Was genau bedeutet hermeneutische Perspektive?

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1 Antwort

Etwas spät aber dennoch:

Hermeneutik ist ganz allgemein (das lässt sich natürlich systematisch, methodisch und philosophisch stark differenzieren) die Möglichkeit, etwas zu verstehen, zu deuten und zu interpretieren. Dafür sind bestimmte Voraussetzungen nötig.

Vielleicht als Beispiel die Hermeneutik eines uralten Textes:

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?" (Psalm 22,1)

Stell dir vor, zwei völlig verschiedene Leser von heute lesen diesen Vers. Der eine ist atheistischer Philosoph (A), der andere Altertumswissenschaftler mit Schwerpunkt Judaistik (B).

A setzt voraus: Wenn es einen liebenden und gerechten Gott gäbe, dann gäbe es das ganze Leid nicht auf der Welt (Theodizee). A hat das Ziel: Gottesglaube rational widerlegen. A liest den Vers, kombiniert und versteht: Selbst die Bibel bezeugt Unglaube aufgrund von Leid. Der Vers ist ein Beleg dafür. A urteilt: Wenn die Bibel das Wort Gottes sein soll, kann sie Gott nicht selbst verleugnen. Das ist unlogisch wie der Glaube selbst.

B hingegen setzt voraus: Für die Israeliten damals gab es kein Leben nach dem Tod, eine gute Beziehung zu Gott war nur im diesseitigen Leben möglich. Diese gute Beziehung ist ausschlaggebend für ein gutes Leben. Menschliche Sünde aber zerstört diese Beziehung und verursacht das Leid. B hat das Ziel: Den Gottesglaube des alten Israels zu erforschen und prüfen, wie er heute das Christentum beeinflusst. B liest den Vers, kombiniert und versteht: Der Verfasser ist Leid ausgesetzt und klagt. Gemäß seiner Kultur kann er aber nur klagen, weil er sich keiner Schuld bewusst ist. Er klagt Gott an und erinnert ihn daran, entsprechend seiner Treue ihm wohlgefällig zu sein. Der Vers ist ein absoluter Erweis für den Gottesglaube. B urteilt: Die ganze Bibel ist mit ihren vielen Texten aus verschiedenen Zeiten ein großes Zeugnis für den Glauben Israels und der Kirche. Die Bibel ist also das gläubige Zeugnis der Selbstoffenbarung des Gottes Israels und deshalb normativ für den christlichen Glauben.

Obwohl A und B denselben Text lesen, kommen sie aufgrund verschiedener Voraussetzungen und Ziele zu verschiedenen Deutungen, Interpretationen und Urteilen von ein und derselben textlichen Wirklichkeit. Damit nehmen sie verschiedene hermeneutische Perspektiven ein.       

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