Was bedeutet "Mythos" nach Aristoteles?

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Mythos (μῦθος) hat in der altgriechischen Sprache eine Vielzahl von Bedeutungen. Grundbedeutungen sind:

1) Wort, Rede, Erzählung

2) Gegenstand der Rede, Sache, Begebenheit, Geschichte

Was Mythos nach Aristoteles genau bedeutet, kann nur in einem Zusammenhang bzw. mit Bezug auf eine Textstelle angegeben werden.

Mimesis (μίμησις) bedeutet Nachahmung a) Abbild b) Darstellung.

Nach den weiteren Begriffen scheint es um die Poetik des Aristoteles zu gehen, seine Theorie der Dichtung. Um die Bedeutung von Mythos nach Aristoteles festzustellen, hilft vor allem weiter, Kapitel 6 und Kapitel 8 von diesem Werk (Πεϝὶ ποιητικῆς; Über Dichtkunst; lateinisch: De arte poetica) zu lesen.

Unter Mythos kann dort die Mimesis einer vollständig ausgeführten Handlung als Inbegriff des Dichterischen verstanden werden.

Mythos nennt Aristoteles in seiner Poetik eine Nachahmung einer Handlung. Auch die Tragödie, von der der Mythos ein wesentlicher Bestandteil ist, nennt Aristoteles Nachahmung einer Handlung.

Die Nachahmung ist die Verwirklichung einer Möglichkeit. Eine Dichtung stellt nach Aristoteles dar, was geschehen könnte, das gemäß dem Notwendigen und Wahrscheinlichen Mögliche. Dabei geht es darum, wie jemand von seinem Charakter her etwas sagt und tut. Nachgeahmt werden nicht Menschen, sondern Handlungen und Lebensweise.

Ein Mythos ist in diesem Zusammenhang die Zusammensetzung/Zusammenstellung/Zusammenfügung von Handlungen (Geschehnissen) zu einer einzigen und ganzen Handlung.

Mythos bezeichnet die Handlungskomposition, die Komposition einer einheitlichen Handlung, die durchorganisierte Handlungseinheit, einheitliche Handlung; den Handlungsverlauf.

Selten bezeichnet bei Aristoteles in der Poetik Mythos auch die in der Sage überlieferte Geschichte, als Stoff/als (inhaltlich) Sujet.

Meistens ist mit Mythos in der Poetik die Zusammensetzung/Zusammenfügung der Handlungen (σϝνθεσις τῶν πϝαγμάτων [sýnthesis tŝn pragmátŝn]) bzw. Zusammenstellung der Handlungen (σϝστασις εἶναι τῶν πϝαγμάτων [sýstasis tŝn pragmátŝn]) zu einer Gesamthandlung gemeint.

Den Mythos, Nachahmung einer Handlung, definiert Aristoteles als Zusammensetzung/Zusammenfügung der Handlungen (ἔστιν δὲ τῆς μὲν πϝάξεως Ὕ μῦθος ἡ μίμησις, λέγω γὰϝ μῦθον τοῦτον τὴν σϝνθεσιν τῶν πϝαγμάτων Aristoteles, Poetik 1450 a 4 – 5; der zweite Ausdruck steht in diesem grammetischen Zusammenhang in Akkusativ).

Am bedeutendsten sei bei einer Tragödie die Zusammenstellung der Handlungen (ἡ τῶν πϝαγμάτων σϝστασις Aristoteles, Poetik 6, 1450 a 15). Das ihr eigentümliche Werk bewirke eher eine Tragödie, die einen Mythos und eine Zusammenstellung von Handlungen enthält (τϝαγῳδία, ἔχουσα δὲ μῦθον καὶ σϝστασιν πϝαγμάτων Aristoteles, Poetik 6, 1450 a 32).

Anfang/Ursprung/Prinzip und gleichsam Seele der Tragödie ist also der Mythos (ἀϝχὴ μὲν οὖν καὶ οἷον ψυχὴ Ὕ μῦθος τῆς τϝαγῳδίας Aristoteles, Poetik 6, 1450 a 37). An zweiter Stelle steht die Charakterzeichnung.

Die Zusammenstellung der Handlungen (τὴν σϝστασιν εἶναι τῶν πϝαγμάτων Aristoteles, Poetik 7, 1450 b 22) sei das Erste und Bedeutendste an einer Tragödie.

