Was ist der Unterschied zwischen kritischem und subjektiven (oder absoluten?) Idealismus?

... komplette Frage anzeigen

2 Antworten

Idealismus ist in der Philosophie eine Richtung, die Ideen eine wesentliche Bedeutung zuspricht.

Der kritische Idealismus Immanuel Kants (von ihm auch transzendentaler Idealismus genannt) ist erkenntnistheoretisch. Er fragt nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis. Nicht der Gegenstand erzeugt die Erkenntnis über ihn, indem er über die Sinneseindrücke oder Nachdenken über ihn einfach unsere Erkenntnis bestimmt, sondern was in der Erkenntnis als Gegenstand auftritt (die Erscheinungen), richtet sich nach der Erkenntnis des Subjekts. Bei Kant ist die Außenwelt in ihrer Existenz und Realität aber nicht vom Subjekt abhängig, sondern es gibt das zugrundeliegende Ding an sich. In Bezug auf die Existenz einer Außenwelt vertritt Kant einen (empirischen) Realismus. Zwischen Subjekt und Objekt bleibt mit dem nicht zu erfaßbaren Ding an sich eine Spaltung.

Der subjektive Idealismus Johann Gottlieb Fichtes hält Kants idealistisches Prinzip, daß die Gegenstände sich nach unseren Vorstellungen richten müssen, für von ihm selbst noch nicht folgerichtig ganz durchgeführt und möchte es vollenden. Dabei ergibt sich auch ein ontologischer (auf die Seinslehre bezogener) Idealismus. Die ganze Philosophie ist auf einem einzigen obersten Grundsatz aufgebaut. Er betrifft die Subjektivität (übernimmt von Kants Ansatz, es müsse von der Untersuchung des Subjekts ausgegangen werden) und bezieht sich auf eine notwendig vorauszusetzende nichtsinnliche Tätigkeit (Tathandlung, die etwas als wirklich hinstellt und mit diesem Denkbezug erst schafft und begründet), die Fichte „Setzen“ nennt. Identität und Differenz (bzw. Gegensatz) werden zu elementaren logischen Grundformen statt der Urteilsformen bei Kant. Es tritt dadurch in stärkerem Ausmaß eine Dialektik auf. Der subjektive Idealismus Fichtes versucht, Subjekt und Objekt zusammenzubringen, indem die ganze Wirklichkeit von einem Prinzip der Subjektivität, einem überindividuellen Ich (der „Ichheit“) her verstanden wird. Ein Ding an sich, das (wie bei Kant) für das Erkennen unerreichbar ist, lehnt Fichte ab (Peter Rohs, Johann Gottlieb Fichte. Originalausgabe. 2., überarbeitete Auflage. München : Beck, 2007 (Beck´sche Reihe : Denker) , S. 26 – 50 enthält einige Gedanken über den Unterschied).


Die Wirklichkeit wird nach Immanuel Kant von den Menschen in Formen der Anschauung und des Denkens erkannt: Dies ist aber nicht unbedingt das Ding in seinem Eigensein, sondern die Erscheinungen sind die Beschaffenheit/die Formen, welche die Wirklichkeit in Beziehung auf das erfahrende Bewußtsein/ein erkennendes Subjekt hat. Unabhängig davon gibt es dann aber ein An-sich-Sein der Dinge als äußeren Grund der Objektvorstellungen. Über das Ding an sich ist für die Menschen nach Meinung von Immanuel Kant kein Wissen möglich, nur Spekulation (die Analogien verwenden kann). Der Verstand ist für Erkenntnisse über die Welt auf sinnliche Anschauung angewiesen. Für Erkenntnis sind reine Verstandesbegriffe erforderlich, ihr Gebrauch ist aber an die Sinnlichkeit gebunden. Die Menschen müssen Dinge an sich als Ursache von Erscheinungen und ihrer Bestimmtheit annehmen, ohne ihr Wesen mit sicherer Erkenntnis bestimmen zu können. Das Ding an sich ist ein den Erscheinungen zugrundeliegendes transzendentales Objekt (als transzendental bezeichnet Kant die Erkenntnis, die sich mit Gegenständen beschäftigt, sofern sie a priori [vor aller Erfahrung] möglich sein soll).

