Warum wurden soviel politische Morde von 1919-1923 von den Linken und Rechten verübt?

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3 Antworten

Vorsichtig ausgedrückt, es war und ist gute Sitte, " auf dem rechten Auge blind zu sein". Man könnte es auch platter, allgemein verständlicher ausdrücken, in dem man sagt, das "rechts" motivierte Straftaten in diesen unseren Landen sich schon immer einer gewissen Duldung und Akzeptanz in der Gesamtbevölkerung erfreuen durften. Traditionell war das Feindbild der breiten Masse der heutigen Deutschen alles, was von Links, politisch gesehen kam. Hat wohl etwas mit Preußen, mit der preußischen Erziehung und dem über Jahrhunderte eingeimpften preußisch/devoten Obrigkeitsdenken zu tun.

Un der Weimarer Republik war die Zeit der Monarchie, die traditionel nun mal eher der Rechtsorientierten Grundeinstellung zuzuordnen ist, noch nicht lange vorbei. Viele trauerten ihr nach. Eine wahres demokratisches Verständnis war nicht unbedingt in den Bürgerinnen und Bürgern zementiert. Eine starke Führung wurde gefordert und bloß kein Arbeiterstaat, in dem alle gleich sind. Nein, die Klassenunterschiede sollten mal brav erhalten bleiben. Nicht zuletzt die Kirche (katholisch) arbeitete auch vehement dafür und daran. Das Gedankengut von Liebknecht, von Marx Engels, die Ideale der Arbeitervereine rüttelten an den seit Ewigkeiten funktionierendem Klassensystem in diesem Lande. Da bekam es mehr als nur einer mit der Angst zu tun. VCeränderung, Nein Danke" Das haben wir schon immer so gemacht, war die gern vertretene Meinung.

Warum kam es zu sovielen Morden, war deine Frage. Nun es trafen extreme aufeinander. Extreme, die diesmal in breiten Teilen der Bevölkerung vertreten waren. Es war nicht ein reiner Klassenkampf, wenn rechts gegen links oder anders herum kämpfte. Die symphatien der für die Rechten zogen sich durch alle Gesellschaftsschichten, denn vielen war daran gelegen, dass es zu keinen Veränderungen kam. Die Linken waren eher auf die Arbeiter, vereinzelt auf die kleinen Angestellten reduziert. In den Gremien der Gesetzeshüter, der Juristen usw. war eine breite Lobby von den Rechten. Dies erklärt auch indirekt die Mehrzahl der rechtsmotivierten Straftaten. Rechte Organisationen konnten sich in einer relativen Sicherheit bei ihren VOrgehen wähnen. Dies ermutigte sie zu ihren Morden und Straftaten, denn sie wußten, dass es nur bedingt zur Aufklärung oder gar Abverurteilung käme.

In dem Zusammenhang ist es auch interessant, die Morde und die ganze Geschichte zu Rosa Luxembourg und Karl Liebknecht zu lesen. Definitiv bestand kein Interesse, in diesen Fällen zu einer Klärung zu kommen.

Es steht dir frei, den Bogen bis heute zu spannen. Und noch einen Schritt weiter zu gehen. Stell dir bitte einmal die Frage, wie viele Straftaten auch heute noch aus rechtsmotivierten Gründen begangen werden, die aber gar nicht als solche bezeichnet werden. Krasses Beispiel: Wie lange wurde in den "Rechten Morden" den so titulierten "Döner Morden" im türkischen Milieu gefahndet und gesucht und selbst Hinweise auf rechte Motivation sozusagen links liegengelassen.

Warum Linke und Rechte überhaupt mordeten. Nun, dies kann ich nicht zwingend nachvollziehen. Mord kann ein Zurückschlagen sein. Zurückschlagen, wenn ich soweit in die Enge getrieben wurde, wenn mir die Luft abgeschnürt wird, dass ich meine mich anders nicht mehr wehren zu können. Wenn ich ohnmächtig gegen eine Übermacht, die mich kaputtmacht dastehe. Dann habe ich in dem Moment wohl nur die Möglichkeit, mich bis zum Letzten mit allen Mitteln zu wehren.

