kann Unterschiede auch klar formulieren, denn für eine Autismusdiagnose gibt es ja genug vorliegende Unterschiede- aber das würde hier den Rahmen sprengen, würde man hier auf alles eingehen- solche Fragen wären für Autismus-Foren besser geeignet, da man da mehr Platz hat für Antworten und sich viele Fragen von Dir auch durch stilles Mitlesen beantworten würden.

Ich bin kein NT, aber bei all den psychischen Krankheiten, Entwicklungsstörungen usw. denke ich, dass es nicht so viele NT's geben dürfte auf der Welt. Nicht-Autisten gibt es da schon deutlich mehr. Das macht es deutlich schwerer, sich in sein nicht-autistisches Gegenüber hineinzuversetzen.
Aber da ich kein NT bin bzw. kein NA (Nicht-Autist) und beides nie war, kann ich nur die bei mir vorliegenden Symptome (denn jeder Autist ist anders) ins Gegenteil umkehren und besonders die Negativaspekte des Autismus wegzudenken, die man jeden Tag hat.

Kann man sich vorstellen, blind zu sein, wenn man sich die Augen verbindet- ja und nein. Das Gehirn weiß, dass man nicht blind ist und die Restsinnesorgane laufen auch normal weiter. Man bekommt nur eine wage Vorstellung, wie es sein könnte, in völliger Dunkelheit zu leben.  Ähnlich wird es wohl sein, wenn sich unsereins vorstellt, NT/NA zu sein und umgekehrt.

Du fragst auch nach Unterschieden- schreibst aber auch, die Diagnoserichtlinien zu kennen- reicht das mit all dem, was man sich z.B. in wenigen Minuten ergoogeln kann nicht aus? Dann kannst Du z.B. auf aspies.de im Forum mitlesen. Bereiche wie "Autistischer Alltag und Überlebensstrategien" dürften da sehr interessant für Dich sein.

Zur Frage über die Eigenschaften- ich sehe im Autismus mit all den bei mir vorliegenden Symptomen keine "Eigenschaften". Atmen ist auch keine- so auch nicht die Unfähigkeit, Blickkontakt zu halten, meine motorische Ungeschicktheit usw.
Analysiert man sich, ich für meinen Teil kann es mit einem klaren Ja beantworten. Nicht immer/ständig, aber nach der Diagnosestellung und wenn man seine Vergangenheit aufarbeitet und nach/während Problemsituationen.

Daher lässt sich einiges klar abgrenzen, was definitiv zum Autismus gehört und was nicht. Vielleicht solltest Du da klarer formulieren, was Du mit "Eigenschaften" meinst.

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Kommentar von DeliriumTremens
04.10.2016, 20:42

Erstmal vielen Dank auch dir für deine Antwort.  


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Mit Eigenschaften meinte ich im klassischen Sinne die Eigenschaften deines Wesens, des Charakters, markante Merkmale, die deine Person ausmachen, aber auch Eigenarten. 

Ich gebe ein Beispiel, das möglicherweise sehr klischeehaft erscheint: Manche Menschen sagen, dass Menschen mit Autismus sprachlich pedantisch sein können. Lassen wir das mal so stehen.

Als NT-Beispiel nehme ich meine Bekannte, die sich nicht scheut, einen fremden Menschen im Restaurant, der gerade zu einer weiteren anwesenden Person sagt "Bitte ess jetzt mal deinen Teller leer", verbal anzufahren und laut zu sagen: "Das heißt iss!". 

Wäre meine Bekannte autistisch, würde man direkt da, vom Klischee oben, sowie hinsichtlich Verhalten in sozialer Situation etc. ausgehend, die Ursache und Begründung suchen. Bei ihr ist es aber nur eine Eigenart (weil NA). Wie weiß ich bei einem Mensch mit Autismus da zu differenzieren - Das war mein Gedankengang... Ich kenne viele in meinem Beruf, die so gut wie alles an einer Person auf die Diagnose schieben, was mich stört. 

Ich habe keine Ahnung, ob ich das jetzt verständlich machen konnte. 


Du fragst auch nach Unterschieden- schreibst aber auch, die Diagnoserichtlinien zu kennen- reicht das mit all dem, was man sich z.B. in wenigen Minuten ergoogeln kann nicht aus? 

Ich wollte vermeiden, dass mir hier jemand ICD 10 84.ff herunterbetet. Die Seite von Aleqasina (siehe unten) kannte ich noch nicht. Dafür aber gefühlt alles, was Google in wenigen Minuten zum Thema Autismus ausspuckt. Inklusive dem ganzen Blödsinn bis hin zur Wunderheilung mit Chlorbleiche. Und ich bin müde zu lesen, dass "alle Autisten" ja hochbegabt sind, einem nicht in die Augen sehen und in der Kindheit ihre Bauklötzchen nach Farben sortiert haben. Deswegen habe ich die Frage gestellt, um neue Impulse zu bekommen -  und ganz persönliche Eindrücke/Meinungen von Autismus - ohne Google.


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Hallo,
ich kam nur durch Zufall auf deine Frage.
Aber schön, dass du dich für das Thema interessierst.
Wie soll ich anfangen?
Ich war schon immer irgendwie anders. Ich hatte das Gefühl, ich gehörte nirgendswo dazu. Das begriff ich relativ früh.
Alle in meinem Alter schienen so, jung. Ich war schon relativ reif für mein Alter, damals in der Grundschule. Ich habe die anderen nicht verstanden. Und sie mich nicht.
Die Diagnose bekam ich allerdings relativ spät, da ich im Grundschulalter Epilepsie diagnostiziert bekam. Und man das Ganze nicht auseinander halten konnte.
Allerdings wurde ich auch schon sehr früh als hochbegabt eingestuft, so dass ich viel mit meinem Leben anfangen konnte. Tatsächlich ist es so, dass sich bei mir einige Inselbegabungen aufweisen.  Aber soziale Kontakte knüpfen, und generell so etwas kann ich bis heute sehr schwer, oder gar nicht.

Ich kann dir nur die Bücherreihe von Daniel Tammet empfehlen.

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Kommentar von DeliriumTremens
12.10.2016, 14:15

Danke für deine Antwort. 

Aber soziale Kontakte knüpfen, und generell so etwas kann ich bis heute sehr schwer, oder gar nicht. 

Was sind beim knüpfen von Sozialkontakten die Schwierigkeiten für dich persönlich ?  

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Ein schönes Experiment findest du in diesem Dialogblog, den du Stück für Stück von Anfang an (beginnend beim ältesten Beitrag) lesen solltest. Gibts auch als Buch.

https://seinsdualitaet.wordpress.com/idee/

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Kommentar von DeliriumTremens
04.10.2016, 15:50

Vielen Dank. Der erste Eindruck verspricht Lesenswert. Ich würde aber das Buch vorziehen. 

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gehe auf meine Website [+++ durch Support editiert +++] , dort findest du die Antworten. Genauso kannst die Websites anderer Betroffenen lesen, denn alles wir dort schreiben ist öffentlich zugänglich. 

Allerdings möchte ich dich bitten, bei Zitaten und Verwendung von Dokumenten das Urheberrecht (c) zu beachten. 

Danke!

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Kommentar von DeliriumTremens
03.10.2016, 18:22

Danke WPOAS für deine Beteiligung an meiner Frage. Ich kenne deine Website bereits aber werde sie gerne noch mal lesen. Ich finde dort durchaus das, was ich suche. 

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