Was ist ein Häretiker?

9 Antworten

Häresie ist ein Kampfbegriff der röm. kath. Kirche, unter dem sie alle von ihren Dogmen abweichenden Gottes- und Bibelinterpretationen blutigst verfolgt hat. Bis etwa 380 n.Chr. gab es kein einheitliches Christentum. Unter Kaiser Theodosius kam dann mit dem Edict "Cunctos populos" die Gleichschaltung des röm. Katholizismus und die Ausgrenzung aller abweichenden christlichen Vorstellungen wie der sog. Heiden. Es begann eine blutige Verfolgung, schlimmer als das, was je an Christenverfolgung stattgefunden hat. Bis dahin war das Christentum ein bunter Haufen unterschiedlichster Glaubensauffassungen.

Vor allem über den Status von Jesus war man zerstritten: Jesus nur Mensch und Gottes besonderer Prophet (heute noch die Vorstellung im Islam), Jesus Mensch und Gottes Sohn aber nicht Gott, Jesus mit zwei Personen Mensch und Gott usw. und die katholische Lehre: Jesus in einer Person Mensch und Gott und (erst mit Augustinus) die Dreifaltigkeitslehre, ein Gott in drei Personen, was vor allem dem hochspekulativen Neoplatonismus entnommen war. Dazu kam von Augustinus die Erbsündelehre, d.h. alle Menschen sind von Geburt an verdammt, wenn sie nicht durch die Taufe und den Glauben an Jesus und die Heilstaten der Mutter Kirche gerettet werden. Man hatte keine Hemmungen gleichzeitig den liebenden Gott zu verkünden und die ewige Verdammnis aller Neugeborenen, wenn sie denn nicht getauft wurden. Faktisch sind das Glaubensteile des Manichäismus (eine Häresie), die Augustinus unwidersprochen ins Christentum einführen konnte, weil diese Lehren der Machtgier des röm. Klerus dienlich waren.

In der Zeit nach 400 n.Chr. wurden teils bis zu 150 Häresien aufgeführt. Teils Abweichungen von der reinen Lehre, wie sie heute bei den meisten Christen vorkommen, die nie den röm. kath. Katechismus gelesen haben. Da Häresien blutig verfolgt werden konnten wurden z.B. die Templer mit einem gekauften Agenten vom franz. König der Häresie bezichtigt, um sich in Wirklichkeit ihres Vermögens zu bemächtigen. Häresien wie die Katharer entzündeten sich an dem Auseinanderklaffen von Anspruch der Kirche (Armut, Liebe, Fürsorge) und ihrer Praxis (Reichtum, blutige Verfolgung, Vetternwirtschaft). Katharer bedeutet "die Reinen", d.h. die die reine Lehre Jesu von Armut und Liebe gegen die mächtige Kirche leben wollten. Anders Frankziskus - der hat sich von anfang an der Kirche unterworfen und seine armen Brüder sind so schnell selbst reich geworden. Es wird Dich sehr verwirren in Wikipedia über die Katharer und ihre Ursprünge zu lesen oder über Häresien, weil es eine ungeheuere Vielfalt ist, was da an unterschiedlichen Lehren aufgeführt wird.

Die Regeln, die im Mittelalter galten, gelten auch heute noch und lassen sich im Katechismus der katholischen Kirche nachlesen.

http://www.vatican.va/archive/DEU0035/_INDEX.HTM

Hier wird zunächst festgestellt, welche Forderung die Kirche grundsätzlich stellt (Nr. 2032):
„Der Kirche kommt es zu, immer und überall die sittlichen Grundsätze auch über die soziale Ordnung zu verkündigen wie auch über menschliche Dinge jedweder Art zu urteilen, insoweit die Grundrechte der menschlichen Person oder das Heil der Seelen dies erfordern“

Die Kirche stellt also fest, dass sie sich immer und überall einmischen darf und das letzte Wort hat.

