was ist der Geist (philosophie)?

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Es gibt kein einheitliches Verständnis des Begriffes »Geist« in der Philosophie, auch wenn grob umrissen werden kann, was mit der Bezeichnung gemeint ist (das, womit Menschen denken und Annahmen machen).

Die Auffassung, was »Geist« genau ist, hängt von allgemeinen Auffassungen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit und die Beschaffenheit des Menschen (Anthropologie [Lehre über das Wesen des Menschen]), der Erkenntnistheorie und der Psychologie/Seelenlehre ab.

Geist wird oft als Gegensatz zu Materie bzw. Körper gedacht. Dann wird unter Geist etwas, verstanden, was immateriell ist bzw. zumindest über das rein Materielle (Stoffliche) hinausgeht. Andererseits wird von der Weltanschauung eines Materialismus bzw. Physikalismus auch Geist als materiell gedeutet.

Geist wird teils mit Seele gleichgesetzt, teils als ein Teil der Seelenvermögen (die denkende Seele) verstanden, teils von der Seele unterschieden (z. B. Geist als Bereich des rationalen Überlegens und Handeln, Seele als Bereich der Gefühle und der Intuition).

Geist ist überindividuell als in der Welt wirkendes Prinzip und Gesetzmäßigkeit gedacht worden.

Der Begriff »Geist« hat geschichtlich vielfältige Bedeutungen. Was die einzelnen philosophischen Richtungen Philosophen/Philosophinnen darunter verstehen und wie sie das Wort verwenden, ist unterschiedlich.

Möglich ist ein Versuch, hauptsächliche Bedeutungen zusammenzutragen:

  • Lebensprinzip
  • in der Wirklichkeit waltendes schöpferisches Ordnungsprinzip
  • das den Erkenntnisvermögen (wie z. B. Wahrnehmung, Vorstellung, Erinnerung, Denkkraft/Intellekt/Verstand/Vernunft) Zugrundeliegende
  • die Vernunft/der Verstand/der Intellekt, mit einer erfassenden und hervorbringenden Fähigkeit
  • Bewußtsein oder Selbstbewußtsein bzw. das ihnen Zugrundeliegende oder die Fähigkeit dazu
  • Subjekt mentaler Zustände
  • Gesinnung und Denkweise

Nachschlagewerke zu philosophischen Begriffen in Bibliotheken enthalten knappe bis ausführliche Darstellungen.

Schülerduden Philosophie : das Fachlexikon von A – Z. Herausgegeben und bearbeitet von der Redaktion Schule und Lernen. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Mannheim ; Leipzig ; Wien ; Zürich : Dudenverlag, 2009, S. 153- 154:

Geist: einer der am schwersten zu bestimmenden und umstrittensten Begriffe der Philosophie. In die Alltagssprache eingegangene Bedeutungen des Begriffs sind z. B. Geist als göttliches Prinzip (»Heiliger Geist«), als Träger des Lebens (»den Geist aufgeben«), als immaterielles Wesen (»Geisterstunde«), als schöpferische Intelligenz (»geistreich«), als Gerinnung (»Zeitgeist«).

In der metaphysischen Tradition bezeichnet »Geist« das Gegenprinzip zur Materie (bzw. ↑ Natur). Während der gesamten Metaphysikgeschichte wird das Absolute (↑ absolut/relativ) als Geist verstanden, sei es als Ordnungsprinzip des Kosmos (ANAXAGORAS) als »das sich selbst denkende Denken« (ARISTOTELES) oder als christlicher Gott. Eine fundamentale Rolle spielt der Begriff in den Systemen des deutschen Idealismus v. a. bei HEGEL (↑ absoluter/objektiver/subjektiver Geist). Als geistiges Vermögen nennt HEGEL Anschauung (Erfassung eines Gegenstandes in seiner Totalität), Vorstellung, Denken und Wollen; als wesentliche Bestimmungen des Geistes seine Idealität, d. h. seine Fähigkeit zur Aufhebung der Realität in die Innerlichkeit (Abstraktion), seine Subjektivität, d. h. seine Reflexivität bzw. sein Sich-auf-sich-beziehen-Können, sowie seine Freiheit, d. h. sein Sich-selbst-erkennen, -bestimmen und –verwirklichen-können. Was der Mensch kraft seines Geistes als Kultur hervorbringt, wird im Anschluss an HEGEL als »objektivierter Geist« bezeichnet.

Die antimetaphysisch orientierte Philosophie des 20. Jh. vermeidet - wie zuvor schon KANT in seiner Metaphysikkritik – den Begriff Geist, indem sie stattdessen von der menschlichen »Sprach- und Handlungsfähigkeit« spricht.“

z. B. = zum Beispiel

v. a. = vor allem

Jh. = Jahrhundert

Der Brockhaus Philosophie. Ideen, Denker und Begriffe. Herausgegeben von der Lexikonredaktion des Verlages F. A. Brockhaus, Mannheim. 2., erweiterte Auflage. Mannheim ; Leipzig : Brockhaus, 2009, S. 133 – 134

S. 133: „Geist, allgemein das dem Bewusstsein, Fühlen, Wollen und Denken zugrunde liegende über das Sinnliche und Materielle hinausreichende Prinzip und dessen Organisationsformen.“

Orin F. Summerell, Geist. In: Metzler Philosophie Lexikon : Begriffe und Definitionen. Herausgegeben von Peter Prechtl und Franz P. Burkard. 3., erweiterte und aktualisierte Auflage. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2008, S. 200 – 201

S. 200: Geist, gilt allgemein als immaterielles Lebensprinzip und speziell als Denkkraft; beides trifft zu, da die ihm etymologisch zugrundeliegende »Erregung« und damit das »Außersichsein« jegliche Innerlichkeit und jedweden Selbstbezug ermöglicht.“

