Was ist die Kollektivierung der Landwirtschaft?

3 Antworten

Stark vereinfacht: Die Überführung von eigenem ländlichen Privatbesitz(z.B. Äcker, Vieh) in eine Zwangsgenossenschaft. Dadurch verloren die Bauern in der Sowjetunion, DDR und fast im ganzen Ostblock ihr Land und große Teile ihres Besitzes und bekamen dafür Anteile an einer Genossenschaft. Eigene Bauernhöfe wurden in "Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften" (LPG)eingebracht. Diese heißen in der Sowjetunion KOLCHOSEn bzw. SOWCHOSEn.

Stichwort LPG. Alle Bauern schmeißen ihr privates Land zusammen und arbeiten in einer Genossenschaft, statt privat zu wirtschaften.

Alle Bauern schmeißen ihr privates Land zusammen

In der DDR wurde dabei allerdings kräftig Druck gemacht ...

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@PatrickLassan

Ja, vor allem gegen Ende der Kollektivierungsphase. Anfangs hoffte man noch, dass die Bauern jubelstürmend in die LPGs eintreten. Die Freude am eigenen Besitz wurde von sozialistischen Regierungen seit eh und je unterschätzt.

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wurden gezwungen, ihr Privatland aufzugeben!

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@Bswss

Nota bene: Die Frage lautete nicht: Was ist die Kollektivierung der Landwirtschaft der DDR? Auch ein Kibbuz betreibt eine kollektive Landwirtschaft.

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@CrazyDaisy

WARUM gabs denn mal eine MAUER---oder bist du zu jung und weisst nix darüber?

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Die Kollektivierung der Landwirtschaft war ein Modell, das in der DDR aus der Sowjetunion übernommen wurde. Dort wollte man den Boden effektiver bestellen um die Bevölkerungsversorgung zu opimieren. Außerdem gingen der Kollektivierung die Enteignung der Großgrundbesitzer, Gutsbesitzer, Großbauern und Kulaken voraus, die der Ausbeuterklasse zugerechnet wurde. Nun wollte man nicht wieder in klein, klein anfangen, weil das wieder eine Konkurrenzsituation und damit Wettbewerb nach sich gezogen und außerdem sich die Eigebrötlerei der Bauern der zentralen Planwirtschaft enzogen hätte. Die sowjetischen Zwangskollektivierungen zu sogenannten Kolchosen und Sowchosen (kollektiwnoje bzw. sowjetskoje chosjaistwo (ch wie in ach) (chosjaistwo = Wirtschaft) stießen bei den nach der Revolution begünstigten Kleinbauern, Tagelöhnern, Büdnern, Landlosen etc. zunächst einmal auf erbitterten Widerstand, der mit Agitatoren und der bewaffneten Macht der Partei gebrochen wurde. Diese Auseinandersetzungen und das unausgegorene Bewirtschaftungsprinzip durch die zentrale Plankommission führten in der Sowjetuinion in den Zwanzigern zu enormen, MIllionen Tote fordernden Hungerkatastrophen. Die Bewässerung der riesiegen Staatslatifundien richtete zudem grauenhafte Umweltschäden an wie Du an der Austrocknung und Verwüstung des Aralsees sehen kannst, der den Baumwolplantagen geopfert wurde (--> Umleitung der Flüsse Amur-Darja und Syr-Darja)

In der DDR hieß es nach 1949: Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen. Also machte man denselben Unfug nochmal. Erst bekamen die Landlosen und Kleinbauern Land nach dem Motto: Junkerland in Bauernhand - dann ging die FDJ und die SED auf platte Land und presste die Bauern in die LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) oder in die GPG (Gärtnerische ~). Manche Bauern hetzten die Hunde auf die FDJler und die Parteiagitatoren, die revanchierten sich mit Schikanen und dem Besuch durch noch ganz andere Organe und entsprechende Erpressungen, worauf viele der Bauern über Nacht Haus und Hof verließen und in den Westen türmten.

Der Rest machte nolens volens mit.

Mit der LPG verhielt sich das so: Man wurde NICHT enteignet, verlor also seinen land- oder forstwirtschaftlichen Grundbesitz NICHT! NOTA BENE, solange man vorher nicht mehr als 100ha besaß. Wer MEHR hatte, wurde enteignet.

Nur die Planungshoheit, was auf den vielen, nun mehr zusammengefaßten Flächen angebaut wurde, gab man ab. Darüber entschied der Bezirk in Zusammenarbeit mit der LPG-Führung vor Ort nach den Vorgaben der zentralen Plankommission.

Die Geräte wurden zunächst in der MAS (Maschinen-Ausleihstation) zusammengefasst und später direkt von der LPG angeschafft, gewartet und gestellt. Alle LPG-Mitglieder arbeiteten als landwirtschaftliches Produktionskollektiv auf den Äckern der LPG, also auf dem Grund und Boden aller. Das alles hatte gewisse Vorteile, barg aber auch Risiken, die im Zusammenspiel mit der ideologisch motivierten Suventionspolitik des Politbüros des ZK der SED zu teilweisen Versorgungsengpässen mit Nahrungsmitteln des täglichen Bedarf führten.

Ich hoffe, ich konnte ein wenig Licht ins Dunkel bringen.

"Das alles hatte gewisse Vorteile"---WELCHE denn?