Immanuel Kant, Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können (1783). Der transzendentalen Hauptfrage zweiter Teil. Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?

§ 32 „In der Tat, wenn wir die Gegenstände der Sinne, wie billig, als bloße Erscheinungen ansehen, so gestehen wir hiedurch doch zugleich, daß ihnen ein Ding an sich selbst zum Grunde liege, ob wir dasselbe gleich nicht, wie es an sich beschaffen sei, sondern nur seine Erscheinung, d. i. die Art, wie unsre Sinnen von diesem unbekannten Etwas affiziert werden, kennen. Der Verstand also, eben dadurch, daß er Erscheinungen annimmt, gesteht auch das Dasein von Dingen an sich selbst zu, und sofern können wir sagen, daß die Vorstellung solcher Wesen, die den Erscheinungen zum Grunde liegen, mithin bloßer Verstandeswesen nicht allein zulässig, sondern auch unvermeidlich sei.“

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von Albrecht
13.07.2011, 06:57

Bei Johann Gottlieb Fichte ist die dingliche Welt außer uns Produkt des nichtsinnlichen überindividuellen Ich, indem es sich durch Setzung (in Form eines Entgegensetzens) ein Nicht-Ich gegenüberstellt. Das Nicht-Ich ist der Bezugspunkt der nach außen gerichteten Tätigkeit, das Andere des Ich. Aus dem ursprünglich unbestimmten Ich entsteht als Ergebnis einer Tathandlung das Nicht-Ich. Das Ich hat einen Bezug zu etwas, das es begrenzt.

Johann Gottlieb Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre (1794) II § 4, A2: „Das Ich setzt sich selbst als beschränkt durch das Nicht-Ich.“

Bei Fichte soll Erkenntnis nicht nur der Form, sondern auch dem Inhalt nach aus der reinen Tätigkeit des nun absolut verstandenen Ich entspringen. In der intellektuellen Einheit setzt das Ich sich selbst (Thesis) und das Nicht-Ich (Antithesis) und umgreift schließlich beide (Synthesis), indem es sich in der intellektuellen Anschauung seiner Tätigkeit von sich als dem reinen = absoluten Ich, das heißt Grund beider bewegt.

In Philosophielexika kann nach Darstellungen gesucht werden, die Unterscheide verdeutlichen. z. B.:

Alois Halder, Philosophisches Wörterbuch. Mitbegründet von Max Müller. Völlig überarbeitete Neuausgabe. Freiburg ; Basel : Herder, 2000 (Herder Spektrum ; Band 4752), S. 151 – 152 gibt z. B. zu Idealismus an: seins- und erkenntnismäßiger Vorrang der maßgebenden Idee vor den unmittelbar wahrzunehmenden Dingen (Erscheinungen) und zählt verschieden Richtungen auf, darunter:

„4) Der transzendentale I.[dealismus], begründet durch Kant. Die Idee wird hier von der realen psychischen Vorstellung zu einer apriorischen Bedingung der Möglichkeit von Bewußtsein. Die Bewußtseinswelt wird überschritten; freilich nicht (wieder) in ein „Jenseits“ (den Bereich der Gedanken Gottes) hinaus, sondern zu den der Subjektivität vorbewußten, in der Struktur endlicher Subjektivität liegenden Geltungsgrundlagen jeder möglichen endlichen Erkenntnis zurück. Die ideelle Welt dieses I.[dealismus] ist der Bereich der Bedingungen der Möglichkeit endlicher, d. h. gegenständlicher Erfahrung und an sittliche Normen sich bindender Handlungen. Idee im strengen Sinn aber meint die Vernunftbedingungen, die die als notweniges Regulativ das theoretische Erkennen und als unbedingte Norm das praktische Handeln leisten.

