warum war Sonett damals beliebter als heute?

2 Antworten

Zum einen herrschte in der Barockzeit der 30jährige Krieg, welcher Chaos und Tod verbreitete. Die starre Form des Sonetts bot Halt in dieser unsicheren Zeit. Außerdem schrieben nur hoch gebildete Leute Sonette, die somit zeigen konnten, dass sie gebildet waren, um sich von der Allgemeinheit abzugrenzen. Ästhetisch gesehen war der Barock sehr verkünstelt, was sich im Sonett zeigt. Auf der anderen Seite greift das Sonett auf eine lange Tradition zurück (Italien, England) und ist das Medium schlechthin, in dieser Zeit, seiner Liebe Ausdruck zu verleihen.

Die Meister des Sonettes, z.B. Petrarca, waren aber vor allem in der Renaissance aktiv, im Barock herrschte eher der sechsfüßige Jambus vor, das Sonett benutzt dagegen den fünffüßigen Jambus.

Von der These, dass das Sonett im Barock einen Gegenpol zu den sicherlich bedrohlichen Zeiten im Barock war, hab ich in meinem ganzen Germanistikstudium noch nie gehört. Der sechsfüßige Jambus, der mittig teilbar war, gab der Barockdichtung hingegen die Möglichkeit die Hinfälligkeit der menschlichen Existenz auch formal nachzuzeichnen. z.B. bei Gryphius:

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.

Was dieser heute baut, reiß jener morgen ein;

Wo jetzund Städte stehn, wird eine Wiese sein,

...

Was jetzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden:

Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein

usw.

Außerdem zog sich das Sonett nach der Knittelverszeit der Meistersinger, für die ein Gedicht in der Tat nur die Erfüllung einer strengen Form war, durch alle Epochen. Lies mal das Buch "Sonette der Völker. Siebenhundert Sonette aus sieben Jahrhunderten" von Karl Theodor Busch, Dreibrückenverlag Heidelberg 1954.

Übrigens selbst der Knittelvers hat überlebt. Nimm Dir doch noch mal Goethes Faust vor.

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@mychrissie

"Von der These, dass das Sonett im Barock einen Gegenpol zu den sicherlich bedrohlichen Zeiten im Barock war, hab ich in meinem ganzen Germanistikstudium noch nie gehört. " Nur weil Du nichts von der These gehört hast, heißt das nicht, dass sie zwangsläufig falsch ist. Hab übrigens auch Germanistik studiert.

"Übrigens selbst der Knittelvers hat überlebt." Hab ich nicht bezweifelt.

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Das Sonett mit seinem nicht ganz einfachen Aufbau (zweimal 4 und zweimal 3 Verse) mit einem strengen Reimschema war einerseits barock spielerisch, andererseits aber auch fest formatiert, Es war nicht ganz einfach zu dichten, während im Volk ja (bis heute) die Knittelverse umgingen.

Das gefiel den edlen Damen, und die Herren mühten sich, ihnen zu gefallen. Das ging ja auch bei Hofe ganz gut, denn man hatte ja sonst nichts zu tun.


Darum war das Sonett
so nett.

(Habe ich eben gedichtet. Knittelvers - OK. Aber treffend, wie ich meine.)

Das Sonett als eine gefällige, niedliche Form abzutun, die die Versgattung der edlen Nichtstuer an den Höfen war, hieße diese Gedichtform sträflich zu unterschätzen. Wenn Du mal die berühmte Sammlung expressionistischer Lyrik "Menscheitsdämmerung" oder andere Anthologien von Lyrik der Nachkriegszeit durchblätterst, stößt Du selbst da auf durchaus nicht "niedliche" Sonette.

Es gibt sogar eines, das ich gerade nicht finde – ich glaube, es ist von Höllerer, das schildert, wie die Bomben von Hiroshima und Nagasaki die jahrtausendealten Flugrouten der Vogelzüge geändert haben, so dass diese diesen Orten "entsetzt" ausweichen. Niedlich?

Das Sonett ist nicht nur meines Erachtens eine der lebendigsten Formen. Nicht umsonst haben sie die ganz Großen, ich nenne nur Shakespeare, Keats, Ezra Pound, Trakl, Rilke, Cervantes, Eichendorff, Wordsworth, Rimbaud usw. usw. geschätzt.

Übrigens hat sogar Gernhardt in seinem scherzhaften Gedicht "Sonette find ich sowas von beschissen..." die Sonettform gewählt. Aber das nur am Rande.

Entschuldige, dass ich hier so leidenschaftlich eine Lanze für das Sonett breche, aber es ist nun mal die Gedichtform, die ich am meisten und aus ganzem Herzen liebe. ;-)

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