warum wurde HOMER ein blinder Greis genannt?

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1 Antwort

Als Greis ist er wohl bezeichnet worden, weil bei dem Dichter großer Epen die Vorstellung eines Mannes mit viel Erfahrung, also in einem verhältnismäßig hohen Alter, vorherrschte und die Betrachtung eher zum Lebensende hin ausgerichtet war. Über Homer war schon bald kaum etwas Genaues und Sicheres bekannt. Legendenhaftes und Erfindungen wurden verbreitet.

Die Blindheit Homers kann aus einer Auffassung entstanden sein, Homer habe bei der Darstellung des blinden Sängers (Aoiden) Demodokos bei den Phaiaken (Odyssee θ (Gesang, Vers 62 – 68) ein eigene Blindheit dargestellt (Selbstporträt). Außerdem kann dazu die Meinung beigetragen haben, Homer sei der Dichter des Hymnus auf den delischen Apllon (zu den „homerischen Hymnen“ zählend), der in Vers 172 offenbar zum Ausdruck bringt, er selbst sei ein blinder Mann (τυφλὸς ἀνήρ).Schon Thukydides 3, 104 hielt diesen Hymnus für homerisch, ebenso Aristophanes, Die Vögel 578.

Der Name ist dann aufgrund dieser Auffassung sogar so gedeutet worden, als bedeute er „der Blinde“. Der Historiker Ephoros behauptet beispielsweise, Homer habe zuerst Melesigenes geheißen und sei nach seiner Erblindung Homer genannt worden. Ὅμηρος bedeute in der Sprache der Kymaier und Ionier der Blinde, insofern die Blinden der Führer (τῶν ὁμηρευόντων) bedürfen. Nach einer anderen abwegigen Etymologie bedeutet ὅμηρος im Aiolischen blind. Auch ein Bezug zum Wort πήρος (Ilias Β 2. Gesang, Vers 599 über die Erblindung des thrakischen Sängers Thamyris) ist versucht worden.

Bei Platon, Phaidros 243 a wird als Ursache der Erblindung Homers Götterzorn wegen frevelhafter Verfälschung der Wahrheit in der Dichtung ins Spiel gebracht. Pausanias 4, 33, meint in rationalistischer Auslegung, Homer haben wegen einer Krankheit sein Augenlicht verloren.

In der Kunst ist Homer vielfach als blind dargestellt worden. Überlegt werden kann, ob eine Vorstellung einer Überschreitung normalen Maßes beim blinden Sänger ähnlich auftritt wie beim blinden Seher, der außerordentliche Voraussicht hat.

In Büchern finden sich Erklärungen.

Joachim Latacz, Homer : der erste Dichter des Abendlands. 4., überarbeitete und durchgehend aktualisierte Auflage. Düsseldorf ; Zürich : Artemis & Winkler bei Patmos, 2003, S. 32:
„‹Homerus caecus fuisse dicitur›, Homer soll blind gewesen sein: dieses bescheidene Beispielsätzchen, Generationen von Lateinschülern aus der Grammatik wohlvertraut, enthält im Kern bereits den entscheidenden Vorbehalt, unter dem alle Aussagen über Homers Person und Leben stehen: ‹soll› blind gewesen sein: Genaues über den größten aller Dichter wußten schon die Alten nicht. Moderne Forschung ist darüber kaum hinausgekommen; das meiste muß Vermutung bleiben.“

S. 38 – 39 (zur Homerlegende): „Das Dichterbild, das hier gezeichnet wird, hat mit dem, was uns entgegentritt, wenn wir die Epen lesen, kaum etwas gemein. Der Homer dieser Legende ist ein blinder Bettelsänger, der sich bei kleinen Leuten herumtreibt, bei Schustern, Fischern,, Töpfern, Matrosen; alten Männern und den Schwätzerhallen der Hafenstädte; ein Schulmeister, der das Lesen und Schreiben lehrt, also vor allem mit Kündern umgeht; ein schlagfertiger Verseschmied, bestaunt allein vom kleinen Bürgertum und nur ein einziges Mal, bei jenem Chier in Bolissos, kommt er in Berührung mit der Oberschicht, vor deren Häusern er im übrigen mit selbstgemachten Liedchen Gaben zu erbetteln pflegt.“