Siegfried Blasche, Geist. In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. 2., neubearbeitete und wesentlich ergänzte Auflage. Band 3: G – Inn. Unter ständiger Mitwirkung von Siegfried Blasche, Gottfried Gabriel, Herbert R. Ganslandt, Matthias Gatzemeier, Carl F. Gethmann, Peter Janich, Friedrich Kambartel, Kuno Lorenz, Kaus Mainzer, Peter Schroeder-Heister, Oswald Schwemmer, Christian Thiel, Reiner Wimmer in Verbindung mit Gereon Wolters herausgegeben von Jürgen Mittelstraß. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2005, S. 51 – 53

S. 51: „Geist (griech. πνεῦμα, lat. spiritus, mens, hebr. ruach, engl. mind, franz. esprit), zentraler philosophischer Ausdruck seit dem Deutschen Idealismus, den man insgesamt als eine Philosophie des G.es charakterisieren kann.“

griech. = griechisch

lat. = lateinisch

hebr. = hebräisch

engl. = englisch

franz. = französisch

G. = Geist

 „Historisch hat der G.begriff einen doppelten Ursprung:

(1) Im vorphilosophischen Gebrauch bedeutet G. den Seinsgrund des Lebendigen, er wird dabei schon in mythischer Zeit, jedenfalls in einigen Hochreligionen als ein besonderer Stoff charakterisiert (Luft, Hauch, Atem), dessen Fehlen die Aufhebung des Lebens selbst einschließt. Sowohl das biblische ›ruach‹ als auch das griechische › πνεῦμα‹ weisen in diese Richtung. Die stofflich-materielle Charakterisierung des Lebensprinzips wird auch in der philosophischen Literatur materialistischer Prägung (z. B. in der ↑Stoa), vor allem aber in der Medizin tradiert.

(2) In philosophischer Reflexion bedeutet G. eine als immateriell gedachte (↑Immaterialismus) gedachte Substanz, die in einer weiteren Bedeutung (a), und hierin liegen theologische Implikationen, ursächlich für die Gesamtordnung der Welt ist und in einer engeren Bedeutung (b) die Gesamtheit bzw. den Grund der oberen Erkenntnisleistungen des Menschen umfaßt. Die philosophische Bestimmung des G.begriffs schließt an die Logosspekulationen (↑Logos) der griechischen antiken Philosophie (↑ Nus) an.“

Ludger Oeing-Hanhoff/Gérard Verbeke/Balthasar Schrott/Helmut K. Kohlenberger/Herbert M. Nobis/Redaktion/Odo Marquard/Hans Friedrich Fulda/Klaus Rothe, Geist. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 3: G – H. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1974, Spalte 154 – 204

Francesco Moiso, Geist. In: Enzyklopädie Philosophie : in drei Bänden mit einer CD-ROM. Unter Mitwirkung von Dagmar Borchers, Arnim Regenbogen, Volker Schürmann und Pirmin Stekeler-Weithofer herausgegeben von Hans Jörg Sandkühler. Band 1: A – H. Hamburg : Meiner, 2010, S. 432 - 445

Michael-Thomas Liske, Geist. In: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Begründet von Hermann Krings, Hans Michael Baumgartner und Christoph Wild. Neu herausgegeben von Petra Kolmer und Armin G. Wildfeuer in Verbindung mit Wolfram Hogrebe, Ludger Honnefelder, Christoph Horn, Wolfgang Kluxen und Wilhelm Vossenkuhl. Originalausgabe. Band 2: Gerechtigkeit – Praxis. Freiburg im Breisgau ; München : Alber, 2011, S. 890 - 904

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Herzlichen Dank für diese inspirierende Antwort. Als Dank auch der Ausführlichkeit und der korrekten Zitierweise wegen sei vollständigkeitshalber folgende Anmerkung ergänzt: d. h. = das heisst. Allerbeste Grüsse, seifreundlich2

2

Schwierig. Denn wenn wir z.B. Geist auch als gesellschaftlich gestaltete Beziehungen untereinander und zur belebten Natur wie zur physikalischen Welt mit Rückkoppelung auf uns selbst betrachten, dann ist das Bewusstsein des Individuums und sein Denken nur ein kleiner Ausschnitt. Jede Philosophie, die ausschließlich um das Individuum kreist, greift da zu kurz. Ein guter Versuch, eine Systematik zu entwickeln, die die unterschiedlichen Qualitäten des Seins einfängt, ist Karl Raimund Poppers 3-Welten-Darstellung. Wer sich noch nie damit befasst hat, wird auch das gute Video mehrfach anschauen müssen, um die Komplexität zu durchschauen.

https://www.youtube.com/watch?v=LfgM3F5xLkk

Viel Spaß.

Geist ist nicht scharf definiert. Manchmal meint man damit Bewusstsein, Wahrnehmung oder das was vor Wahrnehmung ist.

Aber im Allgemeinen ist Geist einfach der nicht-materielle Anteil des Menschen.

2

Apropos Geist:, Manche Philosophen behaupten, dass daran zu glauben, dass andere ein Bewusstsein und einen Geist haben wie an übernatürliche Dinge zu glauben, da man es nicht beweisen kann und der Geist auch nicht greifbar ist. Es stimmt ja, dass er nicht greifbar ist. Aber trotzdem macht es mit manchmal Angst. Aber das hat ja auch nur ein Philosoph behauptet. Ein Mensch. The problem of other minds is doch schwachsinn. Total egozentrisch... Das kann man doch nicht vergleichen oder?!!

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