Warum werden momentan noch härtere Sparmaßnahmen beim Gas gefordert?

7 Antworten

Um bestimmte Zusammenhänge besser zu verstehen, sollten bestimmte Grundinformationen vermittelt werden.

Im Energiesektor gibt es unterschiedliche Akteure. Diese stehen untereinander in Handels- und Geschäftsbeziehungen.

Wir können grob unterscheiden:

  • Akteure ohne technische Anlagen (reine Händler in Büros)
  • Akteure mit technischen Anlagen (die auch Händler sein können)

Akteure mit technischen Anlagen stellen den Händlern ihre Anlagen zur Buchung zur Verfügung. Das ist zum Beispiel der Fall bei:

  • Übergabestellen für die Lieferung/Empfang
  • Leitungen und Leitungssysteme für den Transit
  • Speicher für die Einspeicherung von Energieträgern

 Jeder Akteur hat seinen eigenen Bilanzkreis.

In dem Moment, wenn Energieströme Bilanzkreise wechseln, treten also Geschäftsbeziehungen zwischen den Akteuren auf.

Es ist also nicht möglich, dass ein Akteur irgendwelche Energiemengen bilanzkreisübergreifend bewegt, ohne dass ein Partner für das Gegengeschäft da ist.

Wenn man das erst mal verstanden hat, sind die Erzählungen, dass der Gasspeicherbetreiber Gasprom seinen Speicher in Rehden vorsätzlich nicht gefüllt habe, neu einzuordnen.

Schließlich liegt zwischen Lubmin und dem Gasspeicher in Rehden die 440 km lange Norddeutsche Erdgastrasse (NEL) mit einer Kapazität von bis zu 21,8 Mrd. m³/Jahr.

Wenn keiner für das Gegengeschäft den Speicher gebucht hat, dann kann der Speicher auch nicht eigenmächtig gefüllt werden.

Schließlich ist es nicht abwägig zu vermuten, dass von den Gashändlern bewußt oder unbewußt der Speicher Rehden nicht gebucht wurde, um - ggf. - keine Geschäftsbeziehungen mit Gazprom einzugehen.

Um die Gesamtsitation der Speicherfüllstände von 24 % im Februar 2022 (historisch hatten wir schon 14 % bei geringerer Speicherkapazität gesehen) zu verstehen, müssen wir weiter in das Jahr 2020 zurück gehen:

Aufgrund der Coronamaßnahmen wurde weltweit die Wirtschaft heruntergefahren, wozu es zu einem Überangebot an Energieträgern gekommen ist mit der Folge, dass die Preise dafür in den Keller sanken. Zu diesem Zeitpunkt war es lukrativ, sich die Energie am Spotmarkt zu beschaffen, was auch zahlreiche Gashändler getan haben.

In 2021 begann sich dann langsam das Blatt zu wenden. Die Gashändler hofften jedoch auf eine Preiserholung und zögerten mit der forcierten Befüllung der Gasspeicher.

Spätestens zum Zeitpunkt, als die CO2-Zertifikate durch die Politik verteuert wurden, war klar, dass das mit einem neuerlichen Preisrückgang nichts mehr wird.

Jetzt kann jeder selbst bewerten, was der wahre Grund für den Stand der Speicherbefüllungssitation im Februar 2022 gewesen ist.

Polen hatte Ende 2021 seine Verträge mit Russland gekündigt und bezieht seit Anfang 2022 Gas aus Deutschland über die Jamaltrasse, welche dazu im Reversemodus betrieben wird.

Warum bricht der Gasfluss aus der NordStream-Pipeline ab Mitte März ein?

Richtig ist:

Ab Mitte März herrschten in Deutschland ungewöhnlich hohe Temperaturen; an manchen Tagen wurde es wärmer als 20 Grad. In der Folge wurde weniger geheizt.

Die Gasnetzlieferanten reagieren darauf in der Regel, indem sie weniger Gasmengen anmelden.

In der Fachsprache heißt das „nominieren“. Der Gasverbrauch ist stark von der Temperatur abhängig. Der Winterbedarf liegt ungefähr achtmal höher als der im Sommer.

