Warum waren Fürsten abhängig von der Kirche?

5 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Hallo!

Anfang des vierten Jahrhunderts versuchte Kaiser Konstantin, die mit mittlerweile mit der Welt verbundenen christlichen Religion (Christenheit) seiner Tage dazu zu benutzen, sein zerbröckelndes Imperium (römische Reich) zu festigen. Zu diesem Zweck gewährte er den Namenchristen Religionsfreiheit und übertrug gewisse Privilegien der heidnischen Priesterschaft auf die Geistlichenklasse. In der New Encyclopædia Britannica heißt es: „Konstantin machte der Zurückgezogenheit der Kirche aus der Welt ein Ende, damit sie soziale Verantwortung übernahm, und trug dazu bei, die heidnische Gesellschaft für die Kirche zu gewinnen."

Kaiser Julianus (361—363 u. Z.), einer der Nachfolger Konstantins, unternahm den Versuch, gegen das Christentum anzugehen und den heidnischen Glauben wieder in seine alte Stellung einzusetzen. Das schlug jedoch fehl, und etwa 20 Jahre später verbot Kaiser Theodosius I. die heidnische Religion und führte das trinitarische „Christentum“ als Staatsreligion des Römischen Reiches ein. Der französische Historiker Henri Marrou beschreibt dies mit den wohlformulierten Worten: „Das Christentum, oder sagen wir besser: der orthodoxe Katholizismus ist am Ende der Regierung Theodosius’ die offizielle Religion der ganzen römischen Welt geworden.“ Der orthodoxe Katholizismus hatte die Stelle des wahren Christentums eingenommen und war „ein Teil der Welt“ geworden. Diese Staatsreligion unterschied sich wesentlich von der Religion der ersten Nachfolger Jesu, zu denen dieser gesagt hatte, daß sie „kein Teil der Welt“ sind (Johannes 15:19).

Der französische Historiker und Philosoph Louis Rougier resümiert: „Als sich das Christentum ausbreitete, machte es seltsame Wandlungen durch, bis es nicht mehr zu erkennen war. . . . Aus der ursprünglichen Kirche der Armen, die von Almosen lebte, wurde eine triumphierende Kirche, die sich mit den bestehenden Mächten einigte, wenn es ihr nicht gelang, diese zu beherrschen.“

Anfang des fünften Jahrhunderts u. Z. verfaßte der katholische „Heilige“ Augustinus sein Hauptwerk Der Gottesstaat. Darin beschrieb er zwei Städte, „die Gottesstadt und die Erdenstadt“. Betonte sein Werk die Trennung zwischen den Katholiken und der Welt? Eigentlich nicht. Professor Latourette sagt dazu: „Augustinus gab offen zu, daß die beiden Städte, die irdische und die himmlische, miteinander verflochten sind.“ Augustinus lehrte, „das Königreich Gottes habe in dieser Welt bereits mit der Gründung der [katholischen] Kirche zu herrschen begonnen“ (The New Encyclopædia Britannica, Macropædia, Band 4, Seite 506). Ungeachtet dessen, welche Absicht Augustinus ursprünglich gehabt haben mag, bewirkten doch seine Theorien, daß sich die katholische Kirche noch stärker in die politischen Angelegenheiten der Welt einmischte.

Als Theodosius I. im Jahre 395 u. Z. starb, wurde das Römische Reich offiziell in zwei Hälften geteilt. Das östliche oder Byzantinische Reich hatte Konstantinopel (das frühere Byzanz; heute Istanbul) als Hauptstadt, und die Hauptstadt des Westreiches war — ab 402 u. Z. — Ravenna (Italien).

Infolgedessen wurde die Christenheit sowohl politisch als auch religiös geteilt. Was das Verhältnis zwischen Kirche und Staat betraf, richtete sich die Kirche im Ostreich nach der Lehre des Eusebius von Cäsarea (ein Zeitgenosse Konstantins des Großen). Eusebius ignorierte den christlichen Grundsatz des Getrenntseins von der Welt und folgerte, Kirche und Staat würden, falls der Kaiser und das Reich christlich würden, eine einzige christliche Gesellschaft bilden, in der der Kaiser als Vertreter Gottes auf der Erde amten würde. Im großen und ganzen hielten die östlichen orthodoxen Kirchen jahrhundertelang an diesem Verhältnis zwischen Kirche und Staat fest. Timothy Ware, ein orthodoxer Bischof, weist in seinem Buch The Orthodox Church darauf hin, wozu das führte: „Der Nationalismus lastete in den vergangenen zehn Jahrhunderten wie ein Fluch auf der Orthodoxie.“

Im Westen wurde der letzte römische Kaiser 476 u. Z. von eindringenden Germanenstämmen abgesetzt. Das bedeutete das Ende des Weströmischen Reiches. Mit Bezug auf das politische Vakuum, das daraufhin entstand, heißt es in der New Encyclopædia Britannica: „Eine neue Macht trat in Erscheinung — die römische Kirche, die Kirche des Bischofs von Rom. Diese Kirche verstand sich als Nachfolgerin des untergegangenen Römischen Reiches.“ In der Enzyklopädie wird weiter gesagt: „Die römischen Päpste . . . weiteten den weltlichen Herrschaftsanspruch der Kirche über die Grenzen des Kirchenstaates hinaus aus und entwickelten die sogenannte Zweischwertertheorie, gemäß der Christus dem Papst nicht nur religiöse Macht über die Kirche gegeben hat, sondern auch weltliche Macht über die irdischen Königreiche.“

Das gesamte Mittelalter hindurch waren sowohl die orthodoxe als auch die römisch-katholische Kirche tief in die Politik, in weltliche Intrigen und in Kriege verstrickt. (entnommen aus WT 1.7.93)

lg bibi

Sehr interessante, aufschlussreiche und umfangreiche Antwort!

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WT steht doch wohl für "WatchTower" - also wieder einmal jemand von den Zeugen.
Auch wenn das eine oder andere an dieser Geschichtsklitterung nicht ganz falsch ist - die Frage ist nicht beantwortet.

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Vielen Dank für den Stern! lg bibi

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Den Kommentar vom gutefrage.net-Support finde ich jetzt unnötig. Aber zu deiner Frage, die Fürsten usw waren darum abhängig von der Kirche, weil den Leuten früher die Religion sehr wichtig war. Ein Fürst konnte zwar jemanden foltern oder töten lassen, aber wenn man sich mit der Kirche anlegte, konnte man dafür in die Hölle kommen, wo man in alle Ewigkeit gefoltert wird. Darum gab es viele Menschen, die im Zweifelsfall eher auf die Kirche hörten als auf ihren Fürst/Herzog/König. Darum waren die Fürsten abhängig davon, dass die Kirche sie unterstützte.

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