Warum wollte Drakon die Blutrache abschaffen?

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Drakon hat bei seiner Gesetzgebung eine völlige Abschaffung der Blutrache weder beabsichtigt noch durchgeführt, sondern eine Einschränkung und Einhegung der Blutrache.

Bei Blutrache liegt die Sühnung/Büßung von schweren Verbrechen (Tötungsdelike) nicht in staatlicher Hand, sondern bei Verwandten von Opfern bzw. anderen diesen Nahestehenden (im archaischen Griechenland unter anderem bei Phratriegenossen; φρατρία [phratria] »Bruderschaft«, eine auf Familiengruppen oder Nachbarschaft beruhende Kultgenossenschaft). Dabei besteht die Gefahr einer Entfesselung des Rachegedankens statt Ausrichtung an Recht und Gerechtigkeit.

Angehörige von Opfern eines Verbrechens waren nicht zwangsläufig verpflichtet, Täter zu töten. Eine Entrichtung einer Buße, eine Einigung und Aussöhnung war möglich. Doch konnte durch Selbsthilfe und Racheanspruch auch eine Kette von Gewalt und Gegengewalt beginnen, eine ausufernde Gewaltspirale in Gang gesetzt werden, bei der eine Tötung auf die andere folgt.

In Athen hat es anscheinend damals verschärfte Spannungen unter Adligen gegeben. Eine Zunahme von Tötungen mit scharfer Blutrache sich befehdender mächtiger Gruppierungen konnte die politische Gemeinschaft, die Polis (πόλις), gefährden. Gesetze Drakons schränkten die Blutrache ein.

Möglicherweise war insbesondere durch Gewalttaten bei der Niederschlagung des Putsches des Kylon (athenischer Adliger, 640 v.Chr. in Olympia-Sieger, besetzte mit Anhängern um 632 v. Chr. die Akropolis in Athen, um eine Tyrannis zu errichten; die Tötung im Heiligtum der Athena Polias Schutz suchender Anhänger um 630 v. Chr. galt als religiöser Frevel [»kylonischer Frevel«], da der Tempel eine Asyl-Stätte war) die Blutrache ein regulierungsbedürftiges Problem geworden.

Drakon war ein athenischer Gesetzgeber, der im 621/20 v.Chr. die ersten schriftlich fixierten »Satzungen« (θεσμοί) in Athen erlassen haben soll. Über seine Person ist ebensowenig Sicheres bekannt wie über seine Stellung als Gesetzgeber. Vielleicht war er einer der Thesmotheten (θεσμοθέται) und/oder mit besonderen Vollmachten ausgestattet.

Drakons Gesetze wurden auf nummerierten, vertikal (senkrecht) aufgehängten und um ihre »Achsen« drehbaren Holzbehälter (ἄξωνες) aufgeschrieben und öffentlich aufgestellt.

Erhalten ist ein Fragment (Bruchstück) des Blutrechts, das Gesetz über die Verfolgung der Tötung »ohne Vorbedacht« (μὴ ἐκ προνοίας).

Vorgesehen ist ein mehrstufiges Verfahren, das erstmals die Feststellung der Willensrichtung des Täters und der Tatumstände einbezog:

  • öffentliche Anklage des Täters durch bestimmte Verwandte oder Phratriegenossen des Opfers und Aufforderung, Agora (ἀγορά; der Marktplatz/das Zentrum) und Heiligtümer zu meiden

  • Verfahren vor Gerichten des Staates (der Polis), das den damit erklärten traditionellen Anspruch auf Blutarche einschränkte: 51 Richter, die ἐφέται (ephetai), entschieden über die Willensrichtung des Täters. »Könige« (βασιλεῖς [basileis]) genannte hohe Beamte – vermutlich der ἄρχων βασιλεύς [archon basileus] und die Phylenkönige – hatten die Täterschaft festzustellen und das Urteil zu fällen, das bei unvorsätzlicher Tötung auf Exil lautete. Im Exil genoß der Täter Schutz vor Rache. Er konnte sogar zurückkehren, wenn die nächsten lebenden Verwandten des Opfers einstimmig »Verzeihung« (αἴδεσις [aidesis]; zwischen den Angehörigen des vorsätzlich oder unvorsätzlich Getöteten und dem Blutschuldigen abgeschlossener, vermutlich durch einen Eid bekräftigter Vertrag über die Streitbeendigung) – vermutlich unter Zahlung eines Wergeldes – gewährt hatten.

Weitere Einzelbestimmungen folgten, z. B. Straffreiheit bei Tötung in Notwehr.

Das Gesetz über Ehebruch ließ die Tötung des Ehebrechers straffrei (Pausanias 9, 36, 8; Athenaios 13, 569 d, vgl. Demosthenes, Oratio (Rede) 23 (Gegen Aristokrates), 53). Drakon hat wahrscheinlich auch die Verfolgung der anderen Tötungsdelikte geregelt, vor allem das Strafmaß und das Verfahren bei vorsätzlichem Mord.

Nach Plutarch Solon 17, 1 – 4 stand Todesstrafe auf »Müßiggang« und Diebstahl von Feldfrüchten, ebenso auf Tempelraub.

Solon hat nach der Überlieferung alle Gesetze Drakons mit Ausnahme des Blutrechts aufgehoben (Aristoteles, Athenaion politeia 7, 1; Plutarch, Solon, 17, 1 – 4).