In Politik und den Propagandamedien hören wir dauernd von Drosselungen.

Wenn dem so wäre, müssten bei den Nominierungen und den tatsächlichen Gasflussmengen unterschiedliche Werte vorliegen.

Wann bitte ist das der Fall gewesen?

Bei den Schattendiskussionen um die Gasturbine sollte man mal in die Veträge gucken, was dort als Erfüllungsort steht, bevor man hier irgendwelche Nebelkerzen setzt.

Man sollte dazu wissen, dass bei Verträgen im Energiebereich grundsätzlich Basemengen vereinbart werden, die gesetzt sind, also abgenommen werden müssen und im Fall der Nichtabnahme dennoch eine Bezahlung erfolgen muss.

Darüber hinaus gibt es die Option der Anmeldung von Spotmengen, die zu anderen Preisen bereitgestellt werden können.

In keinem Vertrag steht, dass Kapazitäten immer an der Kapazitätsgrenze zu betreiben sind.

Interessant wäre in diesem Zusammenhang eine Offenlegung der Veträge, wie dort die Basemengen vereinbart sind.

Auch ist es unlogisch, dass mehr geliefert wird als nominiert wurde, da ja danach ein finanziellebn Gegenschäft getätigt werden muss.

Im Ladengeschäft ist das auch nicht anders, nur was bestellt wurde, geht über die Theke.

In den Propagandamedien und der Politik wird immer wieder lautstark beklagt, dass Russland nicht über die Jamaltrasse via Belarus - Polen - Deutschland (Mallnow) Gas liefert

(vgl. dazu Protokoll Bundestag 20. Wahlperiode – 47. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 7. Juli 2022,

  • Redner: Robin Mesarosch (SPD) Seite 4913 oder
  • Redner : Ralf Lenkert (Die Linke, Seite 4916 oder
  • Redner: Olaf in der Beek (FDP), Seite 4918)

Politik macht sich nachweislich die Welt, wie es ihr nach Pippi-Langstrumpf-Manieren gefällt.

Richtig ist:

Der reale Gasfluss an den Grenzübergangspunkten zwischen zwei Ländern ergibt sich aus den Nominierungen.

Nominierungen werden die Transportbestellungen der einzelnen Transportkunden genannt und spiegeln die Nachfrage nach Erdgas wider. Nominierungen können als Im- und Export gebucht werden.

Seit Jahresanfang verläuft der Gasfluss in Mallnow überwiegend von Deutschland nach Polen. Das Gas wird also exportiert. Die importierte Menge Gas ist dann Null.

Technische Beschränkungen, die zu einem verringerten Gastransport führen, können etwa Wartungs- oder Instandhaltungsarbeiten an den betreffenden oder vorgelagerten Anlagen sein.

Wenn man also NS1 nicht weiter nominiert und Jamal weiter reverse betreibt, müssen die Importe aus anderen Quellen erfolgen.

Das sind maßgeblich:

  • Transgasnettrasse Russland via Urkaine - Slowakei - Tschechien - Osterreich - Deutschland
  • Norwegen
  • Niederlande

Was also nicht über Norwegen und den Niederlanden kommt, fällt überwiegend auf die Transgasnettrasse.

Es ist natürlich unschwer zu erraten, was der Hintergrund der Umlenkung der Volumenströme ist (Stichwort: Transitgebühren).

Die Einspeicherungsenergiemengen in die Gasspeicher können hier entnommen werden:

https://agsi.gie.eu/historical/DE

Die Sparmaßnahmen fußen auf angenommenen, noch nicht eingetretenen Szenarien und sind im Kern hausgemacht.

Das will nur keiner eingestehen.

Woher ich das weiß:Berufserfahrung

Sehr gut argumentiert. Diesen Bericht mal Herrn Habeck schicken, damit er überhaupt versteht was Sache ist.

Derzeit lässt Putin Tag für Tag Öl im Wert von Millionen US Dollar abfackeln, weil das Öl nicht nominiert wird, oder eben als "Racheakt" Putins zu sehen ist.

