Warum wurde Richard Löwenherz gefangen genommen?

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Herzog Leopold V. von Österreich und der Steiermark aus der Familie der Babenberger hatte mehrere Beweggründe, den englischen König Richrad I. Löwenherz gefangenzunehmen:

  • Rache für das demütigende und seine Ehre kränkende/beleidigende Entfernen von Leopolds Standarte in Akkon nach der Einnahme der Stadt durch die Kreuzfahrer sowie die damit verbundebe Ablehnung von Leopolds Forderung nach einem Anteil der Kriegsbeute (Leopld ging leer aus)

  • Gelegenheit, aus der Gefangennahme Nutzen zu ziehen, vor allem finanziellen Gewinn aus einem Anteil am Lösegeld (in einem am 14. Februar 1193 in Würzburg abgeschlossenen Vertrag mit Kaiser Heinrich VI. wurde dann Leopold die Hälfte des auf 100.000 Mark Silber festgesetzten Lösegeldes zugebilligt)

  • Aufforderung des römisch-deutschen Kaisers Heinrich VI., seines Oberlehnsherrn, zur Gefangennahme, falls Richard I Löwenherz in sein Gebiet kam

Beweggründe des römisch-deutschen Kaisers Heinrich VI.:

  • Annäherung des englischen Königs Richard I. Löwenherz an Tankred von Lecce (Heinrich VI. erhob Erbanspruch auf das normannische Königreiche und versuchte diesen gegen Tankred militärisch durchzusetzen)

  • Befürchtung, Richard I. Löwenherz könne seine Gegner im Reich unterstützen (gegen Kaiser Heinrich VI. war eine verschärfte Gegerschaft ausgebrochen, darunter die mit Richard verwandtschaftlich verbundenen Welfen - Heinrich der Löwe war Richards Schwager - ; Kaiser Heinrich VI. drohte Niederlage und Absetzung)

  • Einwirkung des französischen Königs Philipp II. August (ein Zusammentreffen mit ihm in Mailand im Spätherbst 1191 kann zu der Entscheidung beigetragen haben, Richard gefangennehmen zu lassen, falls dieser bei der Heimkehr aus Palstina durch das Heilige Römische Reich reiste); Philipp II. August war schon durch Richards Auflösung der Verlobung mit der kapetingischen Prinzessin Alice (Alix) in Messina 1191 schwer gekränkt und hatte bei dem Kreuzug das von ihm als Zurücksetzung empfundene Verhalten Richards schwer vertragen; das englische Königshaus Anjou-Plantagenêt besaß umfangreiche Gebiete in Frankreich - modern als Angevinisches Reich bezeichnet – die für den französischen König eine unangenehme Machtfülle darstelllten und die er sich gerne angeeignet hätte

Unter Geschichtsforschern besteht nicht völlige Einigkeit, welche Beweggründe genau in welchem Ausmaß zu der Entscheidung, Richard I. Löwenherz gefangenzunehemn, führten.

John S. Critchley, Richard I. In: Lexikon des Mittelalters, Band 7: Planudes bis Stadt (Rus'). München ; Zürich : Artemis, 1995, Spalte 811:

Im September 1192 verließ Richard Löwenherz Palästina, doch fiel er bei Wien in die Hände des österreichischen Herzogs Leopold V., der sich duch Richard beleidigt fühlte, weil dieser bei der Belagerung Akkons ein österreichisches Feldzeichen herabgerissen haben soll. Mit französischem Einverständnis wurde Richard in Österreich in Haft gehalten (Dürnstein) und erst 1194 gegen die Zahlung eines hohen Lösegeldes freigelassen.

Heide Dienst, Leopld V. In: Lexikon des Mittelalters, Band 5: Hiera-Mittel - Lukanien. München ; Zürich : Artemis, 1991, Spalte 1900:

Bei der Belagerung Akkons (12. Juli 1191) soll der englische König Richrad Löwenherz ein österreichisches Feldzeichen herabgerissen haben. Der beleidigte österreichische Herzog kehrte nach Hause zurück, ließ den aufgrund der politischen Situation auf Umwegen heimkehrenden englischen König Ende Dezember 1192 bei Wien gefangennehmen (Gefangenschaft auf der Burg Dürnstein [?]) und lieferte ihn 1193 an Heinrich VI. aus. Leopold erhielt dafür einen Teil des Lösegeldes. Doch wurde er vom Papst Coelestin III. wegen der Gefangennahme Richard exkommuniziert. Er starb nach einem Sturz vom Pferd, ohne von der Exkommunikation gelöst worden zu sein.

