Warum waren die islamischen Länder im Mittelalter tolerant und wissenschaftlich spitze, während heute das Gegenteil der Fall ist?

15 Antworten

Na ja, da lohnt es sich schon, historisch genauer hinzuschauen. Tolerant muss man relativ sehen. Die islamischen Herrscher auf spanischem Festland (al Andalus) waren zeitweise toleranter als die spanischen Könige dieser Zeit. Diese waren wie das ganze weströmische Reich Ausdruck eines ungeheuren kulturellen Niedergangs infolge der Völkerwanderung.

Das junge (vor allem weströmische) Christentum war eine fundamentalistisch-religiöse Bewegung ungebildeter, niederer Plebejer, die vom hohen Stand der spätrömischen Kultur nicht viel übrig ließen. Das war im oströmischen Reich anders, obwohl auch Kaiser Justinian I. als religiöser Fanatiker kulturell viel Schaden angerichtet hat. Im oströmischen Reich und später unter den islamischen Herrschern wurden große Teile der Abwasserkultur, der Bäderkultur und der Medizin wie Philosophie (in Grenzen, da waren auch die islamischen Geistlichen nicht so tolerant) z.B. des Aristoteles erhalten. Der "gottlose" Epikureismus und die Monisten und Hedonisten wurden auch im Islam nicht fortgesetzt. Soweit ging die Toleranz dann doch nicht.

Das ist eigentlich wie immer und fast überall.

In fast allen Religionen und anderen Ideologien gibt es unterschiedliche Strömungen. Das reicht immer von extrem liberal bis zu extrem streng. In der Mitte halten sich die meisten auf.

Welche Richtung sich durchsetzt, ist letztlich eine politische, eine Machtfrage. In den Fällen, in denen die Eliten die Macht unter sich ausmachen, also in Diktaturen, Monarchien, Gottesstaaten etc., gewinnt meistens eine extreme Richtung. Beim Kampf um die politische Macht gewinnen meistens die, die zu extremer Gewalt bereit sind und die haben meistens auch extreme Gedanken. Man denke nur mal an Erdogan.

In Demokratien setzt sich in der Regel die Mitte durch. Die Mitte ist aber selten kriegerisch und gewalttätig sondern will eigentlich nur in Frieden leben dürfen.

Die seltenen Zeiten, in denen der Islam extrem liberal war, gab es dann, wenn die Herrscherdynastie liberal war. Da sich aber meistens die Extremgläubigen durchsetzten, weil die auch zu extremer Gewalt bereit waren, war und ist der Islam dort intolerant und fortschrittsfeindlich.

Das selbe Theater hatten wir hierzulande über Jahrhunderte mit der katholischen Kirche. Sobald sie die Macht verlor, nahm auch ihre Gewalt ab. Durch die Demokratie herrscht hieruzulande heute die Mitte. Daher kommen extreme Gedanken, die letztlich in Gewalt münden, im Allgemeinen auch nicht so gut an.

Es führte zu weit, um es hier auszuführen, doch einen großen Anteil daran hat das osmanische Reich, welches in Hinblick auf Kultur und Bildung stark zentralistisch orientiert war, besonders nachdem Konstantinopel zu Hauptstadt des Reiches wurde. Bildungszentren wie Alexandria "verkamen" mit der Zeit, Mekka und Medina wurden zu rein religiösen Zentren, nachdem sie unter osmanische Oberhoheit gerieten (1517). Nicht erst mit Einführung der Stammesschulen Ende des 19. Jahrhunderts wurde Bildungspolitik bewußt zur Durchsetzung politischer Ziele eingesetzt.

Dann kamen ab dem 19. Jahrhundert auch noch englische und französische Einflüsse hinzu, die allerdings vornehmlich bestehende soziale Strukturen zerstörten.

Erster Weltkrieg, Zerfall des osmanischen Reiches, zweiter Weltkrieg ... und von der einst hochstehenden Kultur war nicht mehr viel übrig.

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