Was halten Christen vom Sozialismus?

20 Antworten

Hallo.

Die Frage lässt sich so nicht pauschal beantworten. Das Christentum ist schließlich eine Weltreligion und besteht aus unterschiedlichen Konfessionen, deren Glaubenslehren von einander abweichen. Natürlich gibt es Christinnen und Christen, die mit dem Sozialismus sympathisieren - andere lehnen ihn total ab. Außerdem kommt es auch noch darauf an, was genau wir unter Sozialismus verstehen... Meine Antwort kann daher nicht vollständig sein - ich versuche es aber mal mit ein paar Blitzlichtern:


Deutschland: In Deutschland gibt es seit dem 19. Jahrhundert Christinnen und Christen, die mit sozialistischen Ideen sympathisieren.


Im katholischen Christentum formierte sich der "Sozialkatholizismus", welcher sozialistische Ideen auf dem Feld der Wirtschafts- und Sozialpolitik mit wertkonservativen Vorstellungen auf anderen Gebieten verband. Sein politisches Forum fand der Sozialkatholizismus hauptsächlich in der Zentrumspartei (da drin gab es aber auch Leute mit anderen Vorstellungen). Nachdem sich die deutschen Sozialisten in die Kommunisten (KPD) und die gemäßigteren Sozialdemokraten (SPD) gespalten hatten, ist die Zentrumspartei aufgrund der inhaltlichen Nähe auf dem Feld der Sozialpolitik häufiger Koalitionen mit der SPD eingegangen.
Nach dem zweiten Weltkrieg verlor die Zentrumspartei in der Bundesrepublik an Bedeutung, da es mit der CDU eine konfessionsübergreifenende "christliche" Partei gab, die jedoch die sozialkatholische Tradition kaum fortführte. Dennoch gibt es nach wie vor Katholiken, die sozialistischen Ideen nahe stehen. Die DDR-Diktatur vertrat aufgrund ihrer Bindung an die UdSSR eine leninistische Interpretation des Sozialismus - dementsprechend versuchte man dort alle Religionsgemeinschaften zu bekämpfen. Anders als in anderen realsozialistischen und kommunistischen Staaten wurde das Christentum in der DDR jedoch nicht verfolgt, sondern nur mit Repressionen unattraktiv gemacht.
Katholische Kleriker dürfen (bis auf einige wenige Ausnahmen) übrigens nicht aktiv in einer Partei oder Gewerkschaft sein, weshalb parteipolitisches Engagement im Katholizismus den Laien vorbehalten ist.
Natürlich gab es zu allen Zeiten auch Katholiken mit anderen politischen Auffassungen.

Auch im protestantischen Christentum gab es "religiöse Sozialisten". Obwohl evangelische Pfarrer, anders als katholische Kleriker, parteipolitisch aktiv sein .dürfen, wurden Pfarrer, welche in die SPD eintraten lange Zeit des Amtes enthoben. Das lag daran, dass die evangelischen Kirchen in Deutschland bis 1918 Staatskirchen waren. Der Deutsche Kaiser war z.B. zugleich geistliches Oberhaupt der größten protestantischen Kirche in Deutschland (Evangelische Landeskirche Preußens). Solange die "Ehe zwischen Thron und Altar" bestand, konnten die religiösen Sozialisten kaum Fuß fassen.
In der Weimarer Republik gab es dann im evangelischen Christentum alle möglichen politischen Ausrichtungen. Unter den führenden protestantischen Theologen jener Zeit gab es religiöse Sozialisten (z.B. Karl Barth, Paul Tillich), ebenso wie rechtsgerichtete Nationalkonservative (z.B. Paul Althaus, Werner Elert).
Nach dem zweiten Weltkrieg gingen einige dem religiösen Sozialismus nahestehende Pfarrer bewusst in die DDR, weil sie glaubten, dass die Gesellschaft dort dem christlichen Glauben etwas näher stehen würde, als der Kapitalismus. Natürlich erlebten diese Leute dann recht schnell ihr blaues bzw. rotes Wunder, als sie merkten, was dort wirklich läuft.

Auch heute noch gibt es im Christentum in Deutschland unterschiedliche politische Auffassungen. Der Thüringer Ministerpräsident Bodow (Linkspartei) ist z.B. aktiver evangelischer Christ. Die Landesbischöf der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland Ilse Junkermann ist Mitglied der Linkspartei. Andere Christinnen und Christen lehnen sozialistisches Gedankengut ab.