Zudem bin ich der Meinung, dass diese von Habeck erdachte Gasumlage völlig überflüssig ist. Freilich stehen jetzt Kandidaten die tiefschwarze Zahlen in ihren Bilanzen schreiben auf der Plattform und glauben, Anspruch auf Milliarden Euros aus dem Gasumlage Pool zu haben. Mal sehen wie Habeck aus dieser Sache herauskommt und vorallem welche Ausreden ihm dazu einfallen.

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Die Gasspeicher sind nur dafür ausgelegt, Nachfragespitzen auszugleichen und in Phasen, in denen mehr Gas verbraucht als geliefert wird, die Versrogung sicherzustellen, deren Dimensionen reichen aber nicht einmal ansatzweise, um einen auch nur teilweisen Lieferausfall für mehr als ein paar Wochen ausgleichen zu können.

Bekanntlich hat Russland die Liefermengen drastisch gekürzt, zusammen mit dem, was auf anderen Wegen ins Land kommt, reicht diese Gasmenge eben nicht, um den im Winter höheren Bedarf zu decken und auch die Menge in den Gasspeichern kann das nicht kompensieren.

Normalerweise sind die Speicher so gefüllt, dass kurze Engpässe überbrückt werden können. Kommt genügend Gas aus der Leitung, dann ist ja auch alles gut.

Aber was, wenn überhaupt kein Gas mehr ankommt?

Momentan reicht die Lieferung, um den aktuellen Verbrauch zu sichern und zusätzlich täglich ca. 0,6 % in die Lager zu füllen.

Ist der Gashahn aber zu, dann gibt es diesen Überschuss nicht mehr und der Gesamtverbrauch muss aus den Lagern entnommen werden. Das dürfte merklich mehr sein als die popeligen 0,6 %, die wir gerade Tag für Tag einlagern.

Gasspe8cher sind da, um den hohen Verbrauch abzufedern. Im Winter kommt etwa 60 Prozet unseres Gasspeichers aus den Tanks.

Wenn wir jetzt also davon ausgehend, dass wir im Winter damit leben müssen, schaffen wir es vielleicht wir lange? Ein Viertel Jahr? Ein halbes Jahr? Joah, das wäre ja doof. Dass man eine Puffer hat, heißt nicht, dass man ihn riskieren sollte.

Im Winter möchte niemand im kalten sitzen, wodurch der Verbrauch sich erhört. Das ist die logische Erklärung, warum wir jetzt schon anfangen müssen Energie zu sparen. Ideal wären 100% und die müssen wir vor dem Herbst gefüllt bekommen haben. Wäre ziemlich blöd, wenn wir uns jetzt entspannen, uns im Winter zurücklehnen und das Gas nur für ein paar Wochen hält.

Energie "sparen"? Du glaubst doch nicht im ernst, dass sich alle Bürger daran halten werden. Reichen kann es egal sein, wohlhabende reduzieren sich vielleicht etwas oder sparen an anderer Stelle und der Rest (offen und ehrlich) lebt so oder so schon am Limit. – Kurz gesagt: Das wir den Verbrauch wirklich so stark senken, dass wir den Winter ohne Probleme überstehen, wird verdammt eng.

Die einzige Lösung, um Energie effektiv zu sparen, welches sich auch bei der Bevölkerung im Geldbeutel bemerkbar machen würde, demonstriert uns Spanien als Paradebeispiel. – Mit der FDP kann man sich das allerdings abschminken.

Die aktuellen teuren Preise sind lächerlich. Was auf uns noch zukommt wird interessant. Es wird selbst am Ende diesen Monats ziemlich spannend werden an der Zapfsäule, da jeder versuchen wird ein letztes mal für unter 2€ voll zu tanken. Die hohe Nachfrage wird den Preis unnötig weiter in die Höhe pushen.

Es gibt viele Lösungen und Wege Energie zu sparen. Dummerweise leben wir in Deutschland, wo reagiert statt agiert wird. Die dramatischen Schlagzeilen und mitreißenden Nachrichten tragen nicht sonderlich zur Aufklärung, geschweige Beruhigung, der Bevölkerung bei.

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