Paul Zanker, Die Maske des Sokrates : das Bild des Intellektuellen in der antiken Kunst. München : Beck, 1995 (C. H. Beck Kulturwissenschaft), S. 24 - 25:
„Die Vorstellung von der Blindheit Homers ist alt, sie geht zumindest ins 6. Jahrhundert zurück (Hymn. Hom. Ap. 172). Wahrscheinlich beruht sie auf der Schilderung des blinden Sängers Demodokos in der Odyssee (8, 62 ff.). Die Figur des blinden Sängers war aber auch schon in Ägypten und im Orient verbreitet. Dies entspricht vermutlich einer allgemeinen Erfahrung in früheren Kulturen, daß sich Blinde gelegentlich durch außergewöhnliches Gedächtnis auszeichnen und sich mit dieser Gabe nützlich machen konnten. Auch in der Vision des Bildhauers wird Blindheit nicht als zufälliger biographischer Zug, sondern als Voraussetzung für Erinnerung und Weisheit dargestellt. Denn ähnlich wie die so bedeutungsvoll geschlossenen Augen wollen auch die Stirnfalten Homers nicht einfach als realistisches Detail für Alter gelesen werden. Durch ihre streng parallele Führung wirken sie zeichenhaft, sollen wohl das unendliche Erinnerungsvermögen des Dichters andeuten. Es ist kein Zufall, daß man vergleichbare zeichenhafte Stirnfalten gerade bei dem in tiefes Sinnen versunkenen Seher aus dem Ostgiebel des Zeustempels von Olympia findet.

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Kommentar von Albrecht
14.10.2011, 07:18

Wahres Wissen ist uraltes Wissen. Dichten wird in diesem Bild als Gabe der Götter, als eine Art Sehertum und Schau verstanden. Der Mythos kennt zahlreiche Seher und Dichter, deren geistige Kraft in unmittelbarem Zusammenhang mit ihrer Blindheit steht. Das gilt bereits für Demodokos, den Sänger am Hof des Phäakenkönigs:

„Den liebte die Muse über die Maßen und hatte ihm Gutes wie Schlimmes gegeben; der Augen hatte sie ihn beraubt, doch ihm den süßen Gesang gegeben“ (Hom. Od. 8, 63 – 65).

Dabei werden Erblindung bzw. Sehergabe in der Regel als eine Art Kompensation verstanden. Große Seher wie Teiresias und Phineus erblindeten, weil sie Götter gesehen hatten, zuviel wußten und ihr Wissen den Menschen erzählt hatten. Blindheit ist aber nicht nur Strafe und Geschick. Sie schärft die anderen Sinne, vor allem die Kraft des Gedächtnisses und wird dadurch für manche Autoren geradezu zur Voraussetzung besonderer übersinnlicher Gaben. Nach einem Spruch des delphischen Orakels ist das Gedächtnis „das Gesicht der Blinden“. Dies entsprach offenbar einer weit verbreiteten Vorstellung. Der Philosoph Demokrit soll sich sogar selbst geblendet haben, um seinen Geist nicht von der Außenwelt ablenken zu lassen. Indem der Künstler die Blindheit Homers so hervorhebt, rühmt er vor allem die auf seinem unendlichen Erinnerungsvermögen beruhende Weisheit.“.

S. 161: „Das Ablesen und Reflektieren der im Bild konnotierten biographischen und literarischen Bezüge lud zumal in der religiösen Atmosphäre eines Heroon zur verehrungsvollen Versenkung ein. Und manche der retrospektiven Porträts haben diese Aura des Erhabenen und Ehrfurchtgebietenden offenbar auch bewußt evoziert.