John Gillingham, Richard Löwenherz : eine Biographie. 1. Auflage. Deutsch von Rudi Heeger. Düsseldorf : Claasen, 1981, S, 188:

„Als die christliche Armee einmarschierte, um die Stadt in Besitz zu nehmen, ereignete sich ein verhängnisvoller Zwischenfall, der weitreichende Konsequenzen haben sollte. Herzog Leopold V. von Österreich pflanzte sein Banner an die Seite der Standarten, die den Königen von Frankreich und England gehörten. Eine kurze Zeit lang stand sie triumphierend dort, aber dann rissen einige von Richards Soldaten sie herunter und warfen sie in einen Graben. Leopold war tief verletzt. Ein paar Tage später verließ er, nachdem er vergeblich versucht hatte, Genugtuung zu erhalten, Akkon und kehrte nach Österreich zurück. Er machte Richard für die Kränkung verantwortlich, zweifellos zu recht. Die Soldaten mußten zumindest mit der stillschweigenden Billigung ihres Herrn gehandelt haben. Leopold hatte guten Grund, den König von England zu hassen.“

S. 190: „Leopolds eigene Gefolgschaft war winzig; und er hatte nicht das Bargeld, um andere Männer unter sein Banner zu ziehen […]. Der Herzog von Österreich blieb ein unwichtiger Außenseiter in einem Lager, welches sich in zwei Parteien gespalten hatte. Es war gänzlich unrealistisch von ihm, in Akkon seine Standarte neben denen der beiden Könige aufzurichten.

Wenn die beiden Könige erlaubt hätten, daß Leopolds Standarte dort blieb, hätten sie effektiv anerkannt, daß der Herzog von Österreich berechtigt war, die Beute mit ihnen zu teilen.“

Robert-Tarek Fischer, Richard I. Löwenherz 1157–1199 : Mythos und Realität. Wien ; Köln ; Weimar : Böhlau, 2006, S. 141:

„Doch dann forderte Herzog Leopold V. von Österreich für sich einen den beiden Monarchen gleichberechtigten Status. Dass er selbst erst zu Beginn des Frühjahrs 1191 mit einem verschwindend geringen Aufgebot vor Akko eingetroffen war und daher keinen nennenswerten Anteil am Sieg hatte, hielt ihn nicht davon ab, sein Banner in der Stadt aufzupflanzen und so seinen Anspruch auf einen Teil der Beute zu unterstützen. Seine Forderung gründete er auf seine Stellung als höchstrangiger Fürst des deutschen Kreuzheeres und führender Repräsentant des Heiligen Römischen Reiches. Die Reaktion erfolgte schnell und auf eindeutige Weise. Angevinische Soldaten entfernten das österreichische Banner und verunglimpften es, indem sie es in den Schmutz traten, möglicherweise gar in einer Latrine versenkten. Ob Richard den Befehl dazu gegeben hatte, bleibt ungewiss, doch es ist davon auszugehen, dass ihn die drastische Vorgehensweise nicht weiter störte.“

S. 142: „Da sich Philipp in der Affäre passiv verhielt, liegt überdies die Vermutung nahe, dass Leopold sich im angevinischen Sektor exponierte. […]. Wenig später trat er die Heimreise an, verbittert über die harsche Zurückweisung seiner – freilich unrealistichen – Forderung auf Teilung der Kriegsbeute.“

S. 192 – 193: „Als Grund für die Einkerkerung des Platagenets wurde von damaligen Chronisten und modernen Historikern zumeist der Streit in Akko zwischen Richard und Leopold V. genannt, der mit einer enpfindlichen Demütigung des Herzogs geendet hatte, aber bei genauer Betrachtung ergeben sich doch so manche Ungereimtheiten. […]. War der berühmt-berüchtigte Streit in Akko von einigen Geschichtsschreibern nachträglich hochgespielt oder überhaupt erfunden worden, um auf diese Weise die seitens der Kirche streng untersagte Festnahme eines heimkehrenden Kreuzfahrers zu rechtfertigen? Es gibt wohl kaum ein Ereignis, bei dem zeitgenössische, von politischen Interessen geprägte Berichte kritischer zu hinterfragen sind als die Inhaftierung Richards, die sich zur größten Erpressungsaffäre des Hochmittelalters auswuchs.“

