Warum wurde Nietzsche als rechtsextremer Philosoph angesehen nach 1945?

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Friedrich Nietzsche hat dazu geneigt, Ansätze gedanklich bis zu den äußersten Folgen auszuproben und kräftige Ausdrücke zu verwenden.

Nietzsche verwendet Begriffe wie „Wille zur Macht“, Übermensch“, „Zucht“, „Züchtung“, „Rasse“ (wobei zum Teil nicht sehr klar ist, inwieweit dies metaphysisch oder biologisch gemeint ist; der Begriff war in der damaligen Zeit nicht unüblich) „Herrenmoral“ und „Sklavenmoral“.

Er vertritt offenbar einen geistesaristokratischen Standpunkt (Vornehmheit, Adel nicht nach Herkunft oder Besitz) und scheint eine nicht durch feste, allgemeingültige moralische Prinzipien eingeschränkte Durchsetzungsfähigkeit zu bejahen.

In seiner Betonung des Lebens liegt eine Gefahr zu irrationalen Tendenzen, obwohl seine Vernunftkritik nicht auf Rationalität verzichten wollte.

„Der Antichrist“ und „Jenseits von Gut und Böse“ enthalten scharfe Äußerungen gegen eine Mitleidsmoral. Mitleid wird als schädliche Schwäche und Zeichen niedergehenden Lebens (Dekadenz) beurteilt (eine Deutung sollte aber den Zusammenhang mit Nietzsches Lehre von der Lebensbejahung verstehen).

Er betont stark Unterschiede zwischen Menschen, hat Einwände gegen eine weitgehende Demokratie (nennt Demokratie, wenn er weniger scharf urteilt, eine Erscheinung der Mittelmäßigkeit) und wendet sich unter anderem im Zusammenhang mit einer Erörterung des Themas Moral gegen Gleichheitsvorstellungen als Ressentiment der Schwachen – ein Sklavenaufstand in der Moral.

Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral : eine Streitschrift (1887). Erste Abhandlung: „Gut und Böse“, „Gut und Schlecht“. 7.
„Die Priester sind, wie bekannt, die bösesten Feinde — weshalb doch? Weil sie die ohnmächtigsten sind. Aus der Ohnmacht wächst bei ihnen der Hass in’s Ungeheure und Unheimliche, in’s Geistigste und Giftigste. Die ganz grossen Hasser in der Weltgeschichte sind immer Priester gewesen, auch die geistreichsten Hasser: — gegen den Geist der priesterlichen Rache kommt überhaupt aller übrige Geist kaum in Betracht. Die menschliche Geschichte wäre eine gar zu dumme Sache ohne den Geist, der von den Ohnmächtigen her in sie gekommen ist: — nehmen wir sofort das grösste Beispiel. Alles, was auf Erden gegen „die Vornehmen“, „die Gewaltigen“, „die Herren“, „die Machthaber“ gethan worden ist, ist nicht der Rede werth im Vergleich mit dem, was die Juden gegen sie gethan haben: die Juden, jenes priesterliche Volk, das sich an seinen Feinden und Überwältigern zuletzt nur durch eine radikale Umwerthung von deren Werthen, also durch einen Akt der geistigsten Rache Genugthuung zu schaffen wusste. So allein war es eben einem priesterlichen Volke gemäss, dem Volke der zurückgetretensten priesterlichen Rachsucht. Die Juden sind es gewesen, die gegen die aristokratische Werthgleichung (gut = vornehm = mächtig = schön = glücklich = gottgeliebt) mit einer furchteinflössenden Folgerichtigkeit die Umkehrung gewagt und mit den Zähnen des abgründlichsten Hasses (des Hasses der Ohnmacht) festgehalten haben, nämlich „die Elenden sind allein die Guten, die Armen, Ohnmächtigen, Niedrigen sind allein die Guten, die Leidenden, Entbehrenden, Kranken, Hässlichen sind auch die einzig Frommen, die einzig Gottseligen, für sie allein giebt es Seligkeit, — dagegen ihr, ihr Vornehmen und Gewaltigen, ihr seid in alle Ewigkeit die Bösen, die Grausamen, die Lüsternen, die Unersättlichen, die Gottlosen, ihr werdet auch ewig die Unseligen, Verfluchten und Verdammten sein!“… Man weiss, wer die Erbschaft dieser jüdischen Umwerthung gemacht hat… Ich erinnere in Betreff der ungeheuren und über alle Maassen verhängnissvollen Initiative, welche die Juden mit dieser grundsätzlichsten aller Kriegserklärungen gegeben haben, an den Satz, auf den ich bei einer anderen Gelegenheit gekommen bin („Jenseits von Gut und Böse“ p. 118) — dass nämlich mit den Juden der Sklavenaufstand in der Moral beginnt: jener Aufstand, welcher eine zweitausendjährige Geschichte hinter sich hat und der uns heute nur deshalb aus den Augen gerückt ist, weil er — siegreich gewesen ist…“

