Warum wurden Stanley Kubricks Filme vom Publikum geliebt, aber Kritiker mochten sie nicht?

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3 Antworten

Ich glaube, so ein Standard-Publikum vergisst einfach schneller oder kennt sich weniger gut aus.
Als Kritiker ist man wahrscheinlich die ganzen Klischees, derer Kubrick sich bedient, etwas müde und die allein die tolle Optik holt einen dann auch nicht mehr ab.

Es gab aber auch genug Kritiker, die ihn mochten. Genau wie es genug Publikum gab, was ihn nicht leiden konnte.

Also heutige Filmkritiker sind sich eher darüber einig, dass Staney Kubrick sehr definierende Filme gedreht hat. Er hat selten ein Genre zweifach bedient, weil er was Filmgattungen angeht einen beachtlichen Rundumschlag vorgenommen hat. Das konnten Kritiker früher nicht so einordnen, wie sie es heute können. Beispielsweise ein Alfred Hitchcock war für die Kritiker eindeutiger in seinem filmischen Schaffen. Der machte Thriller, der machte Krimis, subtile oder weniger subtile Horrorfilme. Das war einfach greifbar. Stanley Kubrick jedoch ist in keinster Weise vorhersehbar, was seinen jeweils folgenden Film betraf. Handwerklich und schauspielerisch stets sehr ambitioniert, inhaltlich und visuell durchaus experimentierfreudig. Allerdings hat jeder seiner Filme eine Meta-Ebene und Symbolik, die um eine Interpretation des Zuschauers buhlt. Gerade 2001 - Odyssee im Weltraum tat das. Es gab zwar zeitgleich auch andere Filme, die das wollten, aber nicht mit so einem Budget umgesetzt wurden. Gerade das ist für Kritiker ja auch ein Aspekt, dass ein Regisseur wie Kubrick eigentlich die Position eines Blockbuster-Regisseurs hatte, Erwartungshaltungen an den definierenden Sciencefiction Film weckte und dann mit 2001 etwas produzierte, dass inhaltlich experimentellem Independent-Autorenkino entsprach. Soweit einleuchtend?

Kommentar von knallpilz
14.09.2016, 02:21

"Er hat selten ein Genre zweifach bedient, weil er was Filmgattungen angeht einen beachtlichen Rundumschlag vorgenommen hat."

Wat?
5 Kriegsfilme, 2x Film noir, 2x Sci-Fi, 2x Melodrama, 3 schwarze Komödien...
Er hat, wie man nimmt, bei der guten oder knappen Hälfte seiner Familie ein Genre erneut bedient. Selten ist was anderes. :D

"Das konnten Kritiker früher nicht so einordnen, wie sie es heute können."
So ein Quatsch. Als hätte es früher keine Genre-Regisseure gegeben. Kubrick hat einfach teure Arthouse-Filme gedreht, die sich an beliebten Genres bedient haben (sonst hätte er auch keine Hollywood-Kohle zum drehen dieser Filme bekommen). Das hat Genre-Fans abgeholt, das hat die Arthouse-Fans abgeholt. Diejenigen, die bei so langen Filmen etwas mehr Inhalt und Story haben wollen, waren dann halt enttäuscht.
Wenn du dir die Kritiken mal durchliest, wirst du sehen, dass die oft sehr gut begründet sind. Die waren nicht "noch nicht bereit" für Kubrick, die waren nur gelangweilt davon, dass er im Endeffekt nichts Neues macht, auch wenn es cool aussieht.

"Beispielsweise ein Alfred Hitchcock war für die Kritiker eindeutiger in seinem filmischen Schaffen. Der machte Thriller, der machte Krimis, subtile oder weniger subtile Horrorfilme. Das war einfach greifbar."
Ich finde Hitchcock ist sogar ein besseres Beispiel für jemanden, der zu seiner Zeit nicht verstanden wurde. Die Komik in "Psycho" ist damals nicht angekommen, weil Leute zu geschockt waren. Seine Art, Spannung mit Humor zu verbinden ist für die Zeit auch sehr ungewöhnlich. Auch wenn er das seit den 30ern gemacht hat.
Hitchcock hat Spannungsthriller gemacht, Komödien, romantische Komödien, Charakter-Dramen, Abenteuerfilme, Film noir, Kostümfilme, oder eine bunte Mischung. Darüber hinaus hat er ungefähr vier mal so viele Filme gemacht wie Kubrick. Glaube, das ist deutlich schwerer einzuordnen für einen Kritiker. Wenn du mal Marnie mit Bei Anruf Mord mit Ein Cocktail für eine Leiche mit Die 39 Stufen mit Der Auslandskorrespondent mit Mr and Mrs Smith mit Immer ärger mit Harry mit Lifeboat vergleichst, findest du glaube ich mehr Unterschiede als in Kubricks Gesamtwerk.
Dass Kubrick eben so vorhersehbar war, hat ja viele Kritiker gestört.