International:
In verschiedenen Entwicklungs- und Schwellenländern (z.B. in Lateinamerika) stehen viele Katholiken an der Gemeindebasis, sowie Teile des Klerus sozialistischen Ideen nahe. Der katholischen Befreiungstheologie nahestehende Christinnen und Christen leiden oft selbst unter ungerechten und ausbeuterischen wirtschaftlichen Verhältnissen. Aus der Exoduserzählung (Gott wendet sich den versklavten Israeliten zu), der Sozialkritik der Propheten und der Zuwendung Jesu zu den Armen, schöpfen sie besondere Kraft für ihren Glauben und ihr politisches Engagement.


Marxistische Philosophie und christliche Theologien:
Karl Marx und Friedrich Engels vertraten eine streng materialitische Ontologie - daher ist die marxistische Philosophie im Grundsatz mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar. Die leninistische und die maoistische Interpretation des Marxismus standen dem Christentum (und anderen Religionen) feindlich gegenüber. In der Sowjetunion und China gab es tlw. Christenverfolgungen.
Dennoch nahmen einige christliche Theologinnen und Theologen die marxistische Kritik der kapitalistischen Ökonomie bei Karl Marx als Anregung selbst über die soziale Frage und die von Karl Marx augezeigten Probleme nachzudenken.
Einige "unorthodoxe" marxistische Philosophen werteten die Religion positiver. Z.B. würdigte der aus der DDR ausgewiesene Philosoph Ernst Bloch den Messiasglauben im Judentum und Christentum sehr positiv. Sein dreibändiges Werk "Prinzip Hoffnung" lieferte für viele christliche Theologinnen und Theologen des 20. Jahrhunderts wichtige Anregungen, um eine zeitgemäße "Eschatologie" (Lehre vom Reich Gottes und Ewigen Leben) zu formulieren.


Christentum und Kapitalismus:
Eigentlich sind Christentum und Kapitalismus nicht wirklich miteinander vereinbar. Während Habsucht im Christentum als unmoralisch gilt und verhindern soll, dass ein Mensch zur Vereinigung mit Gott gelangt, ist Gewinnstreben die Triebfeder der kapitalistischen Wirtschaft. Das Erheben von Zinsen galt Jahrhunderte lang im Christentum als sündhaft, während heute unser Finanzsystem genau darauf beruht.
Einigen Christinnen und Christen ist dieser Widerspruch durchaus bewusst, sie versuchen irgendwie (mehr oder weniger erfolglos) eine Lösung für dieses Dilemma zu finden. Anderen Christen - vor allem in den Industrieländern - (z.B. Donald Trump und seinen Anhängen) ist das ziemlich egal.



Liebe Grüße

Und ich bin Atheist..

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Im Katholizismus gibt es die "katholische Soziallehre" (siehe dazu etwa in der Wikipedia). In einigen kleinen christlichen Gemeinschaften (z.B. der Fokulare-Bewegung) wird strenger Sozialismus (ohne Privateigentum) gelebt. Wer's kann, toll. Man muss aber nicht, um Christ zu sein.

Ich selbst habe mich mit idealistischen Sozialisten immer gut verstanden, also nicht mit solchen a la DDR-Funktionär. Die idealistischen Sozialisten landeten in der DDR früher oder später im Gefängnis.

Bei "Kapitalismus" müsste man zunächst genauer verabreden, was man damit meint.

"Profitmaximierung" ist als Christ abzulehnen, im Mittelpunkt muss immer der Mensch stehen. Generell ist aber gegen Profit (Gewinn aus Geschäften) und Privatbesitz nichts zu sagen. Bei etwas strengeren Christen ist auch das Geldverdienen mit Geld, d.h. ohne eigene Arbeit, z.B. Zinsen, Aktien, verpönt 

Wenn du das neue Testament liest, wirst du merken, dass die Botschaft Jesu (auf die sich ja die Christen berufen) sehr sozial ist:

Lk 3,11:
Seine [(Johannes d. Täufer)] Antwort war: "Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der keines
hat. Und wer etwas zu essen hat, soll es mit jemand teilen, der
hungert."

Lk 11,41:
"Gebt doch, was in euren Bechern und Schüsseln ist, den Armen, und ihr werdet sehen: Alles ist dann für euch rein!"

Lk 12,33:
"Verkauft euren Besitz und gebt das Geld den Armen!"

Diese Liste ließe ich noch weiter fortführen, zeigt aber schon so deutlich in welche Richtung es geht. Ob das jetzt dem Kapitalismu oder dem Sozialismus näher steht kannst du dir selbst überlegen.

Du weisst das Sozialismus nicht ufnktioniert oder?

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