Was besagt die ideale Sprechsituation?

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5 Antworten

Ergänzend zu Albrecht / bzw. Habermas:

In der Gemeinschaft, in der ich lebe, haben wir vor ca 15 Jahren unseren Habermas 2-3 Jahre lang von vorn bis hinten durchgeackert und nach Wegen gesucht, diese Regeln auch im Alltag anzuwenden. Kein leichtes Unterfangen.

Die Lösung, auf die wir gekommen sind und die auch ganz gut funktioniert, war dann, die Regeln einer idealen Sprechsituation auf kurze anschauliche Formulierungen zu bringen.

Für alle kommunikations-Situationen gültig

Verständigung - keine Gewalt (wobei auch Zwang strukturelle Gewalt ist)

Ehrung - keine Herabwürdigung

Wahrhaftigkeit - keine Täuschung

Das Ziel ist Integrität (der Diskursteilnehmer).

Für Gemeinschaften gültig (Erweiterung der allgemeingültigen Spielregeln)

Nicht nur Verständigung - sondern Zuwendung.

Ncht nur Ehrung - sondern Anerkennung.

Nicht nur Wahrhaftigkeit - sondern Offenheit

Das Ziel ist Gemeinschaft.

Und damit das Ganze nicht ein frommer Wunsch bleibt, sondern zu echten Spielregeln wird, haben wir auch die Grenze - z.B. zwischen Verständigung und Gewalt - operational formuliert / markiert.

Grenzverletzungen hatten folglich, sonst kann man sich das Ganze schenken, Konsequenzen - z.B. Diskursabbruch oder Ausschluss vom (aktuellen) Diskurs.

Das Gesetz der Ma'at

Das war ein spannendes Experiment. Aber .... was dann schließlich wirklich einen Unterschied in unserer Sprechkultur gemacht hat, war eine weitere Verdichtung.

Dafür haben uns die alten Götter - genauer gesagt die altägyptische Göttin Ma'at - zur Seite gestanden:

  • Aufeinander hören.
  • Zueinander sprechen
  • Füreinander handeln.

Die Frage scheint sich auf die Diskursethik, wie sie von Jürgen Habermas entworfen worden ist, zu beziehen.

Diskurse sind Gespräche, in denen Geltungsansprüche (Ansprüche, daß die jeweiligen Bedingungen für die Gültigkeit einer Äußerung – eine Behauptung oder ein moralisches Gebot – erfüllt sind) mittels einer auf der Angabe von Gründen beruhenden Diskussion (Erörterung) geprüft werden.

Für den Diskurs soll eine ideale Sprechsituation als Eingangsvoraussetzung gelten. Alle, die in einen Diskurs eintreten wollen, verpflichten sich auf bestimmte Bedingungen. Jeder unter diesen Bedingungen erzielter Konsens (Einklang/Übereinstimmung) gilt als wahrer und richtiger Konsens.

Die an einem Diskurs Beteiligten müssen Argumentationsvoraussetzungen, obwohl sie einen idealen und nur annäherungsweise zu realisierenden Gehalt haben, tatsächlich machen, wenn sie überhaupt in eine Argumentation eintreten wollen. Voraussetzung für gelingende Kommunikation ist Verständlichkeit, in jeder Rede sind außerdem als Geltungsansprüche enthalten: Wahrhaftigkeit, (moralische) Richtigkeit und Wahrheit

Die Bedingungen einer idealen Sprechsituation sind:

1) Alle möglichen Teilnehmer(innen) eines Diskurses müssen die gleiche Chance haben, kommunikative Sprechhandlungen zu verwenden, und können daher Diskurse eröffnen sowie durch Rede und Gegenrede, Frage und Antwort weiterführen.

2) Alle Teilnehmer(innen) eines Diskurses müssen die gleiche Chance haben, Behauptungen, Empfehlungen, Erklärungen und Rechtfertigungen aufzustellen und deren Geltungsanspruch zu problematisieren, zu begründen und zu widerlegen (keine Vormeinung bleibt auf Dauer der Thematisierung und Kritik entzogen).

3) Alle Teilnehmer(innen) eines Diskurses bringen ihre Einstellungen, Gefühle und Wünsche zum Ausdruck.

4) Alle Teilnehmer(innen) eines Diskurses haben die gleiche Chance, zu befehlen und sich zu widersetzen, zu erlauben und zu verbieten, Versprechen zu geben und abzunehmen, Rechenschaft abzulegen und zu verlangen.

Die Argumentationsvoraussetzungen lassen auch in Form von Regeln verschiedene Ebenen zuordnen:

logisch-semantische Ebene:

1.1. Kein(e) Sprecher(in) darf sich widersprechen.

1.2. Jede(r) Sprecher(in)wendet einem auf einen Gegenstand angewendeten Ausdruck auf alle Gegenstände an, die diesem Gegensatz in allen Hinsichten von Belang gleichen.

1.3. Verschiedene Sprecher(innen) dürfen den gleichen Ausdruck nicht in verschiedenen Bedeutungen verwenden.

prozedurale Ebene (Verfahrensgesichtspunkte):

2.1. Jede(r) Sprecher(in) darf nur das behaupten, was er selbst glaubt.

2.2. Wer eine Behauptung oder Norm, die nicht Gegenstand der Diskussion ist, angreift, muß dafür einen Grund angeben.

Diskursregeln im engeren Sinn (Argumentation wird als ein Kommunikationsvorgang angesehen, der auf ein rational motiviertes Einverständnis zielt und gegen Zwang und Ungleichheit unempfänglich gemacht worden ist; der eigentümlich zwanglose Zwang des bessere Arguments bestimmt dann allein das Ergebnis des Diskurses):

3.1 Jedes sprach- und handlungsfähige Subjekt darf an Diskursen teilnehmen.

3.2. Jede(r) darf jede Behauptung problematisieren (a.), jede(r) darf jede Behauptung in den Diskurs einführen (b.), jede(r) darf seine/ihre Einstellungen, Wünsche und Bedürfnisse äußern (c.).

3.3. Kein(e) Sprecher(in) darf durch innerhalb oder außerhalb des Diskurses herrschenden Zwang daran gehindert werden, seine/ihre (in 3.1. und 3.2.) festgelegten Rechte wahrzunehmen.

Werke von Jürgen Habermas zum Nachlesen sind vor allem: Theorie des kommunikativen Handeln; Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln; Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handeln

Bücher über Habermas enthalten Darstellungen, z. B:

Jens Greve, Jürgen Habermas : eine Einführung. Konstanz : UVK Verlags-Gesellschaft, 2009 (UTB : Soziologie, Philosophie ; 3227), S. 88, S. 193 (Diskurs) und S. 194 (Ideale Sprechsituation)

Detlef Horster, Jürgen Habermas zur Einführung. 3., überarbeitete Auflage. Hamburg : Junius, 2006 (Zur Einführung ; 249), S. 50 - 65

Alessandro Pinzani, Jürgen Habermas. Originalausgabe. München : Beck, 2007 (Beck'sche Reihe : Denker ; 576), S. 145 – 146

Weiß nicht so recht was du mit deiner Frage meinst, aber für mich wäre die ideale Sprechsituation(?), wenn jemand in der Lage und auch gewillt ist, mir zuzuhören und ggf. auch zu antworten, D.h., man kann sich mit ihm unterhalten.

Die herrscht dann, wenn der (die) Zuhörer Interesse zeigen.

die wahrheit gemäß der inneren rezeptivität der situation zu sprechen

gutes zuhören

schweigen können

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