Aristoteles, Poetik. Übersetzt und erläutert von Arbogast Schmitt. 2., durchgesehene und ergänzte Auflage. Berlin : Akademie-Verlag, 2011 (Aristoteles, Werke in deutscher Übersetzung. Begründet von Ernst Grumach, herausgegeben von Hellmut Flashar ; Band 5), S. 9 (Übersetzung eines Ausschnittes aus Kapitel 6):
„Die Nachahmung in Hexametern und die Komödie werden wir später behandeln, zur Behandlung der Tragödie nehmen wir die Wesensdefinition auf, wie sie sich aus dem Gesagten ergibt.

Die Tragödie ist also Nachahmung einer bedeutenden Handlung, die vollständig ist und eine gewisse Größe hat. In kunstgemäß geformter Sprache setzt sie die einzelnen Medien in ihren Teilen je für sich ein, lässt die Handelnden selbst auftreten und stellt nicht in Form eines Berichts geschehene Handlungen dar. Durch Mitleid und Furcht bewirkt sie eine Reinigung eben dieser Gefühle.“

S. 9 – 10 (Übersetzung eines Ausschnittes aus Kapitel 6): „Die Tragödie ist Nachahmung einer Handlung. Gehandelt aber wird immer von b e s t i m m t e n einzelnen Handelnden. Diese haben ihre bestimmte Beschaffenheit notwendigerweise von ihrem Charakter und ihrer Denkweise her. (Diese nämlich sind der Grund, warum wir auch den Handlungen eine bestimmte Beschaffenheit zusprechen [[die bestimmenden Gründe des Handles sind naturgemäß die Denkweise und der Charakter]], und es geschieht immer als Konsequenz aus deren〈bestimmter Beschaffenheit〉, dass jemand sein Handlungsziel erreicht oder verfehlt.) Nachahmung einer Handlung aber ist der Mythos, denn Mythos nenne ich die Komposition einer einheitlichen Handlung. Unter Charakter (verstehe ich) das, was ausmacht, dass wir sagen können, ein handelnder sei so oder so beschaffen, unter Denkweise das, was jemand bei seinem Sprechen leitet, wenn er einen Beweis vorführt oder seine Meinung begründet.

Es ist also notwendig, dass für die Tragödie als ganze sechs Teile konstitutiv sind, aus den sich ihre Gattungsmerkmale ergeben. Diese sind der Mythos, die Charaktere, die sprachlicher Gestaltung, die Denkweise, die Aufführung und die Lieddichtung.“

S. 13 (Übersetzung eines Ausschnittes aus Kapitel 6): „Wie also auch in den anderen nachahmenden Künsten die Einheit der Nachahmung auf der Einheitlichkeit ihres Gegenstandes beruht, so muss auch der Mythos, da er ja Nachahmung einer Handlung ist, Nachahmung einer solchen Handlung sein, die Einheit und Ganzheit hat, und die Anordnung der Handlungsteile muss so sein, dass das Ganze sich ändert und in Bewegung gerät, wenn auch nur ein Teil umgestellt oder entfernt wird. Das nämlich, was da sein oder nicht da sein kann ohne erkennbaren Unterschied, ist kein〈konstitutiver〉Teil des Ganzen.“

S. 119 – 120: „Sofern Handeln das Verfolgen eine subjektiv Guten ist, kann es nicht bereits in einer Geste oder einem Satz vollendet sein, sondern erst in genau den Schritten, die nötig sind, damit von der Entscheidung für das erstrebte Ziel bis zu seinem Erreichen alles gesagt und getan ist, was für diesen Weg gebraucht wird. Handlung im eigentlichen Sinn ist deshalb für Aristoteles sýstasis tōn pragmátōn, eine ‚systemisch‘-einheitliche Ordnung der Handlungsschritte auf die Einheit einer im Erreichen oder Verfehlen des erstrebten Guts abgeschlossenen Handlungsganzheit. Eine solche Handlungskomposition nennt Aristoteles Mythos (1450a4f.).

Mythos bezeichnet in der Poetik also nicht eine überlieferte, sagenhafte Geschichte, sondern den funktionalen Zusammenhang mehrerer Handlungsschritte zu einer Einheit.“

S. 104: „‚Mythos' benutzt Aristoteles in der Poetik als Terminus für die sýnthesis bzw. sýstasis tōn pragmátōn, für die Zusammenstellung der Handlungskomponenten zur Einheit einer Handlung (1450a3—5).“

Aristoteles, Poetik : griechisch – deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart : Reclam, 2005 (Reclams Universal-Bibliothek ; Nr. 7828), S. 110 Anm. 8:
„Unter Mythos versteht Aristoteles ein bestimmtes Arrangement solcher Geschehnisse, die Handlungsstruktur, die Fabel, den Plot.“

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