Dieses kann ich aber nicht unbedingt auf die angesprochenen Morde der Linken und Rechten in der Weimarer Republik übertragen. Morde der Rechten wie Linken waren wohl teilweise aus Haß auf die anderen, weil sie halt so anders waren motiviert. Dann aus rechter Sicht die totale Angst, dass ihre Welt ins Wanken käme, dass die Welt sich ändern könnte und bisher Gott gegebenes auf einmal eine völlige Umdeutung und Neuordnung erhalten könnte. Aus linker Sicht die absolute Frustration, das sich niemand auch nur einen Millimeter bewegen kann oder will. Das Gefühl, gegen eine bornierte Übermacht zu stehen. Das Gefühl eine Vielköpfige Schlange bestehend aus WIrtschaftsbossen, Politikern, Bankern, Staatsanwälten und sonstigen Juristen; Polizei(knüppel) und Pressebaronen auf sich vorrücken zu sehen, die alle nur eines im Sinn haben. Bloß keine Veränderung, bloß kein Machtverlust von uns Großkofferten.

Mord ist nicht entschuldbar. Wo fängt Mord aber an? Wenn ich jemanden wirklich töte oder wenn ich jemanden zu einem Leben ausserhalb des Existenzminimums verdamme? Wenn ich einem Individuum jegliche Möglichkeit zur Teilhabe an einem würdigen Leben in der Gesellschaft unmöglich mache? Wenn ich einem Menschen Mundtot mache?

Politische Morde sind vielschichtig und nicht alle enden in einem Grab. Es gibt auch brutalere, subtilere Möglichkeiten, einen Menschen verstummen zu lassen. Heute gibt es vielleicht nur deshalb weniger politische Morde in den Statistiken, weil sie nicht mehr so echt tödlich sind.

Die politisch motivierten Morde von Linken und Rechten waren häufig auf Repräsentanten oder parteipolitische Gegner abgezielt.

Da viele Richter und Rechtsanwälte aus dem alten Kaiserreich in die Demokratie übernommen wurden und Anhänger eines autoritären Staates waren, gehörten sie oft der monarchistischen DNVP an, die jedoch auch rechts gesinnt war.

Der Mord war besonders von den Rechten ein "politisches Mittel" zur Säuberung der Republik. Die Richter entschieden zunehmend zwischen politischen Gesinnungen, also links (z.B. KPD) oder rechts (DNVP, NSDAP, ...). Viele Juristen sahen in den linken Kommunisten die "Novemberverbrecher" von 1919, sahen sie als "Vaterlandsverräter" an.

Häufig wurden deshalb die vergleichsweise wenigen Morde der Linken zu viel höheren Strafen belegt als die vielen Morde der Rechten.

Begünstigt wurden diese Morde z.B. auch - wie schon gesagt - durch die Freikorps, die von der Front kamen und sich in den Korps organisierten. Sie spürten, dass sie "von hinten erdolcht" wurden waren und auch sie sahen in den Kommunisten die "Vaterlandsverräter". U.a. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wurden vom Korps Garde-Kavallerie-Schützen-Division ermordet.

So kam es dazu, dass von 1918 bis 1922 über 75% der linken Morde gesühnt worden sind, 45% sogar mit der Hinrichtung. Lediglich 23% der linken Morde wurden nicht oder nur teilweise gesühnt.

Dagegen gab es bei den Rechten 354 politisch motivierte Morde, von denen ganze 92% ungesühnt blieben., lediglich 8% wurden gesühnt und nur ein einziger Mord wurde bestraft jedoch - klar - nicht mit der Todesstrafe. So kam es dazu, dass die Strafe der Rechten nur 2% so lang war, wie die der Linken (im Durchschnitt). (Ich hatte die Aufgabe auch als Hausaufgabe!) :D

http://de.wikipedia.org/wiki/Fememorde_in_der_Weimarer_Republik

Hi.
Erste Anregungen für die Beantwortung dieser Fragen bekommst Du, wenn Dir bei Wiki den Artikel über "Emil Julius Gumbel" ansiehst.

Deine Fragen waren genau die Fragen, die sich Gumbel damals stellte - und die er beantwortete.
(Schau vielleicht auch, was für ihn die Folgen waren.)

Gruß, earnest

earnest 26.09.2013, 18:00

-wenn Du Dir ...

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liveyourlife97 26.09.2013, 18:22

Erstmal danke für deine Antwort, in dem Artikel über Emil Julius Gumbel steht das die Freikorbs zum teil hinter den Morden der Rechten steckten, aber es steht nicht warum die Rechten mehr Morde verübt haben als die Linken. Waren sie radikaler in ihrem Vorgehen?

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earnest 26.09.2013, 21:29
@liveyourlife97

Gern geschehen.
Nicky hat Dir inzwischen eine sternverdächtige Antwort geschickt!

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