Warum werden Kampfsportler im Alter immer stärker?

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4 Antworten

Meiner Meinung nach kann man diese Aussage nicht verallgemeinern. Allerdings spricht zumindest einiges für diese Theorie.

Verschleiß im Leistungssport

Leistungssport in anderen Sportarten kann bei langjährigem Training und Wettkämpfen zuschnellerem körperlichem Verschleiß führen.

Anstatt Verletzungen auszukurieren lässt man sich durch Physiotherapie, Schmerzmittel usw. so schnell wie möglich wieder auf Leistung trimmen.

Das verkraftet ein gesunder Körper eine gewisse Zeit lang, ist aber nicht ewig so  "hochzuspritzen". Irgendwann fordert dieser Raubbau seinen Tribut.

Gerade Kampfkünste die nicht auf Wettbewerbe ausgerichtet sind, haben diesen Nachteil nicht in diesem Ausmaß. Man geht anders mit dem Körper um.

Begrenzte Bewegungsmuster

Ein Läufer läuft, ein Schwimmer schwimmt...auch wenn es Disziplinen wie den Zehnkampf gibt, sind klassische Sportarten meist eher beschränkt.

Es werden letztlich immer die gleichen Bewegungsmuster abgerufen, ohne daseine besondere Variation vorhanden ist. Das belastet den Körper (siehe
"Verschleiß")

Bei einem Kampfsport ist das durchaus anders - harte und weiche Techniken, Atemübungen, unterschiedliche Formen des Standes - man ist flexibler.

Selbst wenn also das Alter zuschlägt, kann man eben statt seinen müden Beinen stärker auf Handtechniken umsatteln. Dadurch bleibt die Effektivität erhalten.

Verständnis der Konzepte

Mit zunehmendem Training versteht man grundlegende Konzepte der jeweiligen Disziplin immer besser und kann sie gezielter Anwenden.

So heißt es teilweise, bestimmte Disziplinen wären defensiv,  weil der
Verteidiger nie den Kampf initiiert und keine Gegenangriffe durchführt.

Aber bereits durch das Einnehmen der richtigen Haltung (Hanmi) beschränkt
man die Angriffsfläche und verringert den Handlungsspielraum des Angreifers.

Das verstehen Anfänger noch nicht und ihnen alle Feinheiten und Potentiale der Grundtechniken zu vermitteln, würde sie auch überfordern.

Zudem können scheinbar unwichtige Bewegungsfolgen potentielle Angriffstechniken auf empfindliche Körperstellen (Atemi) beinhalten.

Dieses Verständnis für Konzepte und die Anwendung der Prinzipien entwickelt man erst mit langfristigem Training. Ein Anfänger sieht sie noch nicht.

Selbst wenn man also im Alter möglicherweise körperlich abbaut, bietet dieses Wissen und die Fähigkeiten einen Vorteil gegenüber Anfängern.

Im konventionellen Sport versucht man durch Analysen möglichst optimale Bewegungsmuster, Ernährung und Trainingsmethoden zu ermitteln.

Aber diesen "Optimierungsaspekte" bleiben dabei häufig in der Trainingshalle zurück und zeigen sich höchstens im Speiseplan.

Im Kampfsport wirkt sich dieses Verständnis aber auch auf den Alltag aus,
selbst alltägliche Bewegungen folgen dann diesen Konzepten.

Während also ein Läufer, Kugelstoßer, oder Schwimmer nur unter bestimmten
Bedingungen seine Konzepte üben kann,  trainiert ein Kampfsportler praktisch täglich.

Bewegungsökonomie

In den klassischen Sportarten wird in der Regel die eigene Körperkraft genutzt - egal ob bei Leichtathletik, Turnen, oder was auch immer.

Eine Reihe von Kampfkünsten legt im Gegensatz hierzu besonderen Wert darauf, möglichst wenig eigene Energie zu investieren.

Das wird zum Einen dadurch erreicht, das man die Angriffsenergie des
Partners zum eigenen Vorteil nutzt, etwa um ihn zu Fall zu bringen.

Zum Anderen kann in diesen Disziplinen die Bewegungsökonomie mit fortschreitendem Training immer besser werden.

Während der Anfänger zB noch große, raumgreifende Techniken benötigt, scheint sich ein erfahrener Übender deutlich weniger zu bewegen.

Das kann soweit gehen, dass zB Gewichtsverlagerungen nicht mehr visuell
wahrnehmbar sind und die Techniken daher "übernatürlich" wirken - dabei ist es nur Physik.

Dadurch werden auch unnötig lange Kämpfe vermieden, weil die Effizienz der Bewegungen höher ist und mehr Wirkung entfalten kann.

