Warum wird in Deutschland eine so verhärtete westliche Moral gelebt und jeder Andersdenkende nicht akzeptiert(siehe Genaueres im Detailbereich)?

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8 Antworten

Um Karl Popper zu zitieren: "Im Namen der Toleranz sollten wir das Recht beanspruchen, Intoleranz nicht zu tolerieren."

Viele unserer Moralvorstellungen basieren auf weit mehr, als einer Jux-Idee.

Kinderheirat bspw. - wir WISSEN sowohl Dinge über die Physiologie von Menschen, als auch über die Kinderpsychologie. Wir basieren unseren Anspruch, dass man nicht präpubertär heiraten soll, nicht bloß auf unserer juxigen Vorstellung, sondern auf der Erkenntnis, dass 1. Geschlechtsreife ohnehin mal essentiell ist, um Sex zu haben (also ist das Heiraten und sexuell Verkehren mit Kindern nicht tragbar) und 2. dass es einen Einfluss auf die Entwicklung nimmt, wenn man zu früh aufhört/aufhören muss, "Kind" zu sein.

Same goes for Lynchjustiz - unser Rechtssystem fokussiert sich auf die Resozialisierung von Kriminellen, nicht auf Rache. Das Ganze entstand nicht durch Lalelu, sondern durch einen endlos langen kognitiven und psychologischen Prozess, hinter dem unzählige Köpfe stehen, die sich ganz bewusst über ihr "Ego" hinweggesetzt haben.
Die ganze Moralphilosophie als solche kann man nicht einfach auf der Basis von "Geh, ich mag aber nicht..." relativieren - ob's einem nun passt, oder nicht.

Sprich: Eine durchdacht haltbare Argumentationsführung zu gewissen Themen für von bereits mehr als nur erwähnten Punkten unumstößlich zu halten, ist kein Fehler. Europas Systeme basieren auf dem Utilitarismus - und damit auf dem Wunsch nach dem Gemeinwohl für die größtmögliche Anzahl an Menschen.
Wenn mir also jemand entgegen tritt und ein Bild vertritt, das zwar ihn, nicht aber einen Großteil der restlichen Bevölkerung begünstigt, so kann ich mit Fug und Recht behaupten, das System basiere zu sehr auf seinem Ego und ist daher nicht gut durchdacht. Außer natürlich, wir wollen uns unbedingt unter eines Diktators Gutdünk stellen - ich verzichte dankend.

Wichtig: Wir sind nicht prinzipiell so unflexibel, wir sind es in manchen Dingen. Bei den Menschenrechten unflexibel zu sein, ist völlig legitim.

Aber verbieten wir den Türken, dass sie lieber Shisha rauchen, als Wein zu trinken?
Verbieten wir den Japanern ihre Verbeugung nur, weil man sich bei uns die Hand gibt?
Verbieten wir es einem Nepalesen, dort wie hier Alpakas und Yaks zu halten? Gut, hier haben wir Tierschutz- und -haltungsbedingungen, an die hat man sich zu halten - aber abseits davon: Nö.

Die Debatte unserer Moral ist keine, die erst seit gestern geführt wird - und ich will nicht sagen, unsere sei makellos (bei GOTT nicht) - aber dennoch ist gerade die Argumentationsführung "Lynchjustiz oder Resozialisierung" schon längst abgeschlossen. Man braucht sich ja nur durchlesen, wie's mit der Kriminalität im Mittelalter aussah - da hatten wir noch ein Rach- und Strafsystem, anstelle des jetzigen. (das außerdem ohnehin nicht jeglichen Strafcharakters vollständig entbehrt).
Erfolge erzielte man anders - und die sind verzeichnet. Lies dir mal die Kriminalstatistiken zu Skandinavien durch - es sind diese Staaten, bei denen sich ständig die halbe Welt beschwert, dass die "Gefängnisse viel zu hübsch" seien. Und allen kann man nur entgegen halten: "If it works, it ain't stupid."

