Was hat es mit der phantomzeit hypothese ( Erfundenes Mittelalter) auf sich?

2 Antworten

Einen Satz aus deiner Frage hast du ja aus der Wikipedia kopiert und in dem Artikel dort, stehen ja auch genügend Gegenargumente.

https://de.wikipedia.org/wiki/Erfundenes_Mittelalter

Ich persönlich habe noch keine seriöse wissenschaftliche Publikation gesehen, die diese Theorie auch nur im Ansatz als realistisch einstuft oder dieser überhaupt Beachtung schenkt.

Da hat einfach jemand eine nette Idee gehabt und sie entsprechend vermarktet. Es natürlich immer interessant, den ganz großen Wurf zu landen (gerade in der Geschichtswissenschaft, wo das heutztage praktisch ausgeschlossen ist) und mit einer steilen These bekannt zu werden.

Zumindest an der CAU gibt / gab es zu diesem Thema Vorlesungen. Es ist sehr bedauerlich, das Du so pauschal Wisschenschaftler, die sich mit dem Buch beschäftigt haben, als unseriös abstempelst. Die von Illig beschriebene Idee ist meiner Ansicht nach schlüssig. und man kann, mit Recherchearbeit und / oder Aufmerksamkeit durchaus Hinweise darauf finden, das die Idee zutreffend sein könnte. Bedien Dich z.B. einfach einmal den Schriften von Saxo Grammaticus zum Thema Dänische Geschichte und schau, wen Du von den dort benannten  Personen auch andernorts in Urkunden wiederfindest. Das Einzige, was man Illig vorwerfen könnte, ist, das er sich ausserhalb des Diskurses bewegt. Die häuffigsten Gegenargumente gegen Illig, die ich zu lesen bekomme, sind Plattitüden und Beschimpfungen, ähnlich wie Dein Kommentar. Was für meinen Geschmack die Geschichstswissenschaften  diskreditiert, vermutlich  aber unbeabsichtigt.

Ein Gegenargument gegen Illig ist z.B., das es eine Vielzahl von Funden gibt, die in Museen lagern, die auf die Zeit datiert sind,  von der Iillig spricht. Das ist SO meiner Ansicht nach kein Gegenargument. Wenn wir ein Datierungsproblem haben, dann lässt sich damit nicht argumentieren.

Mit seiner Kalendertheorie schon eher.

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@Hirnhaube

Ich sehe es so: Die Theorie existiert seit über 25 Jahren. In diesem Zeitraum ist es nicht gelungen, tatsächlich stichhaltige Argumente für
deren Richtigkeit zu sammeln. Dabei bietet dieses Thema eigentlich
alles, was Nachwuchswissenschaftler dazu anstiften sollte, der Sache nachzugehen, um sich im sonst recht trockenen Metier der
Geschichtswissenschaft einen Namen zu machen. Dennoch kommt die Theorie nicht von der Stelle und ist im Prinzip da, wo sie vor 25 Jahren angefangen hat.

Deswegen stemple ich auch nicht die Wissenschaftler als unseriös ab, die sich damit beschäftigen, sondern ich sehe es als Zeichen für die mangelnde Substanz der These, dass sie bisher praktisch keinen Niederschlag gefunden hat - also offensichtlich auch gestandene Wissenschaftler an ihr nicht weiterkommen.

Außerdem unterschätzt du meines Erachtens die Zuverlässigkeit von archäologischen Methoden. Diese sind in den letzten Jahrzehnten immer naturwissenschaftlicher geworden und in ihrer Kombination in der Lage, Datierungen für einen deutlich engeren Zeitraum als die besagten 300 Jahre vorzunehmen.

Und noch kurz zu den Gesta Danorum: Diese sind eines der zentralen Werke der skandinavischen Geschichtsschreibung, zu denen es meterweise Literatur gibt. Und auch in dieser werden die Lücken in der Saxos Chronologie meines Wissens nach üblichwerweise nicht damit erklärt, dass in der Globalgeschichte ein paar hundert Jahre fehlen.

Wenn in der nächsten HZ ein Artikel steht, dass Illig Recht hatte (oder wenigstens Recht haben könnte), dann wäre ich der Letzte, der sich dafür nicht interessiert. Aber ich denke, die Geschichtswissenschaft hatte im letzten Vierteljahrhundert schon so viele Gelegenheiten, diese These unter die Lupe zu nehmen, dass ich nicht davon ausgehe, dass bei einem im Grunde so sensationellen Thema doch noch der Durchbruch kommt.


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@Ansegisel

Hallo Ansegisel,

danke für Deine wirklich ausführlichen Gedanken.

Die Tasache, das sich offenbar nur wenige Historiker ernsthafter mit Illigs Thesen auseinandersetzen bedeutet nicht, das sie nicht stimmen. Ein wesentlicher Grund für die Strafung mit Nichtachtung wird die Tatsache sein, das Herr Illig selber keine  Proffessur hat oder anerkannte Veröffentlichungen in einschlägigen Publikationen.  Also mit anderen Worten, sich nicht im Diskurs bewegt und man ihn deswegen nicht ernst nehmen braucht. Es genügt, wenn man sich entrüset.

Das ging in der Vergangenheit der Geschichtswissenschaften und deren Hilfswissenschaften vielen, heute namhaften Persönlichkeiten so.

Etwas zu ignorieren ist kein probates Mittel eine These zu widerlegen. Allerdings auch nicht das Gegenteil:)

Würde das Gegenteil geschehen, hätte das massive Auswirkungen auf eine menge Lehrstühle, Dr-Arbeiten etc.

Das allein ist sicher schon ein Grund,  warum man verstehen kann, das da nur wenige Leute ran gehen wollen. Und das auch mit wenig Liebe. (Siehe z.B. Vasenskandal)

Bezüglich Saxo ist es so, das es dort wohl Personen gibt, die Saxo anführt, die es eigentlich so nicht gegeben hat, aber in anderen Urkunden auftauchen. Das war damit gemeint. Es geht da nicht um Lücken.

Solche Hinweise kann man schon finden.

Un da gebe ich Dir vollkomen recht:

"Aber ich denke, die Geschichtswissenschaft hatte im letzten
Vierteljahrhundert schon so viele Gelegenheiten, diese These unter die
Lupe zu nehmen, dass ich nicht davon ausgehe, dass bei einem im Grunde
so sensationellen Thema doch noch der Durchbruch kommt. "

Aber vermutlich aus anderen Gründen :)

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