Friedrich Nietzsche, Der Antichrist : Fluch auf das Christenthum (1888 entstanden). 62.
„Die „Gleichheit der Seelen vor Gott“, diese Falschheit, dieser Vorwand für die rancunes aller Niedriggesinnten, dieser Sprengstoff von Begriff, der endlich Revolution, moderne Idee und Niedergangs-Princip der ganzen Gesellschafts-Ordnung geworden ist — ist christlicher Dynamit… „Humanitäre“ Segnungen des Christenthums! Aus der humanitas einen Selbst-Widerspruch, eine Kunst der Selbstschändung, einen Willen zur Lüge um jeden Preis, einen Widerwillen, eine Verachtung aller guten und rechtschaffnen Instinkte herauszuzüchten! — Das wären mir Segnungen des Christenthums! — Der Parasitismus als einzige Praxis der Kirche; mit ihrem Bleichsuchts-, ihrem „Heiligkeits“-Ideale jedes Blut, jede Liebe, jede Hoffnung zum Leben austrinkend; das Jenseits als Wille zur Verneinung jeder Realität; das Kreuz als Erkennungszeichen für die unterirdischste Verschwörung, die es je gegeben hat, — gegen Gesundheit, Schönheit, Wohlgerathenheit, Tapferkeit, Geist, Güte der Seele, gegen das Leben selbst…“

Gegenüber dem grundsätzlichen Ansatz in der Ethik Nietzsches sind durchaus Bedenken möglich und nach 1945 konnte eine Verwerfung im Einzelnen auch leicht sehr viel weitergehen.

Von einem sich als christlich-humanistisch verstehenden Standpunkt aus war in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg eine Wendung gegen Nietzsche naheliegend und das Geschehen der zurückliegenden Jahre konnten von ihm aus als Bestätigung erscheinen, wie unheilvoll Nietzsches Denken sei.

Die Einschätzung als rechtsextrem (keineswegs allgemein geteilt) hat sich stark im Hinblick auf eine Linie der Wirkungsgeschichte/Rezeption eingestellt und ist tatsächlich so nicht zutreffend.

„Seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche hat eine Deutung betrieben, die bei Briefen teilweise auch zu entstellenden Fälschungen und Weglassungen griff und bei der Herausgabe der Werke aus unveröffentlichten Aufzeichnungen in fragwürdiger Weise ein angebliches Hauptwerk „Der Wille zur Macht“ erscheinen ließ und verkündete. Obwohl Friedrich Nietzsche gegen den Nationalismus im Deutschen Kaiserreich und gegen Antisemitismus (Judenfeinschaft) Stellung genommen hatte, ist er in Richtung auf eine sehr weit rechte, konservativ-autoritäre und stark nationalistische, dann auch faschistische bzw. nationalsozialistische Weltanschauung gedeutet worden.

Eine Vereinnahmung durch Rechtsextreme hat Nietzsche in schlechtem Licht erscheinen lassen, auch wenn seine Gedanken nicht wirklich leitend bei ihnen waren und er meistens eher oberflächlich in einen angeblichen Entwicklungsstrang hineingestellt wurde.

Aufgrund rhetorischer Zuspitzungen, Übersteigerung von kritischen Angriffen und einem zuweilen gewaltsamen Pathos in einer Reihe von Metaphern und Formulierungen bei Nietzsche konnten mit einem ziemlich skrupellosen Herausreißen aus einem Zusammenhang und Weglassungen Zitate hergestellt werden, die scheinbar eine rechtsextreme Weltanschauung verkündeten.

In Büchern über Nietzsche (in Bibliotheken vorhanden) gibt es erklärende Hinweise zu der Frage, z. B.:

Volker Gerhardt, Friedrich Nietzsche. Originalausgabe. 4., aktualisierte Auflage. München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 522), S. 224 – 225:
„In der Tat haben die gewalttätigen Phrasen seiner Moralkritik, seine Distanz gegenüber dem Recht, die Gleichsetzung von Wahrheit und Lüge, die Verherrlichung alles Starken, Lebendigen und Instinktiven - so differenziert es auch gemeint sein mochte – eine barbarische Stimmung erzeugt, die den Aufstieg Hitlers begünstigte. So entbehrt es nicht einer gewissen Konsequenz, daß Nietzsche nach 1933 ein öffentlich gefeierter und akademisch geduldeter Denker wurde. Jedoch: Mehr als seien Phrasen entlehnte man ihm nicht nicht selten noch nicht einmal die.