Menschenkenntnis

Im Laufe seines Lebens begegnet man vielen Menschen - beim Training genau so wie im täglichen Leben. So macht man seine Erfahrungen.

Mit der Zeit entwickelt man sowohl eine bewusste Menschenkenntnis, als auch eine Art inneren Instinkt dafür, welcher Mensch dort vor einem steht.

Ein erfahrener Übender erkennt also Nervosität, körperliches Ungleichgewicht und Schwachstellen besser, als dies ein Anfänger könnte.

Wie auch beim Punkt "Bewegungsökonomie" werden dadurch lange Kämpfe
vermieden - gezielte Treffer auf erkannte Schwachstellen reichen dann aus.

Da braucht ein "Opa" für seinen Erfolg weniger körperliche Kraft und weniger aufwändige Techniken, als ein jugendlicher Heißsporn.

Persönlichkeit

Mit zunehmender Erfahrung verändert sich auch die Persönlichkeit - das gilt
natürlich nicht nur für den Kampfsport, sondern für das ganze Leben.

Dennoch kann es so sein, dass ein Leistungssportler aufgrund seines Ehrgeizes nur schlecht mit dem Abbau körperlicher Fähigkeiten klar kommt.

Nicht umsonst nutzen Top-Athleten auch Mentaltrainer - um die Leistung zu steigern und Krisen besser bewältigen zu können.

Gerade in traditionellen Kampfkünsten ist aber Mentaltraining bereits ein Teil
des eigenen Trainings. Man hat als Fortgeschrittener eine andere Geisteshaltung.

Ich denke, fast jeder hat schon mal jemanden getroffen, durch dessen Auftreten man beeindruckt war - nicht eingeschüchtert, sondern eher fasziniert.

Auch gibt es Menschen, bei denen meint man förmlich zu spüren, wenn sie den Raum betreten, weil sie eine unglaubliche Präsenz ausstrahlen.

Diese "gewinnende Art" oder "Vereinnahmung" ist eine wichtige psychologische Komponente bei Kämpfen, die nicht von heute auf morgen kommt.

Es  gibt auch Menschen die jahrzehnte trainieren und trotzdem niemals diese
besondere Präsenz entwickeln. Sie sind technisch gut, aber als Mensch
durchschnittlich.

Jemand der völlig entspannt und selbstsicher auftritt, was nicht mit Arroganz verwechselt werden darf, verunsichert dadurch den Angreifer.

"Hey, ich bin jung, muskulös, kann alle wichtigen Techniken und hab schon viele Titel gewonnen - wieso wird der alte Sack nicht unruhig?"

Ein erfahrener Übender hat somit nicht nur Menschenkenntnis, sondern ist auch in der Lage den mentalen Zustand des anderen zu beeinflussen.

Ein fester Blick, ein kurzes Zögern - und zack, sitzt der Schlag.

Ich hoffe, diese Antwort war hilfreich.  :-)

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Kommentar von Enzylexikon
30.10.2016, 15:27

Nachtrag:

Dennoch kann natürlich eine Verletzung, wie etwa ein kaputter Meniskus oder eine Arthrose ohne weiteres die "Karriere" eines Kampfsportlers auf der Matte endgültig beenden.

Meiner Meinung nach geht ernsthaftes Training aber über die Matte hinaus, in den Alltag, bis hinein in den Rollstuhl.

Ein Übender mit lebenslanger Erfahrung mag irgendwann einen zerbrechlichen Körper haben und nicht mehr trainieren können - aber in seiner Persönlichkeit und geistigen Aspekten liegt er meilenweit über einem selbst.

Nicht umsonst werden in einigen Stilen die Graduierungen ab einem Punkt nicht mehr allein vom körperlichen Training abhängig gemacht.

Man neigt dann leicht dazu, abfällig zu denken, dass sei so eine Art formeller "Ehrentitel" für das persönliche Engagement im Verband.

Quasi etwas das jeder Sesselfurzer kriegen kann, der zuvor nur lange genug trainiert hat und dann im Verband geblieben ist.

Das mag sicher manchmal der Fall sein - dass der achte Dan, oder Titel wie "Shihan" als "h.c." verliehen werden, ohne das eine besondere persönliche Eignung vorhanden wäre.

Aber ich denke, man sollte nicht das Verständnis und Persönlichkeit dieser hoch graduierten Lehrer unterschätzen - auch wenn er aussieht, als könnte er sich kaum auf den Beinen halten.

Wer ein ganzes Dojo alleine mit Blicken kontrollieren kann und messerscharf jede Lücke, oder Nachlässigkeit entdeckt, verdient trotz Rollstuhl jede Graduierung, die er kriegen kann.