5) Der absolute I.[dealismus]. auch deutscher I.[dealismus] (Fichte, Schelling, Hegel), führt im Rückgang in die Subjektivität nicht, wie Kant, zu den Grundlagen endlicher, sondern aller Erkenntnis. Die Subjektivität entdeckt und begreift sich in ihrem Grund als das Absolute selbst. Sie kommt in ihrem Durchgang durch ihre Bewußtseinsformen nicht nur zu Vernunftideen als regulativen Bedingungen fortgehender Erkenntnis, sondern erfährt sich selbst als die Idee, als denen einen absoluten und immanenten Einheitsgrund, aus dem heraus alle Scheidungen (wie in das empirische Subjekt und Objekt, Geist und Natur, Natur und Geschichte usw.) erst frei hervorgehen.“

Hermann Zeltner, Idealismus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 4: H – K. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1976, Spalte 30 – 33

Spalte 30 – 31: „Schöpfer einer idealistischen Metaphysik ist für Kant ebenso wie für Reid G. Berkeley. Wie schon bei Locke sind auch bei ihm »ideas« die unmittelbaren Objekte unseres Verstandes; wir empfangen sie entweder durch unsere sinnliche Empfindung oder bringen sie durch unsere Einbildungskraft hervor, keinesfalls aber haben sie eine außermentale Realität, sie sind vielmehr nur Umformungen unserer eigenen Affektionen. Ihr Sein ist »percipi«; es erschöpft sich in ihrem Wahrgenommenwerden. Finden wir ein Aggregat von sinnlichen Ideen in unseren Erfahrungen immer wieder zusammen, so nennen wir es ein wirkliches Ding, daher ist eine das Sein der »wirklichen« Dinge nicht anderes als bloßes Bewußtwerden. Es gibt so auch nicht zweierlei Wesen, geistige und materielle, sondern es existieren schlechthin nur Geister, d. h. denkende Wesen, deren Natur in Vorstellung und Willen besteht; die Objekte unserer Vorstellungen, die Ideen sind darum nichts Substantielles außerhalb des Geistes, sondern produktive Tätigkeit. Allerdings kommen uns die Empfindungen unserer Sinne ohne unser Zutun, sie sind sogar unleugbar stärker, deutlicher und geordneter als die Produkte unsere Phantasie; gleichwohl müssen auch sie Produkte eines Willens sein, und wir müssen aufgrund ihrer sich uns aufdrängender Überlegenheit über unsere eigene Produktion annehmen, daß sie von einem uns überlegenen Geist, von Gott geschaffen sind.“

0
Kommentar von Albrecht
13.07.2011, 06:59

Spalte 31: „Im Unterschied nämlich zu Berkeley nimmt KANT die Existenz eines Dinges an sich an, das für uns unmittelbar nicht zu erkennen ist. Unserer Erfahrung zugänglich und erkennbar sind vielmehr immer nur Erscheinungen. Wir müssen aber weiter unterscheiden nach Form und Materie unseres Erkennens: material, inhaltlich erfaßt unsere Erfahrung ihrer Gegenstände als objektive, von uns unabhängige Gegebenheiten, die Formen unsere Anschauungen jedoch, Raum und Zeit, und damit die Formen unserer äußeren und inneren Erfahrung sind subjektiv, und damit ist alles, was uns in der Erfahrung vorkommen kann, keine »eigene vor sich bestehende Existenz«.“

Spalte 31 – 32: „Nach J. G. FICHTES Urteil ist der I.[dealismus] Kants auf halbem Wege stehen geblieben: Nicht nur die Formen der Anschauung und die Kategorien des Verstandes sind Schöpfungen der Vernunft, die Gegenständlichkeit selbst ist unsere Produktion: »Das Bewußtsein des Gegenstandes ist nur ein nicht dafür erkanntes Bewußtsein meiner Erzeugung einer Vorstellung vom Gegenstande« Allerdings steht es nicht in meiner Willkür, was ich als Außenwelt erlebe, ich finde mich in der Außenwelt ohne mein Zutun bestimmt; aber deren Realität liegt nur in der geistigen Bedeutung, dem geistigen Zweck der jeweiligen Erscheinungen, diese haben ihren Ursprung im Willen, seine Realität ist praktischer Natur.“