Daran änderte auch Nietzsches Schwester nichts, die unter tatkräftiger Mitwirkung ihres Archivs alles dransetzte, ihren Bruder den neuen Machthabern näher zu bringen. Die Nazigrößen blieben jedoch reserviert. Sie müssen die irritierende Geistigkeit Nietzsches stärker gespürt haben als einige seiner Interpreten vom Schlage eines Alfred Baeumler oder Fritz Giese. Während der eine noch vergleichsweise vorsichtig den «Willen zur Macht» als politische Ideologie für den Faschismus empfiehlt, seihr der andere in Hit[...] bereits die «Erfüllung» von Nietzsches Denken. Dazu mußte allerdings der Gegensatz von «dionysisch» und «apollinisch» in den von «semitisch» und «arisch» verfälscht und die Hakenkreuzfahne als Symbol der ewigen Wiederkehr erdeutet werden. Auf solche Gewaltsamkeiten verstanden sich dann auch die politischen Akteure, wenn sie in ihren Reden Zarathustras «Werde hart!» oder die markige, auf den «löwenhaft» freien Willen bezogene Wendung von der «blonden Bestie» aus dem Zusammenhang rissen.“

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David Marc Hoffmann, Nietzsche-Kult. In: Nietzsche-Handbuch : Leben - Werk - Wirkung. Herausgegeben von Henning Ottmann. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2000, S. 485 – 486

S. 485: „Die nationalsozialistische N.[ietzsche]-Rezeption war gespalten. Zu einem N.[ietzsche]-Kult kam es nur in oberflächlicher Form (Schlagworte, allgemeine Formulierungen über die «blonde Bestie» etc.), während im intellektuelleren Faschismus sich Mussolini ausdrücklich als «goldener Zögling Zarathustras» verstand.“

Hans-Martin Gerlach, Politik (Faschismus, Nationalsozialismus, Sozialdemokratie, Marxismus). In: Nietzsche-Handbuch : Leben - Werk - Wirkung. Herausgegeben von Henning Ottmann. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2000, S. 499 – 509

S. 499: „Es war insbesondere das N.[ietzsche]-Archiv und dessen Leiterin E. Förster-Nietzsche, die N.[ietzsche]s Denken seit den 90er Jahren des 19. J[ahr]h.[underts] weltanschaulich-politisch zu «vermarkten» begann.“

S. 499 – 500: „Im Schatten einer solchen eher « unschuldigen» Konstatierung der verschiedenen Sichtwiesen ihres Bruders gerade auf politische Dinge, begann unter ihrer Leitung allerdings eine zielstrebig betriebene «Vereinseitigung» der Interpretationsvorgaben, die eindeutig «rechtslastig», national-konservativ bis faschistisch gemacht wurden, wenngleich sie sich auch bemühte, im Freundeskreis des Archivs ein breites Meinungsspektrum zu versammeln, welches auch liberale demokratisch gesinnte Vertreter der aufnahm. Das N.[ietzsche]-Archiv […] stellte sich im 20. J[a]h.[rhundert] aber zunehmend als «Beschleuniger» einer rechts-konservativen Interpretationsmaschinerie dar, die mehr und mehr in ein faschistisches bzw. nationalsozialistisches Fahrwasser glitt. Bevor sich jedoch der deutsche Nationaloszialismus mehr oder weniger bewußt und zielstrebig der N.[ietzscheschen] Philosophie und Weltanschauung bediente, waren es die italienischen Faschisten, die N.[ietzsche für sich entdeckten. Namentlich der Führer der italienischen faschistischen Bewegung, Benito Mussolini, der sich schon vor dem Ersten Weltkrieg zu N.[ietzsche] bekannte [….] und eine Gemeinschaft mit Marx‘ Klassenkampf und N.[ietzsches] Übermensch herzustellen suchte.“

