Was bedeutet "pictural turn" im Kontext des Philosophieunterrichts?

... komplette Frage anzeigen

2 Antworten

Dieser Begriff stammt von William John Thomas Mitchell und in

http://www.iconicturn.de/2008/07/w-j-t-mitchell-bildtheorie/

heißt es:

"Berühmt ist Mitchell als derjenige, der die Figur der Turns erstmals auf
die Bilder angewandt hat, indem er vom Pictorial Turn sprach. Aber auch
hier hat man es nicht mit einer entschiedenen Losung zu tun. Statt
dessen zeigt sich dieselbe zögerliche Haltung, die Mitchell insgesamt
kennzeichnet. Sie zeigt sich am besten in seiner eigenen Kritik des von
ihm geprägten Pictorial Turn: Zunächst wollte ich nicht behaupten, das moderne Zeitalter sei in einzigartiger Weise besessen vom Sehen und der visuellen Repräsentation. Vielmehr wollte ich die Vorstellung einer ‘Wendung zum Visuellen’ oder zum Bild als einen Gemeinplatz anerkennen, als etwas, das salopp und gedankenlos über unsere Zeit gesagt und sowohl von denen, die diese Vorstellung bejahen, als auch von denen, die sie ablehnen, gewöhnlich mit unreflektierter Zustimmung akzeptiert wird."

Turn = Wende bedeutet soetwas wie Paradigmenwechsel, also eine grundsätzliche Einstellungsänderung zur Bedeutung von Bildern. Das Problem ist, dass "Bild" ein Abstraktum, ein Sammelbegriff für einen unheimlich weit gefächerten Pool von Einzelbedeutungen ist. Das gilt erst recht im Bereich der Philosophie, die ja eindeutig sprachbetont ist. Philosophie will zu Schlüssen anregen und das ist schon sprachlich schwierig, weil Sprache bei allem Bemühen nicht eindeutig ist - gerade in den Vorstellungsbildern, die sich hinter den einzelnen Begriffsauffassungen verstecken.

Doch der Interpretationsraum von Bildern, sprachlichen wie realen ist noch offener und interpretationsfähiger. Was an Mitchells Einlassung richtig ist: Keine Philosophie wird in einem vorstellungsfreien Raum aufgefasst. Jugendliche heutiger Zeit haben Weltbilder, deren Bildhintergründe sie oft selbst nicht mehr wissen, weil sie überfüttert sind mit Werbebotschaften (Bildbotschaften), Videoclips, Soaps und Filmen und je nach Konsum Begriffe wie z.B. Geist, Seele, Liebe, Hoffnung in einer Schulklasse auf unterschiedliche Vorstellungswelten treffen. Da ist es sinnvoll, solche zentralen Vorstellungen erst einmal zu klären, die "Bilder" in den Köpfen der Schüler zusammenzuführen, bevor man so tut, als ob sie bei allen gleich seien. 

Pictorial Turn im Philosophieunterricht bedeutet meiner Meinung nach, dass man nicht mehr so tun kann, als ob für jeden Schüler ein Wort wie LIEBE von einem einheitlichen BILD repräsentiert ist. Bilder von Liebe aus früheren Jahrhunderten, die z.B. mit einem ganz anderen Frauenbild verklammert sind, stoßen evtl. auf Unverständnis oder wirken lächerlich. Erst recht Bilder von Hals, Kopf und Augen verdehenden Jungfrauen, die Frömmigkeit symbolisieren sollen, wirken heute übertrieben unecht. Wenn man z.B. Nietzsche liest, sollte man auch die zu seiner Zeit beliebten Bilder der Nazarener vor Augen haben, deren Haltung und Werte von ihm schroff abgelehnt werden. Nietzsches schroffe Haltung kann man oft auch nur im Kontrast zu dieser Gefühlsduseligkeit einordnen. Es gibt also eine positive wie negative Reaktion auf Bilder, die einen Geist ihrer Zeit zum Ausdruck bringen. Wenn man über Nietzsche redet und sein Verhältnis zu Wagner kommt man nicht an den Einrichtungsbildern von Neuschwanstein und den Bühnenbildern von Bayreuth vorbei.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Meinst du "pictorial turn"?

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Was möchtest Du wissen?