Unter diesem Aspekt wollen wir auch den berühmten „Blinden Homer“ betrachten, von dem wir wiederum nur Kopfrepliken kennen, von dessen Körper allerdings das Relief des Archelaos und die Münzbilder eine gewisse Vorstellung geben können […]. Homer ist auch hier ein uralter und blinder Greis. Die Vorstellung von seiner Blindheit ist, wie wir hörten, alt, geht vielleicht ursprünglich auf den blinden Sänger Demodokos in der Odyssee zurück, läßt sich jedenfalls bereits um 460 v. Chr. in dem schönen Greisenbildnis fassen, mit dem wir uns schon im ersten Kapitel beschäftigt haben[…]. Trotzdem blieb der blinde Homer, wie andere Versionen auf Münzen zeigen, immer nur eine Möglichkeit, sich den Dichter vorzustellen.“

Homer. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Herbert Bannert. 7. Auflage. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt , 2000 (Rowohlts Monographien ; 50272), S. 35 – 36:
„Was aber hat es mit der Blindheit Homers auf sich? Als blind bezeichnet sich der Dichter des Apollonhymnus, den allerdings schon Thukydides mit Homer gleichsetzte. Die Vita betont zwar, Homer sei – als Melesigenes - mit gesunden Augen geboren, dann aber erkrankt und bei seiner Rückkehr nach Smyrna schon blind gewesen, doch stehen diese Angaben in der Partie, die Ithaka und die Gestalten der Odyssee einführt und von der wir schon bemerkt haben, daß sie sicher späterer Harmonisierung ihre Existenz verdankt. Als blinder Mann mit dem charakteristischen ausdruckslosen, visionären Blick zeigen den Dichter viele der zahlreichen Porträts. Letztlich können wir nichts über diesen Punkt aussagen, doch ist bekannt, daß gerade blinde Menschen ungeheure Gedächtnisleistungen vollbringen und daß Volksänger oft (und nicht nur bei den Griechen) als Blinde dargestellt werden. Ein Beispiel aus der homerischen Dichtung selbst soll genügen: Demodokos, der Dichter und Sänger der Phaiaken, ist blind: Und der Herold kam herbei und führte den geschätzten Sänger. Den liebte die Muse über die Maßen und hatte ihm Gutes wie auch Schlechtes gegeben; der Augen hatte sie ihn beraubt, doch ihm den süßen Gesang gegeben: Für ihn stellte Pontonoos einen Lehnstuhl hin, beschlagen mit Silbernägeln, mitten unter den Tischgenossen, und hängte ihm zu Häupten an einen Pflock die helltönende Leier, er, der Herold, und zeigte ihm, wie er sie mit Händen ergreifen könnte. (Od. 8, 62 – 68. Wir können festhalten: es war nichts Ungewöhnliches, daß ein Blinder als Dichter und Sänger wirkte; für Homer scheint Blindheit schon in den frühesten Quellen belegt zu sein. Mehr kann dazu nicht gesagt werden."

Albin Lesky, Geschichte der griechischen Literatur. 3., neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Bern ; München : Francke, 1971. S. 30:
„Bei den Phaiaken holt man Demodokos in den Palast, wenn es gilt, öffentliches Beisammensein durch das Lied zu verschönern (8, 44). Der blinde Sänger, der es im Namen trägt, daß er der Gemeinde anvertraut ist, wird vom Herold geführt. Man denkt an den blinden Mann aus Chios, der sich im Hymnos auf den delischen Apollon dem Gedenken der Mädchen empfiehlt (166). Blindheit des Sängers begegnete sicherlich des öfteren in der Wirklichkeit, auch Homer hat man sich so vorgestellt und mit falscher Deutung seines Namens als den des Blinden (ὁ μὴ ὁρῶν) verstehen wollen.“

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