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@gansh

Nun, zunächst einmal - ich bin ein stockkonservativer Preuße und habe bei den Bolschewisten im Staatssicherheitsgewahrsam gesessen. Ich rühre hier gewiß nicht die Kollektivierungstrommel. Trotzdem. Die Roten und die Juden haben mich dialektisches Denken gelehrt (Die Roten lehrten es nur - die Juden leben es ;-) das heißt: Ich betrachte die Dinge nüchtern und ohne ideologische Vorurteile. Jetzt zu Deinem fragenden Einwurf:

Das liegt doch auf der Hand: Habe ich eine größere zusammenhängende Fläche, kann ich beispielsweise größere Technik einsetzen, mit der sich der Acker weitaus effektiver bewirtschaften läßt. Zweitens konnten die kollektivierten Bauern und die zur LPG gehörenden Handwerker und das andere Personal weitaus besser koordiniert eingesetzt werden, als das bei bäuerlichen Einzelwirtschaften der Falle ist, wo der Bauer sich um jeden Kram selbst kümmern muss.

Drittens hatte die DDR nun mal eine Planwirtschaft, wie ich das in meiner Antwort mehrmals betonte. Mit tausenden bäuerlichen Einzelwirtschaften kann man nun mal nicht effektiv planen. Man wäre also über kurz oder lang gezwungen gewesen, teilkapitalistische Verhältnisse zu dulden. Diese aber wären ein Einfallstor für Wirtschaftsformen gewesen, die man ja gerade überwinden wollte. Das bedeutet, man hätte sich über die Agrarwirtschaft, die ein ganz gewichtiger Teil der DDR-Nationalökonomie gewesen ist, den eigenen Sargnagel schon mindestens ein Vierteljahrhundert früher geschmiedet.

Es gibt sicher noch ein paar Punkte auf der sozialistischen Haben-Seite. Ich aber verfüge nicht über die Zeit, mich jetzt in ausführlicheren Diskursen zu erschöpfen, die am Ende in ideologischen Grabenkämpfen münden würden. Schon gar nicht, weil ich Historiker bin und kein Klassenkämpfer - und weil ich infolge der LPG-Bildung später das Haus verlor, dass mein Urgroßvater 1920 baute und das eigentlich mein Zuhause sein sollte. Nun lebe ich in der Stadt und mir stinkts immer noch, wenn ich auf der Durchfahrt durch mein Dorf an dem Hause und den Landstrichen vorbeifahre, die eigentlich jetzt meine sein sollten.

Gruß Kotofeij

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@Bajun

ich hatte 1975 als wessi die möglichkeit,eine LPG in der nähe von TETEROW zu besichtigen---privat,ohne offizielle erlaubnis---und hatte dort offen im kader diskutieren können.schon damals hatte ich das wort EIGENINITIATIVE so erklärt,dass unser wirtschaftssystem in der BRD darauf basiert,worauf der FELDBAULEITER mir erklärte,dass z.b.die traktoristen nach einer bestimmten menge verbrauchten dieselkraftstoffs,erst die maschine zur wartung vorstellen mussten,um weniger ausfälle auf der LPG zu haben,worauf ich ihm erklärte,dass er seine genossen praktisch zur eigeninitiative zwingt.das mit dem rationelleren arbeiten auf grösseren flächen stimmt theoretisch,in der praxis hat das zu gewaltigen problemen geführt: z.b. bodenverdichtungen und dadurch zu ertragsverlusten,weil eben eine ganze feldflur nach plan bearbeitet wurde,ohne dabei besonderheiten zu berücksichtigen---lange rede,kurzer sinn,die DDR ist auch aus diesen gründen vergangenheit.

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@gansh

Was in der Praxis daraus geworden ist, da gehen wir beide absolut d'accord!

Auch ich kenne die Tragik der Rinderoffenställe und die Einführung der K700 Traktoren auf ostdeutschen Äcker. Es hat gedauert, bis die Bolschwisten in der DDR begriffen hatten, dass die Verhältnisse der Sowjetunion nicht 1 zu 1 auf die DDR übertragbar waren. Die anderen Probleme, die Du ansprachst, sind mir ebenfalls bekannt. Mir ging es auch nur um die Darstellung der theoretischen Intentionen, die zur Bildung der Landwirtschafts-Kollektiven führte. So verstand ich zumindest den Fragesteller.

Die Schaffung der LPG und GPG führte auch keineswegs zur Abschaffung der Eigeninitiative. Was glaubst Du wohl, wie rührig die Leute wurden, wenn es um ihren privaten Bereich geht, nach der Devise: Privat geht vor Katastrophe! Die DDR entwickelte sich zu einem Volk von wahren Improvisationsartisten. Und was man alles aus den LPG und VEB herausholen konnte...;-)

Gruß Bajun

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@Bajun

"Was glaubst Du wohl, wie rührig die Leute wurden, wenn es um ihren privaten Bereich geht, nach der Devise: Privat geht vor Katastrophe! "---ABSOLUT richtig---ich hatte 1992 in sachsen-anhalt einen wiedereinrichter kennen gelernt,der mir von seiner DDR zeit erzählte:er hatte 3 zuchtschweine und 2 bullen,die er privat hielt und verkaufte---das problem war die futterbeschaffung,die nur über deputat funktionierte und so organisiert gewesen war,dass seine gesamte verwandtschaft zum rübenhacken abkommandiert worden war,um im gegenzug futter von der lpg dafür zu bekommen---die verwandtschaft wiederum,bekam dafür den entsprechenden festagsbraten.

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