Warum war Kleidung früher eleganter?

12 Antworten

Ich denke das liegt hauptsächlich am technischen Fortschritt und der Bequemlichkeit: Ein Hemd muss ich bügeln, einen Anzug muss ich in die Reinigung geben und ein T-Shirt oder eine Jeans kann ich in die Waschmaschiene werfen. Wer alle 1-2 Tage duscht, möchte dannach meistens auch ein neues Oberteil anziehen. Wenn ich zum Sport gehe, kann ich mir noch ein frisches Shirt in die Tasche knüllen - ein gebügeltes Hemd wäre da unpraktisch. Wer Fahrrad fähr will sich auch nicht die Anzughose oder das Kleid einsauen.

Zum anderen gibt es gerade bei sportlicher Kleidung dank Synthetikfaser viele Stoffe die es früher gar nicht gab.

Und ein weiterer Punkt: Sport zu machen wird in der Gesellschaft im allgemeinen als positiv/erstrebenswert wahrgenommen.

Ja, aber es gibt fragwürdige Trends zb. zerissene Hosen.

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@Baskol11

Das stimmt. Zerissene, hängende und extrem kurze Hosen kann ich auch als Jugendlicher nicht verstehen.

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@holgerholg

Oder Baggy Pants. Extra falsch angezogene Baseball Caps.

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Hallo!

Das habe ich ähnlich beobachtet, aber ich halte beruflich am relativ konservativen Dresscode fest - heute war ich bei einer Konferenz mit Stoffhose/Chino, hellblauem Hemd und Sakko zu Lederschuhen zwar zusammen mit einem Bürgermeister mit Abstand am konservativsten angezogen, während der Berufskollege der anderen Firma mit ausgewaschenen Jeans, Sportschuhen und einem dieser bunten Camp-David-Hemden, wie sie Dieter Bohlen so gerne trägt, angelaufen kam, aber es störte mich nicht im Geringsten, dass ich wie die Urlaubsvertretung eines Poststellenleiters vor 20 Jahren oder so ähnlich aussah.

Ich gebe mir Mühe, habe es so gelernt, finde dass anlassensprechende Kleidung auch Ehre und Anstand suggeriert bzw. Respekt und bin der Meinung, dass Jeans, Shirt und Turnschuhe manchmal eben einfach nicht passen.

Eine Erklärung ... puh, ich sage mal so - die 68er haben hier mehr verursacht als angenommen und sorgten zumindest mit für diese Art von "Sittenverfall", wenn man das so formulieren kann. Nicht alles, was die 68er angekurbelt haben, war auch gut und ich bin keiner, der sagt, früher war alles besser, doch manchmal fragt man sich schon wo die Leute gedanklich waren, wenn sie in gammeliger Kleidung zu offiziellen Terminen kommen: Jeder so wie er mag, aber manchmal ist es einfach unpassend und man schämt sich fremd.

Manche möchten auch die konservative Elterngeneration zum Teufel jagen und die schlimmsten Modesünden leisten sich aus meiner Sicht Leute zwischen etwa 40 und 55 Jahren - sie wollen jugendlich und locker wirken, aber auf der anderen Seite ist es nix als peinlich, wenn Mütter im kurzen Jeansrock zu einem dünnen Top und Flipflops die feine Theateraufführung ihrer Kinder in der Mehrzweckhalle aufsuchen oder man mit der Cargohose zum Abiturball des Sohnes kommt ------> ich hab' alles das schon gesehen, bei aller Liebe, da war's auch wieder gut.

Früher waren auch die Vorstellungen strenger, da hätte man nicht auffallen dürfen und wäre gleich zum Gerede aller geworden. Ich hatte mal einen Lehrer, der sagte, er wäre zum Teufel und zurück gejagt worden, hätte er Ende der 80er in einer Jeans unterrichtet.

Woher ich das weiß:eigene Erfahrung

Die Entwicklung setzt in auch in der späten Neuzeit bereits ein.

Du siehst es am Deutlichsten bei Kleidern und Hüten der Damen, die im 17./18. Jahrhundert noch pompöser waren. In England, das einen eigenen Kleiderstil hatte, setzte die Entwicklung früher ein, als im restlichen Europa. Im späten 18. Jahrhundert wurden die Schnitte bereits einfacher, die Farben dezenter und pastelliger. Im Zuge der Aufklärung werden sie dann im 19. Jahrhundert regelrecht bieder. Aufreizende, tiefe Ausschnitte weichen Kleidern, die bis zum Hals zugeknöpft sind, Haare werden straff zurückgekämmt, entsprechend dem Frauenbild der damaligen Zeit.

Bei den Männern entwickelt sich der Justaucorps im Schnitt fort, ein extrem enger Mantel mit schönen Falten, die mit Rosshaareinlagen versteift waren. An den Seiten war der Schnitt offen, um Platz zu bieten für einen Degen. Im Lauf der Zeit verlagern sich die Falten immer weiter nach hinten und verlaufen irgendwann nur noch am Rücken, die Mäntel werden dann insgesamt kürzer, bis man irgendwann das hat, was man als Fraque bezeichnet.

Ich denke, diese Entwicklungen lassen sich wohl am Ehesten auf Bequemlichkeit, geänderte Alltagsbedingungen, Mode und Änderungen in der Weltanschauung (Aufklärung) zurückführen. Nicht zu vergessen: Damals hatte man ein ganzes Heer von Angestellten, die sich um die Kleider kümmerten und sie aufbereiteten. Auch das ist ja heute anders.

Das ist sicher einfach ein Teil der gesellschaftlichen Entwicklung. Es ist heute weniger Zwang dahinter, daher neigen viele Leute und somit auch diverse Branchen dazu, alles lockerer zu sehen und sich eben bequemer/praktischer zu kleiden. Fast jeder möchte sich doch in seinen Sachen in allererster Linie wohlfühlen. Das definiert natürlich jeder für sich selbst anders, aber der Zwang dahinter, den es noch vor 30-40 Jahren viel mehr gab, ist heute längst nicht mehr so streng.

Auf Arbeit muss ich mich auch ein wenig chicer anziehen (Hemd+Krawatte), allerdings hat da heute keiner mehr was gegen eine (natürlich ordentliche!) Jeans und auch die Zeiten von Jacket oder Weste sind vorbei. Aber klar, das ist je nach Berufsgruppe anders.

Kleidung entsteht heute, so wie die meisten Güter, in industrieller Massenproduktion durch ein Netzwerk von Firmen, das den ganzen Planeten umfasst. Der vom Kapital ausgehende Rationalisierungsdruck bestimmt, wie Produktionsverfahren und die Beschaffenheit der Produkte sich verändern:

Weltweit standardisierte, billige Materialien, mechanisierte und automatisierte Herstellungsverfahren, immer weniger Handarbeit durch immer leichter austauschbare Menschen, möglichst wenige Schnitte und Größen, simple Umstellung auf die jeweils neue Saisonware in den geplanten Modefarben, billige Erzeugung des Anscheins von Vielfalt, Abwechslung und Auswahl durch Applikationen, aufgedruckte Logos usw., gleichzeitige Belieferung aller Kontinente mit den gleichen Produkten in Milliardenstückzahlen.

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