Darüber, dass der werte Westen sich jedoch ständig in fremde Länder begibt und den großen kulturellen Erlöser spielt, kann man meiner Ansicht nach jedoch absolut streiten. Das war zu Zeiten der Kolonisation fragwürdig und ist es auch jetzt noch - hier stellt sich aber nun einmal das Dilemma in Sachen "Selbstbestimmung eines Staates" vs. "Selbstbestimmung der Person". Rein rechtlich habe ich in der Gesetzgebung eines Staates nun einmal nicht herumzupfuschen - wie man aber vorgeht, wenn man weiß, dass in einem Staat Dinge getan werden, die mit der Genfer Konvention nicht übereinstimmen, ist eine sehr sehr heikle Frage. (Sieh hierzu: Truman-Doktrin)
Das Problem hierbei stellt allerdings weniger das Dilemma selbst dar - in heutigen Zeiten - sondern eher, dass die Frage der Moral häufig auf die selbe absurde Art als Schleier vorgeschoben wird, wie vor x Jahren das Christentum bei den Kreuzzügen.

Sind die USA tatsächlich wegen der Menschenrechte im Irak oder in Vietnam gewesen? Nun ja... man kann streiten.
Sind die tollen Benefizleistungen, die Europa jährlich in afrikanische Länder pumpt, ohne aber damit aufzuhören, besagte wirtschaftlich auszubeuten, tatsächlich der Versuch, etwas "besser" zu machen? Meh.

Insofern stellt sich weniger die Frage, warum unsere Moral deren Moral nicht akzeptiert, sondern warum wir zwar einerseits bei uns eine Moral durchsetzen, die für's Wohle aller gedacht ist, aber das selbe woanders kein bisschen tun.

Funmichi, aus deiner Frage geht letztlich nur hervor, dass Du den Begriff "Moral" nicht so recht verstehst.

Das Wort geht auf eine der obersten Rechtsgrundlagen der römischen Gesellschaft zurück, die  "Mos majorum" hieß - die "Sitte der Vorfahren". Das ist zwar in allen Kulturen so, aber die Römer haben es als erstes Volk in Europa verbindlich formuliert.

Der antiken lateinischen Literatur ist zu entnehmen, dass dieses Verharrungsprinzip bei der Gesetzgebung und im Rechtswesen in Zweifelsfällen immer den Ausschlag gab und den Zuschlag erhielt. Ein Verstoß gegen das Althergebrachte war un-sittlich. Deshalb wurde es in der Regel durch Beschluss verworfen. Erst durch den gefasssten Beschluss - wie das auch immer vorging - wurde aus der Moral ein Recht. Das ist noch heute so.

Wenn ein Beschluss nicht im Einklang mit dem Althergebrachten steht, besteht die Gefahr, dass er nicht durchsetzbar ist - er "greift nicht". Dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Fallen lassen oder Zwang. Dies ist ein wichtiger Grund, warum Gesetze nicht beliebig änderbar sind. Denn das Althergebrachte ist weitgehend veränderungsresistent.

Problematisch wird die Situation, wenn sich auf gleichem Territorium  verschiedene Gruppen mit unterschiedlich kulturellen Vergangenheitwerten durchmischen, die nicht kompatibel sind. Jeder kann nur auf den Verhaltensnormen aufbauen, die er mitgebracht hat. Deshalb entscheidet in solchen Fällen weniger der Nutzen, als vielmehr die Macht.

Ein historisches Beispiel ist das Einsickern römischer Rechts- und Gesellschaftsnormen in das Territorium der Germanen. Nach deren Gesellschaftsnormen war die Jagd, Weide, Fischfang, freies Allgemeingut. Das war nicht kompatibel mit der verbindlichen Auffassung der Römer. Für die waren die drei Resourcen Herrengut. Die Folgen sind bekannt: Die Germanen nahmen dankbar an, was die Römer so hatten, wischten sich das Maul ab, und sahen sich um, was es noch so gab. Als ihnen aber die Römer ihre Vorstellung von Recht und Ordnung präsentierten, gab es den gewaltigen Ärger mit bekanntem Ausgang: Sie konnten es nicht durchsetzen.