Okay, das war jetzt vielleicht etwas über-enthusiastisch, aber vielleicht kam das rüber, was ich vermitteln wollte.

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Das sollte man relativ sehen. Du wirst bei Weltmeisterschaften kaum wirklich alte Kampfsportler finden. Auch im Kampfsport haben Ältere erhebliche Nachteile gegenüber Jüngeren.

Beim Training allerdings ist man mit guter Technik und über die Jahrzehnte hinweg geschulten Reflexen sowie der Fähigkeit, die unbewussten Körperbewegungen des anderen zu "lesen", jüngeren Sportlern meist überlegen.

Ich hatte mal, als ich so Mitte/Ende dreißig war, die große Ehre, während eines Kendo-Lehrgangs in Belgien mit einem über 80-jährigen japanischen Meister von höchstem Rang üben zu dürfen. Mag sein, dass ich den alten, gebrechlichen Herrn einfach hätte umrennen können. Aber in so einer Situation will man was lernen und strengt sich an, besonders gut zu sein. Nun, der Meister schätzte das wohl hoch ein, denn er machte mich sowas von fertig! Er traf mich, wie er wollte. Obwohl ich damals bereits etwa zehn Jahre Kendo und etwa fünfundzwanzig Jahre Kampfsport allgemein ausübte, kam ich mir vor wie der allerneueste Anfänger, so hilflos war ich dem Meister ausgeliefert. Blieb ich stehen und versuchte, eine gute Deckung einzunehmen - zack, saß ein Hieb an einer ungedeckten Stelle. Wollte ich angreifen - zack, bekam ich einen verpasst, bevor ich mit meiner Angriffsbewegung beginnen konnte. Wollte ich zurückweichen, um etwas Luft zu kriegen - zack, machte der Meister einen winzigen Schritt nach vorn und traf mich. Er machte nicht viel, nur ganz kurze, noch nicht einmal schnelle, Bewegungen. Aber jede seiner Aktionen war die, die genau in diesem Moment zum Ziel führte.  Das ist dann das Ergebnis von über siebzig Jahren harten, regelmäßigen Trainings.

Ein anderer japanischer Lehrer, 7.Dan und etwa im selben Alter wie ich, meinte mal zu mir bei einem lockeren Gespräch beim Bier, als wir darüber redeten, was wir alles nicht können: "ein Leben reicht nicht aus, um die Kunst zu erlernen."

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Kommentar von Enzylexikon
30.10.2016, 15:12

Er machte nicht viel, nur ganz kurze, noch nicht einmal schnelle, Bewegungen. Aber jede seiner Aktionen war die, die genau in diesem Moment zum Ziel führte.

Genau diese Erfahrung habe ich auch gemacht - diese beeindruckende Menschenkenntnis gepaart mit unglaublicher Bewegungsökonomie.

Kein unnötiger Schritt, keine überflüssige Bewegung - nur der Blick fürs Wesentliche...ZACK!

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Okay, wusste ich selber nicht, aber ich vermute ja das. Sie vertrauen im höheren alter nicht nur ihren körperlichen Fähigkeiten, wie Kraft, Schnelligkeit und Widerstandsfähigkeit. Sie perfektionieren ihre Techniken und gleichen somit ihren Schwächen aus. Außerdem haben sie mehr Erfahrungen und können so jüngere Leute leichter besiegen, die mehr auf ihre Muskeln vertrauen.

Als Beispiel. Nehmen wir ein 100 Kilo Monster (Bodybuilder). Von der Kraft her hat der 75kg Mönch keine Chance ,genauso würde er auch mehr Schläge aushalten, aber das kann der Shaolinmönch zu seinem Vorteil nutzen. Er vertraut seinem Wissen/ Techniken und seiner Schnelligkeit bzw. Reaktionsfähigkeiten.

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Um stärker zu werden muss man rein theoretisch auch immer aktiv sein - immer etwas dafür tun. Von nichts kommt auch nichts.

Wenn ein Kampfsportler sein Training sausen lässt, dann wird auch der wieder schwächer werden.

Um seinen Level halten zu können, muss er regelmäßig trainieren und sich ev. auch weiterentwickeln - neue Wege finden um an Kraft und Ausdauer zulegen zu können. Bessere Ernährung... neue Trainingsmethoden. Etwas in der Art.... dann kann die Person schon auch immer noch stärker werden.... wenn das neue Experiment kein Griff ins Klo ist zumindest. Denn man kann ja auch bei der Ernährung und beim Training Fehler machen... die einem mehr Schaden als Nutzen.

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