Weitere Gesetze Drakons (Normen über die Erziehung der Jugend, Vorschriften über Eide vor Gericht, richtige kultische Verehrung der Götter und Heroen Attikas) sind schlecht belegt und wahrscheinlich nicht authentisch (echt).

Eine Drakons zugeschriebene angebliche Verfassung (Aristoteles, Athenaion politeia 4, 2 – 5) mit einem Rat von 401 Mitgliedern, Beschränkung der Bürgerrechte auf Zugehörigkeit zu bestimmten Vermögensklassen (die mindestens als Hopliten dienenden), Anwesenheitspflicht, durch nach Vermögensklassen abgestufte Strafen eingeschärft) ist eine Erfindung späterer Zeit (Ende 5. Jahrhundert und 4. Jahrhundert v. Chr.).

Informationen:

Karl-Joachim Hölkeskamp, Drakon [2]. In: Der neue Pauly (DNP) : Enzyklopädie der Antike ; Altertum. Herausgegeben von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Band 3: Cl - Epi. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 1997, Spalte 810 - 811

Karl-Joachim Hölkeskamp, Drakon. In: Große Gestalten der griechischen Antike : 58 historische Portraits von Homer bis Kleopatra. Herausgegeben von Kai Brodersen. München : Beck, 1999, S. 79 - 83

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Michael Stahl, Gesellschaft und Staat bei den Griechen: Archaische Zeit. Paderborn ; München ; Wien ; Zürich : Schöningh, 2003 (UTB : Geschichte ; 2430), S. 219 – 226

als Ursachen für ein Anwachsen der Zahl der Rechtsstreitigkeiten in Griechenland im 7. Jahrhundert v. Chr. werden genannt:

  • Zunahme der Bevölkerung

  • dichteres Zusammenleben in den Gemeinden

  • intensivere Nutzung des Bodens

  • Landnot

  • Schuldknechtschaft

  • Ausweitung der Wirtschaftstätigkeit

  • Neuansiedlung bisher Gemeindefremder

Mit der Einführung der Hoplitenkampftaktik seien breite Bevölkerungsschichten im dauernden Besitz schwerer Waffen gewesen.

S. 220 – 221: „Im Lauf des 7. Jhs. v. Chr. haben sich in vielen Gemeinden die Möglichkeiten vervielfacht, aus denen heraus sich Gewaltdelikte ereignen konnten. Die Zahl der Tötungen dürfte erheblich gestiegen sein. Gerade die aber […] bargen das größte Störpotential für die Gemeinde insgesamt. Der Zunahme der daraus entstehenden Konflikte war mit dem vorstaatlichen Streitbeilegungsverfahren nicht mehr beizukommen. Die neue Situation überstieg quantitativ dessen Kapazität, und die barg qualitativ neue Anforderungen. Beides läßt sich am ersten Zeugnis der Rechtsgeschichte Athens ablesen, dem Gesetz Drakons.“

S. 222: „Das Gesetz Drakons zeigt, daß die bisherigen Selbsthilfe-Mechanismen und Schiedsverfahren ihre gesellschaftliche Befriedungsaufgabe nicht mehr in allen Fällen erfüllen konnten. Die gestiegene Zahl und Komplexität der Gewaltkonflikte zwang zu einem neuen Verfahren ihrer Beilegung. Kennzeichnend dafür ist einmal die Einrichtung amtlicher Instanzen, die sich mit allen Tötungsdelikten zu befassen hatten; zum zweiten die Abkehr vom Prinzip der bloßen Erfolgshaftung, daß also jeder Täter für seine Tat einzustehen und die aus der Selbsthilfe resultierenden Folgen zu tragen hatte, ungeachtet der näheren Umstände seiner Tat.“

S. 223. „Ziel der neuen Regelung war, ein unkontrolliertes Umsichgreifen gewaltsamer Konflikte zu unterbinden.“

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Moin,

aus Wikipedia:

Zudem unternahm er Anstrengungen, die bis dahin praktizierte Blutrache durch ausschließliche Zuständigkeit der Gerichte für das Sühnen von Verbrechen zu ersetzen. Die drakonische Gesetzgebung war damit ein wichtiger Schritt in Richtung auf das staatliche Gewaltmonopol.

Ein Rechtskundiger hält schon aus moralischen und logischen Erwägungen nichts davon, das im Falle eines "Unrechts" sich die Betroffenen zu den zuständigen Richtern erklären und eine Gewaltspirale anstoßen.

mfg Nauticus

Versteh ich nicht :DD

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@TwixonCG

Blutrache bedeutet, wenn jemand einen Verwandten (->Blut) von dir tötet, du dann verpflichtet bist, seinen Mörder zu töten (->Rache). Dann allerdings bist du wieder ein Mörder, die andere Familie muss also wieder Rache an dir nehmen...

Das geht dann beliebig weiter, so haben sich in Antike und Mittelalter ganze Familien gegenseitig ausgelöscht. Denker und Gelehrte wie Drakon sahen natürlich, dass dies nichts mit Gerechtigkeit zu tun hatte - irgendwann bringen sich dann Menschen um, die miteinander nichts zu tun haben und vielleicht schon wieder den Grund der Fehde vergessen haben.

Wenn ein Gericht die Verantwortung hat, kann dies erst einmal ein gerechtes Urteil fällen, ohne durch familiäre Gefühle etc. belastet zu sein. Außerdem wird so der Kreislauf der Blutrache verhindert.

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