Erst 1000 Jahre später gelang das: Friedrich Barbarossa, der genauso wie seine Vorgänger im Amt pausenlos zu Pferd unterwegs war, durch sein Reich und von einem seiner Höfe zum anderen ritt, hatte ein römisches Gesetzbuch aus Konstantinopel unter dem Arm, und - wurde dafür gefeiert!

Das gleiche spielte sich in Britannien ab, und verlief doch anders: Die Normannen kamen mit ihrem römischen Recht aus Gallien, die Britannier rannten in den Wald, leisteten erbitterten Widerstand, und wurden brutal enteignet. Die neuen Herren aus Frankreich katalogisierten jeden Pferdeapfel - alles uns!

Ich weiß, Funmichi, dass es dir nicht um Jagd, Weide und Fischfang geht, sondern um die warmen Betten mit was drin. Doch auch das ist letztlich nichts anderes als eine Resource. Vielleicht sogar die wichtigste. Sie wird aus dem gleichen ererbten Rechtsverständnis so erbittert verteidigt, wie seinerzeit der Teutoburger Wald mit seinen Wildschweinen, und zwar von jeder Seite! Es war ein gebildeter Türke, der vor 15 Jahren in einm deutschen Netzwerk erklärte: "Wir lassen uns unser Sitten und Traditionen nicht nehmen." Er meinte damit Dasselbe wie Du.

So. Nun kannst Du vielleicht abwägen, wie Du das Land seinen Leuten am besten abschwätzen kannst. Indem Du ihnen ihre Moral madig machst, von wegen der Nützlichkeit und Toleranz und so - oder ob Du dich einfach über ihre gewachsenen Normen hinwegsetzt und mit Bomben schmeißt, wenn dich jemand daran hindert. Alles war schon erfolgreich. Es ist immer nur eine Frage des rechten Augenblicks.

Du mußt schon lange suchen, bis du eine Moralvorstellung findest, die in Deutschland nicht akzeptiert, oder zumindest toleriert, wird (von Straftaten mal abgesehen). Das bedeutet aber natürlich nicht, daß jeder dies Vorstellung auch automatisch teilt.

Was das mit Krieg zu tun haben soll erschließt sich mir jetzt allerdings nicht.

Funmichi 22.01.2017, 09:50

Naja, ein Beispiel habe ich ja schon in meiner Detailbeschreibung aufgezeigt. Es ist die Verheiratung von Minderjährigen und die Polygamie. Das hat mit Krieg das zu tun, dass zwei Interessengruppen, die unterschiedliche Moralvorstellungen haben, beide von ihren eigenen überzeugt sind und diese auch durchsetzen wollen. Perfekte Keimzelle für Krieg weil diese zwei Gruppen durch ihre Unterschiede niemals friedlich zusammenleben können. Auch wenn zB der IS vom Westen als Terroristen wahrgenommen werden, sind sie trotzdem eine Gruppe mit unterscheidlciehn Vorstellungen. Wären die anderen, die von ihnen bekämpft werden, ebenfalls gleicher Meinung, wären sie plötzlich keine Terroristen mehr weil sie akzeptiert werden würden.

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tryanswer 22.01.2017, 10:28
@Funmichi

Auch in hierzulande dürfen Minderjährige (ab 16 Jahren) mit zustimmung der Eltern heiraten. Was nun Polygamie betrifft, solche Ehen werden in Deutschland nicht geschlossen, jedoch können Ehepartner solcher Ehen vor deutschen Gerichten Unterhaltsansprüche, welche aus einer solchen Verbindung resultieren, geltend machen. Es ist ebenfalls nicht verboten eine Kommune zu gründen und in ihr ehegleich zu leben - wenn man das denn möchte.

