Warum werden Kindern an heutigen Gymnasien Latein und Griechisch nicht richtig gelehrt?

8 Antworten

Interessante Frage, die ich mir damals in der Schulzeit auch oft gestellt habe. Warum können Lateinschüler auch nach Jahren Latein nicht richtig, während Französischschüler Französisch in Wort und Schrift ganz gut beherrschen am Ende der Schulzeit? 

Als ich meine Lateinlehrerin mal gefragt habe, kam zur Antwort, dass dafür keine Zeit wäre. Aber das glaube ich nicht, viel eher scheint es einfach nicht Ziel des Lateinunterrichts zu sein, Latein als lebendige Sprache zu lernen. Tatsächlich war das früher aber noch anders, aber da wurde Latein auch noch gesprochen oder war zumindest eine wichtige Sprache in der Wissenschaft. 

Ich denke, der Grund dafür ist, dass Latein heute eine tote Sprache ist. Das Schulsystem erachtet es daher auch nicht für notwendig, Latein sprechen zu lernen. In der Schule lernt man ja nicht mal die lateinische Aussprache (bzw. die verschiedenen Aussprachen) oder Betonung wirklich. Klar, man schneidet die Themen kurz an, aber das war's dann auch. Für Schullatein sind aktive Fähigkeiten wie Sprechen und Schreiben zweitrangig. Was dann herauskommt, sind Schüler, die zwar jahrelang Latein gelernt haben und nach langem Überlegen extrem komplizierte lateinische Sätze übersetzen können … aber trotzdem nicht fähig sind, auf Anhieb einen Satz in dieser Sprache zu bilden. 

Mich hat das auch immer sehr frustriert, meine Freundin hingegen fand es toll, weil der Lateinunterricht nie von ihr verlangt hat, dass sie ein Wort spricht. 

Ich nehme an, diese Begründung befriedigt dich nicht, aber eine andere fällt mir auch nicht ein. Mit Latein ist es halt so eine Sache: Ich gehe davon aus, dass die Schule denkt, sie würde Latein richtig lehren, weil sprechen ja nicht notwendig ist (-> tote Sprache). Für Schüler, die Latein jedoch in Wort und Schrift beherrschen wollen, ist der schulische Lateinunterricht aber ein ziemlich langweiliger und frustrierender Weg. 

Vorschlag an dich: Wenn du Latein wirklich lernen willst, sodass du nicht mehr nachdenken musst beim Übersetzen, dann fange an, Bücher auf Latein zu lesen und dir das analysierte Übersetzen zu "verbieten" (außer bei Prüfungen natürlich!) Ich habe in meiner Schulzeit auch einfach immer wieder versucht, Sätze auf Anhieb zu übersetzen, während andere weiterhin sorgfältig Satzteile "zusammengebastelt" haben. Nach einigen Wochen ging das dann schon deutlich besser und später kann man das auch in den Prüfungen so machen. Damit spart man nämlich eine Menge Zeit. ;) Du könntest auch einem lateinischen Chatraum oder Club beitreten, um die Sprache schreiben zu lernen. 

Ein Kumpel von mir hat in seiner Schulzeit angefangen, Gedichte und Geschichten auf Latein zu schreiben. Endergebnis: Er konnte Latein tatsächlich fließend sprechen und schreiben, allerdings erforderte dies viel Eigeninitiative, denn die Schule legt den Fokus nun mal auf andere Dinge. 

Wikipediaartikel kann ich schon lesen. Gerade bin ich an Vergils Aeneis dran - nicht gerade leicht.

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@RotkehlchenBirk

Das ist sehr gut. :) Behalte diese Motivation unbedingt bei. Denn auch wenn die Schule sich nicht drum schert, wird sie dir bei Prüfungen letzten Endes doch viel bringen.

Ich fand Tacitus auch immer sehr schwer, falls du eine Herausforderung brauchst. Möglicherweise fällt dir Tacitus aber auch leicht und ich stelle mich einfach unfähig an. ;D

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Die Weisen (sag ich mal so) aus dem späten Mittelalter bis in die Neuzeit hinein hatten Zeit, Latein und Griechisch auch sprechen zu lernen, weil sie dann nämlich nachher erst selbst all die zusätzlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse in Mathematik, Natur- und Geisteswissenschaften er- oder gefunden haben, mit denen sich die Schüler heute zu plagen haben. Ich bin auch für Latein in der Schule; aber man muss die Kirche im Dorf lassen.

