Warum wird die Historizität von Paulus nicht in Frage gestellt, obwohl es eigentlich keinen Beweis seiner Existenz gibt?

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Warum sollte man die Historizität von Paulus anzweifeln? Selbst wenn man sämtliche Quellen für seine Existenz außen vor ließe und nur die Briefe analysieren würde, die ihm zugeschrieben werden, würde man feststellen, dass zumindest ein Teil davon sich glaubhaft auf einen gemeinsamen Autor zurückführen lassen und der Kontext der Briefe sowohl eine Datierung zwischen den 40er- und 60er-Jahren zulässt als auch eine innere Chronologie, die auch eine Entwicklung der paulinischen Theologie aufzeigt. So kann man z.B. sehen, dass Paulus den Thessalonichern noch geschrieben hatte, die Körper der Toten würden in Fleisch und Blut wieder auferstehen, während er den Korinthern - schon in Antwort auf Kritik an seiner Predigt - von einem "verklärten Leib" spricht. Der Glaube an eine fleischliche Auferstehung war im Judentum des 1. Jahrhunderts weit verbreitet, später wurde diese Vorstellung auch im Judentum abgelöst. Eine Fälschung, die noch dazu wesentlich später entstanden wäre, als das Leben Pauli gemeinhin datiert wird, ist eigentlich so gut wie ausgeschlossen, da der Schreiber viel zu genaue Kenntnisse der damaligen Lebensrealität und Denkwelt hätte mitbringen müssen, als dem damaligen Stand der "historischen Forschung" möglich gewesen wäre. Man hätte die Briefe schlicht nicht so perfekt fälschen können, wie es nötig gewesen wäre.

Sehr aufschlussreich, den Aspekt der "Glaubensevolution" habe ich garnicht bedacht. Vielen Dank für die Antwort =)

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Es gibt aber Bezugnahmen auf Paulus von Autoritäten, die Paulus gekannt haben, z.B. Clemens, Bischof von Rom (ein Schüler von Paulus), der auf seine Briefe Bezug nahm.

Die Apostelgeschichte nach Lukas ist völlig unabhängig von den Paulusbriefen und beschreibt fast ausschließlich die Missionstätigkeit von Paulus zu einem Zeitpunkt als die meisten erwähnten Personen noch lebten. Auch in sehr frühen Apokryphen wie z.B. "Die Taten der heiligen Thekla" kommt Paulus ausführlich vor. All diese Verifizierungen der Existenz Paulus sind wesentlich zeitnaher an Paulus als z.B. die Evangelien an Jesus.

nun, man kann schwer anzweifeln, dass irgendjemand diese Texte geschrieben haben muss, die als Paulus-Briefe bekannt sind. Und diesen irgendjemand nennt man üblicherweise Paulus oder ggf. Pseudopaulus bei denen, die aus der Rolle fallen.

Was es sehr wohl gibt sind Theorien, dass Paulus eine ganz andere Person gewesen ist, als die Christen glauben sollen.

Am spannendsten (und auch gut begründet) find ich die These, dass Paulus ein Alias bzw. Pseudonym des Flavius Josephus war, dass also diese Briefe von Flavius Josephus geschrieben wurden, wahrscheinlich mit dem Ziel die Jesus-Jakobus-Gemeinde politisch zu manipulieren.

Es gibt dann sogar noch die weitergehende These, dass sowohl Flavius Josephus als auch Saulus und Paulus Aliase oder Pseudonyme bzw. Lebensabschnitts-Decknamen oder Tarnidentitäten des Jochanan ben Sakkai (auch Yohanan ben Zakkai ) sind.Über die Personen Paulus, Josephus und Jochanan sind bzgl. des Lebenslaufes jeweils nur Bruchstücke bekannt, die sich durchaus zusammensetzen lassen, zumindest wenn man gewissen Manipulationen bei der Datierung der damaligen Ereignisse für mögliche hält.

Ralph Ellis hat mehrere Bücher mit Belegen für diese Identität geschrieben, das kann ich hier natürlich nicht wiedergeben. Nur kurz zu den Lebensjahren und Namen:

Paulus von Tarsus, soll von circa 5 bis circa 67 gelebt haben; Paulus heisst "der Kleine" und ist ein Spitz- oder Tarnnamen.

Joseph ben Mathitjahu ha Kohen, soll von 37 0der 38 bis ca. 100 gelebt haben, bekam erst später den Namenszusatz "Flavius" wegen seiner Verbindungen zum flavischen Kaiserhaus.

Jochanan ben Sakkai, circa 30 - circa 90

Es bezweifelt auch kaum ein ernsthafter Historiker die Existenz von Jesus ("Streit" gibt es erst ab der Auferstehung), einfach weil es genug christliche, jüdsche und römische Quellen git, die davon berichten.
Bei Paulus gibt es keine so klare Quellenlage (da nur christliche Quellen von ihm berichten), aber auch keinen Grund an seiner Existenz zu zweifeln.

Aber wer unqualifiziert die Grundlagen des Christentums in Frage stellen will greift natürlich Jesus an und nicht Paulus.

Hi,- Gegenfrage als Querdenker: wieso hängt die Analyse zu Sinn oder Unsinn in der Aussage eines  Textes oder einer Textsammlung von der Zuordnung zu einer Person ab (außer für Religionshistoriker)?

Was macht den Unterschied bei der Textanalyse ob diese Person "historisch real" oder als "Sammelpseudonym" mehrerer (anonymer) Verfasser zu verschiedenen Zeiten einzuordnen ist (was für Geschichtsschreibung - auch kirchlich)  ja nichts Ungewöhnliches wäre (außer für Religionshistoriker)?

Geht es also um die Be- und Auswertung der Entwicklung einer Person oder religionssystematischer / - historischer Aussagen?

Gruß

Mir geht es in diesem Falle tatsächlich eher um die Person. Es hat mich einfach überrascht, dass auch religionskritische Menschen und sogar Atheisten die Historizität von Paulus so gut wie niemals in Frage stellen, obwohl er ja von der Thematik Christentum/Religion/Glaube nicht zu trennen ist. Die einzige mir bekannte Seite, auf der Paulus kritischer hinterfragt wird, ist die englische "Rationalwiki" - und selbst die erkennt an, dass mindestens sieben der Paulusbriefe einen gemeinsamen Autor haben, ob er nun Paulus hieß, oder nicht.

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@LordofDarkness

Ja,- das kann ich nachvollziehen. Bei der Erforschung von Religionen, sowohl als Gesamtphänomen wie auch als spezifische Ausformung sind natürlich auch Personen in ihrem jeweiligen historischen gesellschafts- und gruppenfunktionalen Kontext wie auch mit ihrem persönlichen Werdegang oft ein wichtiger Faktor. Da spielt das Interesse an einer bestimmten Person zur Erforschung des "Wieso-Warum-Weshalb" schon eine wichtige Rolle. Und auch die Frage ob Dokumente eher fragmentarisch- dezentral oder zentral und ob durch Personen oder Institutionen entstanden sind ist da nicht unbedeutend.

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