Dann wird festgestellt, dass die Gläubigen gefälligst das zu glauben haben, was Papst und Bischöfe vorschreiben (Nr. 2034):
„…. Das universale ordentliche Lehramt des Papstes und der in Gemeinschaft mit ihm stehenden Bischöfe lehrt die Gläubigen die zu glaubende Wahrheit, die zu lebende Liebe und die zu erhoffende Seligkeit.“

Nachdem die Rolle von Papst und Bischöfen festgelegt ist, wird nun auch die Rolle der Gläubigen festgelegt (Nr. 2039):
„….Es ist nicht angemessen, das persönliche Gewissen und die Vernunft dem moralischen Gesetz oder dem Lehramt der Kirche entgegenzusetzen.“

Das eigene Gewissen oder gar die Vernunft sind kein Grund, sich dem Glaubensdiktat des Papstes nicht zu unterwerfen.

Zum Schluss wird nun festgestellt, worin das Vergehen der Häresie besteht (Nr. 2089):
„Häresie nennt man die nach Empfang der Taufe erfolgte beharrliche Leugnung einer mit göttlichem und katholischem Glauben zu glaubenden Wahrheit oder einen beharrlichen Zweifel an einer solchen Glaubenswahrheit; „

Oder anders formuliert: Ein Häretiker ist jemand, der sich weigert, das zu glauben, was der Papst vorschreibt.

Der Unterschied zwischen Mittelalter und Neuzeit besteht lediglich in den Folgen, falls man sich nicht dem Glaubensdiktat des Papstes unterwirft. Heute tun das viele ohne Folgen, während man im Mittelalter dafür mit der Todessstrafe rechnen musste.

Beeindruckende und logische Erklärung.

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@OhNobody

Nun, in mehreren Diskussionen mit ZJ habe ich auch schon festgestellt, dass wir zumindest in der Beurteilung des Papsttumes ziemlich einer Meinung sind. ;-)

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Ein Herätiker ist einmal ein Mensch, der eine andere religiöse Lehre vertritt als ich und den ich deswegen verdamme.

Was hat ein Häretiker für Grundsätze im Mittelalter vertreten?

Die meisten waren antikatholisch eingesstellt, was bei dem Lebenswandel der Kleriker sicherlich ein positiver Zug an den Herätikern ist. Wenn du aber etwas genaueres wissen willst, dann musst du schon genauer fragen. Denke z.B. daran, dass auch Martin Luther heute noch für die RKK als Herätiker gilt.

Was hatte er mitder Kirchenlehre und dem Dogma zu tun und der Philosophie?

Die Lehre der Herätiker war nicht dem Dogma der katholischen Kirche entsprechend, deshalb wurden sie verdammt. Das ist eigentlich auch heute noch so. Während aber heute so eine Nachricht bestenfalls auf der Witzseite einer Zeitung erscheint, war das damals für das Opfer eine gesellschaftliche Katastrophe.

Für die mittelalterliche Kirche galten die antiken Philosophen im Weltbild als alleinseligmachende Wahrheit. Deshalb kommte ja auch die Lehre des Gallilei, dass sich die Erde um die Sonne dreht und Jupiter Monde besitzt, die um ihn kreisen, nur Teufelswerk sein und er wurde deshalb zu Hausarrest verurteilt. Kepler vertrat diese Lehre auch, aber so weit reichte der Arm des Papstes nicht.

wiki sagt:

Ein Ketzer (oder Häretiker) ist laut Duden jemand, der
„von der offiziellen Kirchenlehre abweicht“, oder allgemeiner jemand,
der „öffentlich eine andere als die in bestimmten Angelegenheiten für
gültig erklärte Meinung vertritt“.[1] Der Glaube oder die abweichende Meinung des Ketzers wird als Ketzerei oder Häresie bezeichnet.[2] Dieser Artikel behandelt das Wort Ketzer aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Zum Thema siehe Häresie.

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