Was ist die Wirkungsabsicht der Bismarck Verehrung?

5 Antworten

Es gibt über einige historisch Interessierte hinaus keine Bismarckbegeisterung. Schon allein die Kenntnis von Bismarck, seiner Politik und seiner Bedeutung ist in rapidem Schwinden. Die geschichtslose Erziehung heutzutage schlägt da voll durch. Alles vor 1933 liegt selbst für Akademiker im Nebel oder ist bloße Vorgeschichte der NS-Diktatur. 

Die Denkmäler sind allesamt vor 1918 entstanden, als Bismarck meist unkritisch als Heros gefeiert wurde. Noch Hitler versuchte am Bismarck-Mythos anzuknüpfen, ganz zu Unrecht.

Dann kam nach 1945 und besonders nach 1968 der Gegenschlag. B. wurde zur Unperson, er wurde in Schwarzweiß-Manier nur noch als böse und schlecht dargestellt und oft zum Wegbereiter Hitlers umgeschminkt.
Die Bismarckdenkmäler fristen ein unbeachtetes Dasein.

Dass B. ein bedeutender Mann war und Format hatte, zeigt die Anekdote, als er dagegen war, die Texte des Demokraten, Rebellen und Juden Heine aus den Lesebüchern zu entfernen. B. war zwar gegen die Demokratie eingestellt, aber er sagte: "Vergisst man denn, dass Heine einer unserer größten Dichter ist?"


"Alles vor 1933 liegt selbst für Akademiker im Nebel oder ist bloße Vorgeschichte der NS-Diktatur"??

Du weißt ja, dass ich deine Antworten oft sehr schätze, aber hier erzählst du Unfug.

Ich wüßte keinen Akademiker, der zum Beispiel Friedrich II. (den "Südländer") als Vorläufer Hitlers einstufen würde. Oder Friedrich Barbarossa. Oder hundert andere Persönlichkeiten. Auch die Reformation ist keine Blaupause für die Hitlerei. Die Beispiele sind praktisch beliebig vermhrbar.

Und auch DU weißt, dass keiner auf solch eine absurde Idee kommen würde. Warum dann schreibst du einen solchen Satz?

Er ist unter deiner intellektuellen Würde.

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Er WIRD nicht mehr verehrt.

Die Bismarck-Denkmäler der "Gründerzeit" fristen ein trauriges, weitgehend unbeachtetes Dasein.

Die Historiker allerdings zeichnen in ihrer Mehrheit ein differenziertes Bild, jenseits von Verehrung und Verdammung.

Da wird der Reichsgründer und (bis auf den provozierten Krieg mit Frankreich) relativ bedächtige Außenpolitiker gewürdigt, aber auch der Mann kritisiert, der mit "Zuckerbrot und Peitsche" regierte und rigoros gegen die Sozialdemokratie ("Sozialistengesetze") vorging.

Gruß, earnest

Ein guter Beitrag! Nur eine Kleinigkeit zu diesen Punkten:

Da wird der Reichsgründer ... gewürdigt ...

Ja, aber nicht einhellig. Die auf Bismarck zugeschnittene Verfassung hat so große Mängel gehabt, dass sie nach seinem Abgang fatale Fehlentwicklungen ermöglicht hat.

Da wird der ... relativ bedächtige Außenpolitiker gewürdigt...

Auch Bismarcks Außenpolitik über fast zwei Jahrzehnte im Kaiserreich sieht die Geschichtswissenschaft heute sehr kritisch.

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@ArnoldBentheim

Ja natürlich.

Auch die kleindeutsche Lösung wird bisweilen kritisiert. Und das Einschwenken auf die Kolonialpolitik. Und die Emser Depesche. Undundund.

Bei der ebenfalls zum Teil umstrittenen Außenpolitik habe ich mit Bedacht ein "relativ" geschrieben - auch um die Bismarcksche Außenpolitik von der Poltik der Jahre nach seinem Abgang abzugrenzen.

All das ist ein weites Feld und sprengt meiner Ansicht nach die Dimensionen der Fragestellung.

Wie praktisch immer ist es auch die Frage: Beurteil man einen Politiker aus der Sicht der Zeit heraus oder aus Sicht von heute? Oder versucht man beides? Wenn ja, in welcher Mischung...?

Ein weites Feld...


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In früheren Zeiten, als Bismarck, der schon als Abgeordneter im ersten gesamtdeutschen Parlament als Abgeordneter saß, noch angesehen, seine Leistungen vermittelt und seine Verdienste geehrt wurden, war die Wirkungsabsicht dieser Vereehrung:

- daran zu erinnern, daß die Einheit der Deutschen keine naturgegebene Zwangsläufigkeit, sondern ein hart erarbeitetes Bündnis ist, bei dem die Verschiedenheiten der deutschen Stämme in ihrer Kultur, Sprache, Konfession und Geschichte föderal und lose vereinigt sind,

- an den Frieden in Europa zu erinnern, den er durch geschickte Bündnispolitik und deutsche Zurückhaltung über lange Zeit zu sichern vermochte,

- daran zu erinnern, daß Deutschland immer wieder Opfer europäischer Agression wurde, bei den Ungarn angefangen über die Schweden im 30 jährigen Krieg, über die Russen, Dänen und Franzosen, bis zur Kriegserklärung gegen Deutschland im Krieg 70/71.

- an die Errungenschaften zu Bewältigung der sozialen Frage zu erinnern und die beispiellose Steigerung von Gesundheit, Wohlstand und Arbeit nach der Wiedergründung des deutschen Reichs 1871.

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