S. 501: Bemerkenswert ist denn auch, daß sowohl Hit[...] als auch Rosenberg, letzterer gilt als der «Weltanschauungsbilder» des deutschen N[ational]S[ozialismus], zwar rein äußerlich mit N.[ietzsche[ poussieren (Hit[...]s Besuche im Weimarer Archiv, seine persönlichen finanziellen Unterstützungen bei der Errichtung einer Gedenkstätte für N.[ietzsche] in Weimar) und ihn immer in die unmittelbare «Ahnengalerie» des N[ational]S[ozialismus] einordnen (Rosenberg) – ironischerweise mit den N.[ietzsche]-Gegnern P. de Lagarde und R. Wagner sowie H. S. Chamberlain - , in ihren Hauptwerken (Hit[...]: Mein Kampf; Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts) N.[ietzsche] aber von ihnen gar nicht erwähnt oder nur sehr peripher behandelt wird. Offenbar hatte man ihn nicht gelesen oer stand ihm mehr oder weniger fremd gegenüber, obgleich natürlich viele Äußerungen N.[ietzsche]s . und nicht nur äußerlich, verbal – propagandistisch aufbereitbar waren, was dann auch geschah.“

S. 503: „Bei den NS-Führern wird N.[ietzsche] eindeutig politisch-ideologisch instrumentalisiert, ohne eine nachweisliche nähere Sachkenntnis. Schlagworte werden aus dem aphoristischen Werk herausgerissen, interessengeleitet aufbereitet, in ihrer schillernden Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten eindeutig zurechtgeschnitten und so direkt verfälscht.“ S. 504 (zu Alfred Baeumler, Nietzsche und der Nationalsozialismus 1934; abgedruckt in Alfred Baeumler, Studien zur deutschen Geistesgeschichte, Berlin : Junker und Dünnhaupt, 1937): „Gerade in diesem Artikel wird Wert darauf gelegt, sowohl den aktivistischen Heroismus N.[ietzsche]s und seine Gegnerschaft zum Christentum in vordergründige Beziehungen zur NS-Bewegung zu bringen und auf die «Philosphie der Politik» (ebd. 292) zu setzen, die an die Stelle absoluter Gegensätze von Gut und Böse «die natürliche Rangordnung des Besser und Schlechter» setzen im «Zeitalter der Arbeiter und Soldaten» (ebd. 293). Die Jugend wird zu diesem Wert erneut – wie es schon bei N.[ietzsche] in den Unzeitgemäßen Betrachtungen geschehen ist – aufgerufen: «Und wenn wir dieser Jugend zurufen, Heil Hit[...]! – so grüßen wir mit diesem Rufe zugleich F. N.» (ebd. 294).

S. 503: „Bei den NS-Führern wird N.[ietzsche] eindeutig politisch-ideologisch instrumentalisiert, ohne eine nachweisliche nähere Sachkenntnis. Schlagworte werden aus dem aphoristischen Werk herausgerissen, interessengeleitet aufbereitet, in ihrer schillernden Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten eindeutig zurechtgeschnitten und so direkt verfälscht.

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Diese direkte Identifikation der N.[ietzsche[schen Philopshie mit dem politischen Machtapparat des Nationalsozialismus und seiner Ideologie war nach dem Zusammenbruch des «Dritten Reiches» 1945 einer der Hauptgründe der Verdammung N.[ietzsches] in der Folgezeit sowohl durch liberale als auch linke Kreise.“

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Nietzsche hat Sprüche in die Welt gesetzt, die fatal an die nationalsozialistische Vernichtungspolitik erinnerten (s. Anfang und Schluss des „Antichrist“: („Die Schwachen und Missratnen sollen zugrunde gehen: erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen....“ u.a.). Außerdem lehnte er Demokratie und Sozialismus ab, er befürwortete die Dominanz der großen Persönlichkeiten (Übermenschen), die kraft ihrer außerordentlichen Talente und (Führer-) Qualitäten dazu berufen seien, an erster Stelle im Staat zu stehen (er bewunderte Cesare Borgia und Napoleon). Inzwischen hat man erkannt, dass Nietzsche solche Sprüche (wie im „Antichrist“) niedergeschrieben hat, als er schon von den Flügeln des Wahnsinns „umflattert“ war. Trotz alle dem: für mich ist Nietzsche einer der ganz Großen. Er hat durch seine Lehre vom Willen zur Macht Wahrheiten ausgesprochen, die schlicht und einfach voll zutreffen. Oder hat schon einmal jemand ein Fleckchen auf dieser Welt gesichtet, wo man ohne eine Fertigkeit, ohne ein Talent oder irgendeine Qualifizierung Ansehen, Prestige, Anerkennung findet? Was aber ist ein Leben ohne Anerkennung? Ein Nichts, ein Hundeleben oder – salopp gesprochen: die Existenz einer „Null“. Nietzsche nennt diese Fähigkeiten des Menschen, die er unbedingt in sich zur Entfaltung bringen müsse, metaphorisch „Macht“, und das Zur-Entfaltung-bringen heißt er „Wille zur Macht“. „Die Welt ist Wille zur Macht und nichts außerdem“ - sagte er - „und ihr selbst seid dieser Wille zur Macht und nichts außerdem!“ Man muss also sagen: Nietzsche hat doch recht! – Allerdings, und das macht seine Philosophie andererseits so angreifbar. Wenn man ihm recht gibt, erkennt man damit an, dass der Mensch nichts weiter ist als ein höheres Tier, eine Art Wolf mit Verstand. Das kann ja wohl nicht sein! Deshalb hat Thomas Mann mit Recht gesagt: „Wer ihm glaubt, wer ihn wörtlich nimmt, ist verloren!“ (Wie weiland H., der in seinem Bunker untergegangen ist). Nietzsche hat vergessen, dass der Mensch eine Seele hat, und die hat ihre eigene Vernunft (s. Blaise Pascal); d.h. ohne Moral, die Nietzsche scharf bekämpft hat, wird man dieser „eigenen Vernunft der Seele“ nicht gerecht.