Auch Herr Heisenberg selber hat für viel Stoff gesorgt, den man heute in der Schule durchnehmen muss und der dann auch Zeit kostet.

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NB: Kinder wird eine Sprache gelehrt. (Doppelter Akkusativ)

Dieser hatte komischerweise die Zeit und das Wissen sich diese Sprachen so anzueignen um auch darin anspruchsvolle Texte lesen zu können.

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@RotkehlchenBirk

Ich hab's dir doch gerade erklärt. Er hatte die Zeit. Ihr habt sie nicht, weil er und seine klugen Zeitgenossen seit damals den Schulstoff ungeheuer aufgebläht haben.
Wollte man das studium generale so betreiben, wie er es noch kannte, müsste die Schulzeit um mindestens drei Jahre verlängert werden. Das wollen nicht einmal die Schüler, obwohl sich viele wenigstens gegen den Versuch gewehrt haben, sie zu verkürzen, was ja ja gerade versucht worden ist.

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Bevor der Sturm losgeht, da ich zu wenig Zeit hatte, die Sache mit dem Lehren noch unterzubringen, ich war schon in der Editierphase:

"lehren" ist eins der wenigen Verben im Deutschen, die einen doppelten Akkusativ bei sich haben: ich lehre dich eine Sprache.
(Es ist also doppelt transitiv.)

Die dann möglichen 2 Passive heißen, so seltsam es sich auch anhört (deshalb nutzt es ja auch keiner, und wenn, dann falsch):

  1. Du wirst eine Sprache gelehrt.
  2. Dich wird eine Sprache gelehrt. (Daher meine Bemerkung mit "wird")
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Natürlich, doch im Badischen steht hier der Dativ: Gewöhnungssache.

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Du kannst solch begabte Leute nicht mti einem "normalen" Schüler vergleichen. Auch heute gibt es noch Schüler, die sehr früh etwas können, was andere nicht, vielleicht sogar nie, schaffen.

Hast Du vielleicht einen schlechten Lehrer erwischt? Meine Schwester hatte Latein und sie konnte es immer gut und hat auch manches in Latein gelesen. Ich finde es schade, wenn Du es in der Schule nicht vernünftig lernst.

Ich habe eine eins, ich kann es sehr wohl.

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@RotkehlchenBirk

Ich bezweifle ja nicht, dass Du es kannst. Du bemängelst ja aber, dass es nicht vernünftig unterrichtet wird.

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@RotkehlchenBirk

Hi, hi. Eine Eins zu haben, heißt ja nicht, zu können, wofür man sie bekommen hat. Ich glaube Dir natürlich, dass Du es kannst, bestreite aber, dass es zwischen dem Können und der Note einen Zusammenhang gibt.

Rolando Villazón hatte eine Fünf in Musik. Dennoch hat er dieses Fach studiert und zählt zu den berühmtesten Opernsänger dieser Welt.

Hier hat sich mal eine Fragestellerin darüber beklagt und gefragt, was sie tun kann, dass ihre Englischnote nach einem Lehrerwechsel in den Keller gegangen ist. Ihre Fähigkeiten in Bezug auf die Sprache haben sich ja nicht geändert; die Note schon.

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Kann deine Schwester Latein sprechen und fließend lesen? Falls ja, ist sie damit eher eine Seltenheit. 

Latein sprechen und lesen zu lernen, hat doch nichts mit Begabung zu tun. Das Problem an der Schule ist für den Fragesteller, dass sie einem nicht beibringt, Latein zu sprechen. Dies wird bewusst nicht gemacht, weil man Latein nur übersetzen muss. 

Manchen ist das egal, aber manche finden es halt auch enttäuschend, eine Sprache zu lernen, die man dann am Ende aber doch nicht "richtig" kann. Jeder Schüler, der Latein sprechen können will, muss sich das selbst beibringen, denn die Schule hilft da in den allermeisten Fällen echt null. 

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