Ich bin ein großer Verehrer von Kubricks Stil, kann aber gut nachvollziehen wie einem seine Filme zu langweilig und unergiebig sein können. Klar haben seine Filme Inhalt, aber davon findet man in den meisten anderen Filmen mehr. Das spannende ist eher sein eigenwilliger Stil und die merkwürdige Perspektive, die er selbst auf seine Geschichten hat.
Und ich hab auch Probleme mit ihm. 2001 wäre einer meiner Lieblingsfilme, wenn das Ende nicht wär. The Shining wäre einer meiner Lieblingsfilme, wenn er einen nicht dauernd mit "es wird spannend...ach nee da ist doch nix....es wird wieder spannend....ach nee da ist doch nix..." auf die Folter spannt, bis man irgendwann genervt ist, weil man das Gefühl hat, die Schauspieler werden von Filmmusik und einem Kameramann verfolgt, bis sie sich entscheiden, ihn nicht mehr zu bespielen.
Genau dann geht ihm nämlich die ganze Subtilität flöten, wenn er seinen Inhalt auf seine typisch offensichtliche, esoterische Weise einem unter die Nase reibt (siehe Ende von 2001), statt es ein bisschen zwischen den Zeilen zu halten (siehe 2001 bis aufs Ende).
In Dr Seltsam finde ich diese Plumpheit dann aber wieder in Ordnung (siehe wieder mal das Ende), da es eine Komödie ist und den Film so schön absurd macht. Und ich mag stumpfe Witze einfach. :)

Kubrick ist als Person einfach so ein infant terrible gewesen, dass der Kult um seine Person sich auf seine Filme ausgeweitet hat. Deswegen gibt es auch so viele bescheuerte Theorien zu seinen Filmen, die nach und nach dekonstruiert wurden, wenn Leute, die an seinen Filmen gearbeitet haben und/oder ihn kannten, wussten, dass es dabei um völligen Blödsinn handelt. Wie diese komischen Theorien bei The Shining, die daher stammen, dass irgendjemand ein Bild von einem Skifahrer für das Bild eines Stiers gehalten hat und sich irgendwelche abstrusen Sachen dazu aus den Fingern gesogen hat.
Das beweist aber eigentlich nur, wie wenig Inhalt seine Filme eigentlich haben. Denn in der Regel bieten die Filme, die am wenigsten eigenen Inhalt haben den größten Interpretationsfreiraum. Was meines Erachtens genau Kubricks Stil ist. Er erzählt dir so gut wie nix, sodass du diese Lücke mit dir selbst füllen musst. 
Und wenn dann einer mit so absurden Gedankengängen ankommt, dann sagt das nichts über den Film aus, sondern über denjenigen mit dem absurden Gedankengut.
Ich kann aber, wie gesagt, gut verstehen, dass das vielen zu öde ist. Die wollen keine gut gefilmte Schablone sehen, sondern lieber was bereits Ausgefülltes.

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Kommentar von Flimmervielfalt
14.09.2016, 08:04

Warum erzählst du mir das? Ich habe meine Wahrnehmung und Kenntnis bezogen auf die Frage kundgetan. Ebenso sehe ich die Gerne- und Themen-Vielfalt bei Kubrick bisschen weiter gefasst, als Du sie zusammenzufassen versuchtest. Und was Interpretations-Ansätze angeht, möchte ich dir insofern recht geben, dass es Menschen gibt, die Symbolik sehr beliebig interpretieren. Sieht man ja auch an solchen Phänomenen, wenn ein Schimmelfleck an der Wand auftaucht und tausende von Christen zu dem Fleck pilgern, weil sie meinen, das Gesicht von Jesus habe sich darin manifestiert. Schimmel bleibt es aber dennoch. Ich glaube, dass diese Missinterpretationen vor allem dann entstehen, wenn man sich als Zuschauer zu weit vom Kontext des Films entfernt. Ich persönlich kann mit dem spirituellen Ende von 2001 durchaus eine ganze Menge anfangen. Ebenso mit der Stimmung von Shining.

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Kommentar von Flimmervielfalt
15.09.2016, 07:17

Weil Du mir persönlich eine Wall of Text vorsetzt, so als wolltest Du mich mit einem Referat über Kubrik belehren. Liest sich ebenfalls wie Faktrn, könnte aber auch einfach nur deine Meinung sein... in jedem Fall lese und interpretiere ich da eine ziemlich negativ gefärbte Komponente hinein.

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Kubricks Filme wurden meist erst viel später vom Publikum geliebt, an der Kinokasse waren sie für gewöhnlich Misserfolge. Kubrick war seiner Zeit voraus, mit 2001 war das Publikum völlig überfordert.

Auch heute noch sind es Cineasten, die Kubrick lieben. Die meisten können mit seinen Filmen nicht viel anfangen. Und wer Clockwork Orange mag, ist nicht unbedingt von Barry Lyndon begeistert.

Für mich gehört Kubrick eindeutig zu den Regiegöttern. Aber wie bei allen Göttern ist auch Kubricks Wirken oft rätselhaft.

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