Spalte 32: „Indem Fichte eine prinzipiell unabhängige Realität leugnet, kehrt er zu Berkeley zurück, ja er radikalisiert dessen I.[dealismus] durch die Lehre vom absoluten Ich, das ursprünglich autonom und unbegrenzt ist und erst durch die Setzung des Nicht-Ich sich selbst begrenzt.“

Hermann Zeltner, Idealismus, subjketiver. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 4: H – K. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1976, Spalte 43:
„Im Unterschied zu dem »materiellen« I.[dealismus] vor allem Berkeleys, dem KANTS ‹Widerlegung des I.[dealismus]› gilt, bezeichnet Kant seine eigene Theorie als »t.[ranszendentalen] I.[dealismus]«, nach welchen wir alle Erscheinungen »insgesamt als bloße Vorstellungen und nicht als Dinge an sich selbst ansehen«. Er ist das Ergebnis der Vernunftkritik und heißt daher auch »kritischer I.[dealismus]«.“

Oswald Schwemmer. Idealismus, transzendentaler. In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Herausgegeben von Jürgen Mittelstraß. Band 3: G – Inn. 2., neubearbeitete und wesentlich ergänzte Auflage. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2008, S. 505 – 508

S. 505 – 506: Demgegenüber rückt Kant die Frage, ob und wie die ideale Bestimmtheit der Realität für ein Verständnis der objektiven Erkenntnis gedacht werden kann, in den Mittelpunkt seiner Philosophie. Seine Antwort soll zeigen, daß die Gegenstände unserer Erkenntnis nicht unabhängig von den (mit Wahrnehmung und begrifflichen Unterscheidungen erbrachten) Ordnungsleistungen des erkennenden Subjekts gegen sind (als ↑Dinge an sich), sondern (als ↑Erscheinungen) erst mit diesen Ordnungsleistungen des Subjekts erzeugt werden. Damit wird zwar die Realität nicht als real bestimmt durch unsere Ideen bzw. ›Anschauungsformen‹ ) ↑Anschauung) und ›Kategorien‹ gedacht, d. h., sie wird nicht als durch uns und unsere Ideen hergestellt verstanden. Doch daß etwas als real gelten kann, ist durch uns, durch unsere Ideen im Sinne der Ordnungsleistungen des erkennenden Subjekts bewirkt. Die Realität selbst wird damit als die uns erscheinende Realität idealistisch verstanden. Aus diesem Verständnis ergibt sich ferner, daß sie durch Ideen bestimmt sein muß.“

Siegfried Blasche, Idealismus, kritischer. In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Herausgegeben von Jürgen Mittelstraß. Band 3: G – Inn. 2., neubearbeitete und wesentlich ergänzte Auflage. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2008, S. 510

Oswald Schwemmer. Idealismus, transzendentaler. In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Herausgegeben von Jürgen Mittelstraß. Band 3: G – Inn. 2., neubearbeitete und wesentlich ergänzte Auflage. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2008, S. 511 - 512

Friedrich Voßkühler, Idealismus. In: Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften. Herausgegeben von Hans Jörg Sandkühler. Band 1: A – N. Hamburg : Meiner, 1990, S. 579 – 583

0

ehm ich würde sagen,dass der kritische Idealismus angeboren ist der subjektive Idealismus erst angeeignet werden muss. ansonsten muss ich auch noch mal überlegen xD

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von Esteban89
09.07.2011, 21:21

Hm, könntest du das weiter ausführen vielleicht? Wäre sehr nett =)

0

Was möchtest Du wissen?