Was genau ist eine mathematische Begabung?

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5 Antworten

Hi,

eine schöne Frage.

Ich denke auch heute noch manchmal darüber nach.

Es gibt Menschen, die eine außerordentlich schnelle Auffassungsgabe für mathematische Probleme haben. Sie verstehen neue Zusammenhänge wesentlich schneller als andere. Diese Menschen sind wahrscheinlich sehr begabt.

Trotzdem bin ich mir nicht sicher, wie groß die Rolle der Schnelligkeit, der Lebhaftigkeit des Geistes ist, um ein guter Mathematiker zu werden. Ich habe Sorge, die Geschwindigkeit des Verstehens eventuell überzubewerten.

Dann gibt es die Fähigkeit, sich in komplexe Zusammenhänge hineinzudenken. Ist die mathematische Begabung um so größer, umso komplexer ein Mathematiker denken kann?

Man kann durch den Schritt in eine höhere Abstraktion manchmal Komplexität vereinfachen. Anders herum gibt es die Möglichkeit, ein komplexes Problem in mehrere weniger komplexe Probleme herunterzubrechen. Dabei verspricht der Schritt zu einer höheren Abstraktion oft mehr Erfolg als das Zerstückeln eines Problems in mehrere, einfachere Probleme.

Die Fähigkeit, in der Abstraktion emporzusteigen, gehört für mich zu einer mathematischen Begabung dazu.

Nun käme es darauf an, ab welchem Grad des Abstraktionsvermögens man ein Talent ansetzen will. Gleiche Fragestellung für die Schnelligkeit der Auffassungsgabe.

Es gibt auch "langsame" Mathematiker, deren Gehirn wie eine Art Dieselmotor mit "niedrigen Drehzahlen" die Berge der Erkenntnis heraufsteigt, langsam, stetig, stur, unbeirrbar, während andere den Berg hinaufrennen.

Soll man dem langsameren Mathematiker weniger Talent zugestehen als dem schnellen?

Ein dritter Aspekt, wohl der wichtigste, ist die Produktivität eines Mathematikers. Unter Berufsmathematikern gibt es riesige Unterschiede der Produktivität, der Erzeugung neuer Mathematik, der Beweise neuer Theoreme, der Erfindung neuer Theorien.

Der wahrscheinlich größte Mathematiker des 20. Jahrhunderts ist Alexander Grothendieck (Fields-Medaille 1966), der im November 2014 gestorben ist. Die letzten 20 Jahre seines Lebens verbrache er zurückgezogen in seinem Haus in den Bergen der Pyrénéen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Grothendieck

Grothendieck hat lange vor seinem Tod (1991) einem seiner Schüler mehrere Kartons mit von ihm produzierter Mathematik überlassen (~ 20.000 Seiten).

Nach seinem Tod wurden in seinem Haus nochmal um die vierzigtausend von ihm beschriebene Seiten Mathematik gefunden, die wohl viele Mathematiker über Jahrzehnte hinweg beschäftigen werden, um diese nachzuarbeiten und zu durchforsten. Man vermutet, dass sie Schätze von Lösungen mathematischer Probleme enthalten.

Ein Mathematiker anderer Art, auch von höchstem Talent, ist Michail Gromow.

Ein erst spät beachtetes Buch, Partial differential relations (1986, 363 Seiten), enthält eine unglaubliche Fülle großer Ideen, die noch viele Mathematiker beschäftigen werden.

https://www.amazon.com/Differential-Ergebnisse-Mathematik-Grenzgebiete-Mathematics/dp/3540121773

http://www.bnf.fr/fr/evenements_et_culture/anx_conferences_2016/a.c_160113_texte_mathematicien.html

Im Video des letzten Links werden 3-4 seiner Ideen von Gromow vorgestellt, die auf vier der 363 Seiten seines Buches zu lesen sind.

Diese beiden Mathematiker würde ich nichtmal als talentiert bezeichnen. Es sind Größen, wie es vielleicht 1 bis 3 pro Jahrhundert gibt.

Gruß

Aus Versehen zu früh abgeschickt. Aber ok, sonst wäre mein Beitrag wohl eh zu lang geworden...

https://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Leonidowitsch_Gromow

Wie eine mathematische Begabung zustande kommt, weiß ich auch nicht. Ein guter Lehrer wird sie wahrscheinlich an der Neugier, Kreativität und Leistung eines Schülers erkennen.

Es gibt aber auch Lehrer, die eine Begabung nicht erkennen, weil sie viel zu sehr in dem Trott ihres Lehreralltags feststecken.

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Wow, vielen Dank!

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Es ist durchaus möglich, dass es so etwas nicht gibt. Es kann jedenfalls auch andere Gründe als eine natürliche Begabung dafür gegeben, dass manche Menschen leichter Mathe lernen als andere. Ein wichtiger Aspekt dabei ist Interesse. Ich kenne einige Leute, die nachdem sie eine Ausbildung angefangen haben, und dort Mathematik kennengelernt haben, welche sich auf ihren Beruf beziehen, wesentlich weniger Probleme mit Mathematik hatten als in der Schule.

Hi,

ein interessanter Beitrag, und eine interessante Frage.

Da fällt mir ein Bekannter ein, der mehrere Jahre als Fernsehtechniker gearbeitet hat, also Fernseher und Elektrogeräte repariert hat, das war sein Job.

Was für eine Ausbildung er genau hatte, weiß ich nicht mehr, aber jedenfalls war es kein Studium.

Im Alter von 30 hat er angefangen, Mathematik zu studieren und es bis zur Promotion durchgezogen. Er hat zu Mathematik durch neue Kontakte gefunden.

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Ich z.B. bin schulisch gesehen sehr gut in Mathe, aber nicht irgendwie hochbegabt oder so.
Es gibt Menschen, die sind nicht so gut in der Schule gewesen, aber haben sich als wahre Genies gezeigt( Albert Einstein) und sowas verstehe ich unter begabt sein.

Mathematische Begabung ist einfach Mathe eigenständig durchdenken können, eine einfache Struktur erarbeiten und somit alles selbst herleiten zu können ohne groß "Regeln" lernen zu müssen!

Das Gegenteil von meinem Kumpel

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