Nietzsche ist ein Philosoph, der auch schon mal extreme Gedankenexperimente liebte und bei dem man Acht geben muss, was er nur konsequent zu Ende dachte und wo er wirklich hintendran stand. Diese Art des philosophierens (nicht aus einem Guss) gibt natürlich die Möglichkeit, Nietzsche per Zitat alles mögliche anzuhängen. Nicht selten kann man Nietzsch mit Nietzsche widerlegen. Dennoch hat Nietzsche sowohl in der französischen (Existentialismus) wie in der italienischen Philosophie große Wertschätzung und Einfluss. Das ist in Deutschland mit dem nationalsozialistischen Trauma anders.

Es hat eine Zeit gebraucht, bis man den Original-Nietzsche trennen konnte von dem Nietzsche, den seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche verfälschend aus ihm gemacht hat. Sie wollte ihn zu dem national-deutschen Philosophen hochstilisieren als Künder einer Herrenideologie und sich selbst als dessen Gralshüterin. Heute ist in der Nietscheforschung unumstritten, dass dies eine entstellende Verfälschung war, die das Gesamtwerk Nietzsches nicht hergibt. Einen längeren Beitrag über Elisabeth Förster-Nietzsche und ihre Verfälschungen findest Du unter dem Button "Elisabeth" in

http://www.f-nietzsche.de/

Daran ist wohl vor allem seine Schwester schuldig, die insofern seinen Nachlaß verfälscht hat. Aber die Wirkungsgeschichte geht manchmal recht unvorhergesehene Wege, denn das hat ihm langfristig nicht geschadet, sondern tatsächlich eher genützt. Die daraus folgende Bewunderung durch die Nazis hat ihn erst richtig ins Licht gerückt, aber eben so, daß danach offenbar wurde, daß es sich um eine Verfälschung handelte, weshalb man ihn von diesem Beiwerk rehabilitierte. Das ist übrigens der umgekehrte Weg zur Wirkungsgeschichte Albert Einsteins, denn dem hat die Ablehnung durch die Nazis genützt, weil auch er dadurch erst richtig ins Licht gerückt wurde.

Sowohl Nietzsche als auch die Nationalsozialisten vertraten die Idee, dass die Starken ihr Potenzial ausschöpfen können sollten, ohne auf die Schwachen Rücksicht nehmen zu müssen oder moralische Grenzen achten zu müssen. Eine Schnittmenge ist also gegeben. Nietzsche deshalb für einen Nationalsozialisten halten kann aber nur, wer folgenden gravierenden Unterschied übersieht:

Nietzsches Übermensch ist ein Individuum, die nationalsozialistische Herrenmensch ist ein Mitglied eines Kollektivs. Das nationalsozialistische Ideal ist eine Volksgemeinschaft aus Herrenmenschen, die die anderen "Rassen" beherrscht, aber selbst aus gleichgeschalteten Untertanen des Führers besteht, die selbst alle gleich viel wert sind, bzw. besser: gleich wenig - "Du bist nichts, dein Volk ist alles." Jedoch: Ein Übermensch gebunden an die für heilig erachtete Gemeinschaft mit dem Pöbel, wertvoll nur, weil er derselben "Rasse" angehört wie die breite Masse, dazu bestimmt, auf ewig dem Staat zu dienen und zu gehorchen? Nietzsche würde sich mit Grausen abwenden.

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