S. 193: „Leopolds Verhalten liefert für die Akko-These ebenfalls keine Bestätigung. Die Inhaftierung König Richards I., des Paradekreuzritters schlechthin, stellte ein Wagnis von enormer Tragweite dar, da er damit zu rechnen musste, vom Heilen Stuhl exkommuniziert zu werden. Dass der Herzog dieses Risiko im Alleingang und ohne Rückendeckung auf sich nahm, nur um für eine wie auch immer geartete Beleidigung Revanche zu nehmen, ist sehr zu bezweifeln. […] Die Grundlage für Leopolds Handeln dürfte vielmehr der Ergreifungsbefehl Kaiser Heinrichs VI, gewesen sein, in dessen überragender Machtstellung der Herzog einen Schutzschild gegen einen allfälligen päpstlichen Bannstrahl erblickte. Das ganze weitere Vorgehen des Babenbergers legt den Schluss nahe, dass er bei der Gefangennahme Richards von Anfang an den finanziellen Gewinn im Auge hatte […]. Leopold V. war ein geschäftstüchtiger Mann und ein geschickter Politiker.“

S. 193 – 194: „Darstellungen wie jene des Geschichtsschreibers Otto von St. Blasien jedoch, der Leopolds Verhalten in erster Linie auf die ungerechte Behandlung durch Löwenherz in Akko zurückführte, also den Ehrenstandpunkt in den Vordergrund rückte, sind als nachträgliche Beschönigung einer Erpressungsaffäre zu weten, in der eindeutig materielle Interessen im Vordergrund standen.“

Dieter Berg, Richard Löwenherz. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2007 (Gestalten des Mitelalters und der Renaissance), S. 172:

„So hatte das deutsche Kontingent von acht Mann unter Führung Leopolds im Vergleich zur beachtlichen Ritterschar der westeuropäischen Monarchen bei der Erstürmung Akkons keine große Rolle gespielt. Dessen ungeachtet forderte der österreichische Herzog nicht nur eine Beteiligung an der Verteilung der Beute, sondern verlieh seinen Ansprüchen gebührenden Nachdruck, indem er in Akkon sein Banner in dem Verfügungsbereich des englischen Königs aufrichten ließ.

Richard war im Blick auf die hohen Kosten, die ihm durch die Belagerung der Stadt entstanden waren in keiner Weise zu irgendwelchen Konzessionen bereit. […]. Obwohl auch der französische König zu keinerlei Kompromissen bezüglich der Beuteverteilung bereit war, entschloß sich nur Richard zum offenen Konflikt mit Herzog Leopold, indem er dessen Banner als äußeres Zeichen auf Beutesansprüche entfernen ließ, möglicherweise ohne Kenntnis des englischen Königs gingen dessen Soldaten noch weiter und entehrten bewußt das herzogliche Feldzeichen, indem sie es in die Kloake warfen. Da Löwenherz dem Herzog trotz dessen Intervention keine Genugtuung leistete und Leopold daher ohne Beute tief gekränkt in die Heimat reisen mußte, schwelte der Konflikt mit dem englischen Monarchen weiter – mit verheerenden Folgen für den Plantagenêt, wie sich bald zeigen sollte.“

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S. 188 – 180: „Aufgrund der hohen gesamtpolitischen Bedeutung der Geiselnahme ist nicht davon auszugehen, daß der Herzog von Österreich nur auf eigene Verantwortung oder allein aus privaten Rachemotiven heraus die Inhaftierung des königlichen Kreuzfahrers durchführte. Vielmehr wird die Aktion sicherlich in Kenntnis und mit Billigung des kaiserlichen Oberherrn erfolgt sein, der angeblich bereits nach seinem Treffen mit Philipp von Frankreich in Mailand Ende des Jahres 1191 seinen Untergebenen die Gefangennahme des englischen Monrachens aufgetragen haben soll. […]. Englische Chronisten betrachteten hingegen den französischen Monarchen als eigentlichen Drahtzieher des Unternehmens, da Philipp angeblich den Staufer erst zum Kampf gegen den Angevinen aufgestachelt und zur Geiselnahme veranlaßt hätte.“

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