Was bedeutet, dass Urvertrauen keine Sache des Habens, sondern vielmehr des Seins ist?

6 Antworten

Fromm vertritt in seiner Schrift Sein und Haben ein etwas merkwürdiges, sehr eingeschränktes Verständnis des Wortes Haben. Unter "haben" versteht er nur das Haben einer Habe, also eines Besitzes, über den man mehr oder weniger frei entscheiden kann.

Wenn er dann versucht, aus sprachlichen Formulierungen Rückschlüsse auf unser Denken zu ziehen, muss das misslingen. Die Bedeutung eines Wortes ist die Art, wie es gebraucht wird (Wittgenstein). Das Wort "haben" wird aber nicht nur so gebraucht, wie er es definiert.

Über Urvertrauen kann ich nicht verfügen. Ob ich es habe oder nicht, ist eine Aussage über mein Sein. Trotzdem erlaubt sich die Sprache, hier das Wort "haben" zu verwenden. Schande über sie !?

Fromms Grundansatz in diesem Buch ist in meinen Augen ein Irrtum, auch wenn ich ihn sonst sehr schätze. Es macht wirklich keinen Unterschied, ob ich sage, "ich bin krank", oder, "ich habe eine Krankheit" - obwohl das eine Aussage über mein Sein ist.

Ist auch die Aussage, "ich verfüge über einen gesunden Körper" eine über mein Sein ?

Zu Fromms Ehrenrettung möchte ich ergänzen, dass Wittgensteins Werke bis auf den tractatus noch gar nicht veröffentlicht waren, als er dies Buch geschrieben hat.

Heutzutage sollte man das problemlos tweaken können zu einem "Ich bin da ganz Urvertrauen (wahlweise 'das U. in Person')."

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@RoSiebzig

Ich kenne zwar das Wort "tweaken" nicht, aber Deine Formulierungen gefallen mir.

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@Ottavio

tweaken = modifizieren, um-modeln, leicht verändern oder auch verkehren, ``um-tricksen´´.

& Danke, ich mag Blumen ;o])

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Urvertrauen ist, zB ein Urvertrauen in ``das Gute im Menschen´´, und das dann in einer kritischen Entscheidungssituation, wo's womöglich um Leben und Tod geht. (zB also Fluglotse, der einem Selbstmörder-Piloten die Unschuldigen im Flieger mahnt, aber vielleicht geht's dem Attentäter ja gerade darum, daß er Welche ``mitreißt´´ in den Tod, dann wär' das die falsche Ansprache). Egal, wie's ausgeht, ..

.. es soll Deiner Frage zufolge dann mehr ein Charakterzug sein, ein Teil der Persönlichkeit des Fluglotsen, seines ``Wesens´´, was für ein Mensch er ist, das Urvertrauen wär' eher Teil seiner selbst, als anders, daß er es in dem Moment "hätte", wie so eine Rolle, die man gerade hat, oder wie eine Maske, die man anhat.

Es is' aber Unfug. Es spielt keine Rolle, wie man es nennt "haben" oder "sein". Es geht darum, was (jeweils) gemeint ist, und da liegt die Betonung wohl ungleich mehr auf dem "Urvertrauen".

Da ich selbst zu dem meiner Meinung nach konstruierten Konzept des Urvertrauens kein Vertrauen habe, ist es mir egal, ob man es hat oder ist. Wenn z.B. nach dem neuen Konzept des Soziologe, Dieter Claessens 1962 "... jeder Mensch in der allerersten Lebenszeit (im „extra-uterinen Frühjahr“) die Grundeinstellung, dass er Situationen und Menschen vertrauen könne, oder aber er erwirbt sie nicht und kann sie dann im späteren Leben nicht mehr nachholen." Nach diesem Konzept "hat" man dann ein Urvertrauen, das man in der genannten Zeit erworben und nicht ins Sein per Geburt mitgebracht hat.

Das Thema ist ein treffliches für Besinnungsaufsätze und die Probe auf die Fähigkeit zur Haarspalterei. Ich kenne zufällig einige Familien mit mehreren Kindern, die sich bei gleichem Elternverhalten sehr verschieden entwickelt haben. Aber wahrscheinlich habe ich das Elternverhalten nicht weit genug aufgespalten, um das entscheidende Haar in der Suppe zu finden.

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