Wären die anderen, die jetzt den IS bekämpfen der gleichen Auffassung wie der IS, würde sich im Grunde nicht ändern. Nur die Terrororganisation wäre größer.

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OlliBjoern 22.01.2017, 19:31
@Funmichi

Den Zusammenhang zwischen Polygamie und Krieg sehe ich nun nicht wirklich. Manche Mormonen in den USA haben polygame Einstellungen, ohne dass es deswegen zum Krieg gekommen wäre.

Und das hauptsächliche Problem beim IS ist ja nicht die Polygamie.

Kriege haben meines Erachtens nach oft recht wenig mit unterschiedlichen Moralvorstellungen zu tun. Oder wo würdest du in dem Konflikt in der Ostukraine "unterschiedliche Moralvorstellungen" verorten?

Ich sehe das eher so, dass beide Seiten (Westukrainer und russlandfreundliche Ostukrainer) sehr ähnliche Moralvorstellungen haben. Dass man eben "für seine Sache" kämpft. Darin sind sie sich ähnlich, sie stehen nur auf verschiedenen Seiten.

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Denn wie wir alle wissen, sind viele Moralvorstellungen aus relöigiöser Motivation gekeimt

Völlig falsch. Die wesentlichen moralischen Eckpfeiler, die unserer gesellschaftlichen Gemeinschaft und unserem Rechtssystem zu grunde liegen, sind säkular. Also ohne Basis in religiösen Überzeugungen, oft sogar gegen dessen erbitterten Widerstand errungen.

Es gibt im Grunde eine ganz einfache Grundformel für Moral:

Was nutzt es dem Menschen zu seinem Wohlergehen?

Unter dieser Prämisse, dass alles Handeln dem Wohlergehen des Menschen unterworfen zu sein hat, lassen sich viele moralische Fragen zuverlässig beantworten. Das schließt dann eben Kriege, Lynchjustiz und Kinderheirat aus.

Es läuft dann auf den Kant´schen Imperativ hinaus. Mehr braucht es eigentlich nicht.

Eine menschengerechte Moral ist die Basis eines gedeihlichen, friedlichen und menschenwürdigen Daseins.

Was glaubst Du denn, warum das KINDER-Heirat und LYNCH-Justiz heißt?

Wir schützen Menschen, die abhängig, wehrlos, krank sind oder die Folgen ihrer Handlungen nicht überblicken können.

Jeder Mensch hat Menschenrechte. Zum Beispiel auf körperliche Unversehrtheit oder einen fairen Prozeß. Jeder Mensch ist unschuldig, solange seine Schuld nicht erwiesen ist.

In der Polygamie sind die Frauen wirtschaftlich und sozial von den Ehemännern abhängig. Umgekehrt wird den Frauen nicht das selbe Recht eingeräumt. Also handelt es sich um Diskriminierung.

Hm, das würde ja auch heißen du würdest es begrüßen, wenn es Leute gebe, die dich für diese Frage lynchen wollen würden... Wäre zumindest konsequent.

Zeig mal eine Alternative auf, dann sehen wir weiter. Bloße Nörgelei ist nicht zielführend.

Ich dachte, der IS möchte uns - also den christlichen Westen mit seiner Werte- und Moralvorstellungen - "bekehren".

Vielleicht verdrehst du hier etwas?

Funmichi 22.01.2017, 09:51

Ja es geht auch so herum, aber trotzdem lese ich oft von Kritik in den Medien über andere Kulturen wie zB Kinderheirat.

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Falkenpost 22.01.2017, 09:57
@Funmichi

Kritik ist OK und dient als Denk-Anregung zur Diskussion über die Lebensweise. Andere wollen nicht darüber schreiben oder reden, sondern lieber Bomben und töten.

In unserer freien Welt kann man wenigstens darüber reden, woanders würdest du für deine freien Gedanken getötet oder eingesperrt.

Also beruhige dich mal und genieße deine Freiheiten hier.

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