Warum zeigen wir Deutsche keinen Patriotismus?

23 Antworten

Mich stört es nicht, wenn jemand eine Deutschlandfahne im Garten hat. Mich stört es auch nicht, wenn sich jemand für die deutsche Nationalmannschaft (in was für einem Sport auch immer) begeistern kann, für Goethe, auch für Wagner, oder für einen anderen deutschen Künstler oder Sportler oder Wissenschaftler.

Nur kann man nicht uneingeschränkt stolz auf die deutsche Geschichte sein. Ich kann natürlich nichts dafür, wie alles war (man darf da keinen Vorwurf an die jüngere Generation daraus machen) aber es gibt nun mal Kapitel darin, auf die kann man nicht wirklich stolz sein, wenn man sich ein wenig auskennt.

Der Stolz an sich ist nicht das Problem, aber es wird problematisch, wenn man etwas besser darstellen möchte, als es tatsächlich war. Schönfärberei ist nicht gut. Folglich muss man auch auf die Stellen hinweisen, wo es nicht so schön zuging. Und viele wollen diese Stellen lieber verschweigen (was nicht gut ist).

Natürlich muss man deswegen nicht depressiv durch die Gegend rumlaufen. Es gibt genügend Dinge, an denen man sich freuen kann in Bezug auf Deutschland.

Ich kann mich auch an Leuten wie Gustav Mahler oder Anton Bruckner freuen, auch wenn die keine Deutschen (sondern Österreicher) waren. Auch diese Leute gehören für mich (dennoch) zur deutschsprachigen Kultur. Mein Kunstverständnis ist recht weit gefasst, ich schaue nicht primär darauf, ob jemand deutsch, französisch, österreichisch oder russisch war (ich weiß das dann schon, nur werte ich es nicht).

Patriotismus hat auch Schattenseiten und die meisten älteren Deutschen kennen diese auch. Deshalb sind sie einfach zurückhaltend damit, um solche Risiken nicht herauszufordern.

Die eigene Nationalität hervorzuheben bedeutet gleichzeitig, andere Nationalitäten abzuwerten. Damit tut man anderen Unrecht, das ist nicht fair, das ist nicht anständig, das ist verwerflich.

Nationalstolz ist mitunter auch Auslöser von Feindschaften und Kriegen.

Wenn ich z.B. bei einem Fussballspiel den Sieg dem Schlechteren wünsche, nur weil es die deutsche Mannschaft ist, ist das für mich einfach nicht richtig.

Und was bringt Nationalstolz letzlich? Welchen Nutzen hat das für die Nation? Ideell richtet sich der Patriotismus gegen das friedliche Zusammenleben der Nationen. Man sieht es doch.

Patriotismus macht blind für das Wesentliche.

Ich kann nur meine Ansicht schildern. Man kann stolz auf das Land sein, bezüglich seiner Wirtschaftsleistung, guter Gesundheitsversorgung usw. Meiner Meinung nach aber nicht darauf selbst Deutscher zu sein. Das ist keine Leistung. Deutsche Abstammung ist genauso wenig eine Leistung wie Hautfarbe oder Körpergröße. Man selbst oder andere können es nicht beeinflussen, demnach ist es auch nicht möglich, darauf stolz zu sein. Das aber nur mal als kleiner Exkurs, es geht ja gerade um den Stolz aufs Vaterland.

Dass es in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern wenig Patriotismus gibt, hängt wohl einfach mit der generellen Mentalität hierzulande zusammen. „Vaterland“ und „Nationalstolz“ sind für viele einfach nicht so wichtig. Eventuell liegt das daran, dass die älteren Generationen unter einem extrern verwalteten Staat aufgewachsen sind. Nach dem 2. Weltkrieg haben die Siegermächte regiert und man war kein selbstbestimmtes Land. Es gab nichts, worauf man stolz sein könnte.

Im Gegenteil, man hat sich zurecht geschämt, dass man auf einen Diktator hereingefallen war. Generalversagen einer ganzen Nation. In der Nachkriegszeit ist der Patriotismus wohl aus diesen Gründen in Vergessenheit geraten und wurde nie wieder so richtig aufgegriffen. Warum denn auch? Man hat ja nichts von Patriotismus. Als ob es so wichtig wäre, auf das Land, in dem man geboren wurde, stolz zu sein. Das deutsche Volk hat einfach nicht mehr die Notwendigkeit gesehen, den eigenen Patriotismus wieder auszugraben.

Dass wenige Deute Patriotismus leben, bestreite ich aber definitiv. Wenn es auf die Fußball-WM zu geht, dann feiert ja wohl der Großteil der Deutschen den Nationalstolz, auch mit massenweise Flaggen und so weiter. Da hat auch niemand Angst, als Nazi abgestempelt zu werden. Der bei uns seltener ausgelebte Patriotismus begründet sich also meiner Ansicht nach nicht in der Angst, als Nazi bezeichnet zu werden sondern im Mangel an Gründen, groß Nationalstolz zu zeigen. Die meisten sehen einfach keine Notwendigkeit darin.

Dass du als Nazi abgestempelt wirst, wenn du deinen uneingeschränkten Stolz auf die deutsche Geschichte erklärst, ist für mich logisch. Unsere Geschichte hat nunmal ein dunkles Kapitel, auf das man keinesfalls stolz sein kann. Nämlich die Zeit des Nationalsozialismus.

Ich kann im Übrigen nicht nachvollziehen, wo du gesehen haben willst, dass deutscher Patriotismus als negativ abgestempelt wird. Das habe ich noch nie gehört. Ich persönlich sehe wie gesagt keinen Sinn hinter dem Patriotismus, deswegen ist es für mich aber auch nichts schlechtes.

Ich würde Patriotismus jetzt nicht als negativ ansehen, aber ich empfinde ihn als unnötig. Ich brauche keine Identifikation durch einen Staat. Auch bringt es mir nichts stolz auf die Leistung "der Deutschen" zu sein wenn es nicht meine eigene Leistung ist - damit feier ich die Leistungen von anderen und könnte mich auf diesen ausruhen - wobei das in einer globalen Weltwirtschaft in der alles zusammen hängt sowieso wenig Sinn macht stolz auf ein einzelnes Land zu sein. Stolz sollte man meiner Meinung nach auf Eigenleistungen sein - wie soll man stolz auf etwas sein an dem man kaum bis gar nicht mitgewirkt hat?

Von mir aus kann allerdings jeder patriotisch sein wie er möchte wenn er sich denn dadurch glücklicher und zufriedener fühlt. So lange es keine Probleme mit sich bringt sehe ich hier kein Problem.

Naja, das Problem ist, dass viele, die sich hierzulande als Patrioten ausgeben, oft mehr als nur Patrioten sind. Ich bin halb Irisch und halb Deutsch. Man ist in Irland auch stolz drauf irisch zu sein, man ist stolz, dass die Vorfahren es geschafft haben zu überleben, auch wenn es nicht immer einfach war. Das Problem ist, dass wenn man hierzulande stolz ist, kann man nicht wirklich stolz auf seine Vorfahren sein. Es geht mit unserer Vergangenheit eben nicht so leicht, weil das erst um die 75 Jahre her ist. Man kann zwar sagen, ich bin gerne Deutscher, aber zu sagen: ich bin stolz, Deutscher zu sein, kommt einfach komisch.  

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