Warum wählen einige Türken Erdogan noch?

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14 Antworten

Warum wählen einige Türken Erdoğan noch?

1. Unser medial vermitteltes Bild der Türkei ist verzerrt und fokussiert auf die Großstädte. Bilder von Protesten aus Istanbul, Ankara und gelegentlich Izmir fungieren als pars pro toto. Aber über die Verhältnisse im Landesinneren wissen wir kaum etwas. Die Aufbruchsstimmung der jungen, gut gebildeten, westlich gesinnten Menschen in den Metropolen, die die Regierung an hohen demokratischen Ansprüchen messen, ist nicht repräsentativ für die Türkei. Das Landesinnere und auch weite Teile der Schwarzmeerküste sind fest in AKP-Hand. Das belegen Wahlerfolge in Städten wie Konya, Kayseri und Erzurum, wo Erdoğans Partei 60 Prozent der Stimmen oder mehr gewann. Die Zustimmung zur AKP-Regierung in diesen Regionen, zumindest aber ihre wohlwollende Billigung, war kaum Gegenstand des politischen Diskurses.

2. Diese Wahl war stark vom politischen Kampf zwischen der Gülen-Bewegung und der AKP geprägt. Die Auseinandersetzung mit den Oppositionsparteien (CHP und MHP) fand nur am Rande statt. Das hat auf beiden Seiten, bei der AKP wie den Gülen-Anhängern, zu einer starken Politisierung und Mobilisierung geführt. An der Wahlurne haben sich die Gülen-Anhänger doch eher für eine islamische Partei (AKP) als die – als gottlos wahrgenommene – Opposition entschieden. Islam und religiöses Selbstverständnis, eine Kerndimension der persönlichen Identität, waren am Ende wichtiger als die Verärgerung über Erdoğan. Früher explizit und diesmal ungewollt hat so der Prediger Fethullah Gülen erneut Erdoğan zum Sieg verholfen.

3. Korruption ist ein ständiger Begleiter der jüngeren türkischen Geschichte. Die moralische Empörung darüber wird durch die wirtschaftlichen Erfolge der AKP weitestgehend kompensiert. Auch frühere Parteien und Politiker waren korrupt, brachten der breiten Bevölkerung aber weniger Wohlstand.

4. Vor diesem Hintergrund war das Kreuz des Wählers bei der AKP durchaus rational und keine ideologische Verblendung. Postmaterialistische Werte wie Selbstentfaltung, bürgerliche Freiheiten und pluralistische Lebensentwürfe haben in Schwellenländern kaum Durchsetzungskraft. Wohlstand, Konsum und Genuss sind deutlich wichtiger für die allermeisten Wähler. Die Verlockungen des Konsums und des Genusses sind deutlich stärker. Gerade in Zentralanatolien hat sich eine bürgerlich-konservative Mittelschicht gebildet, der die AKP nicht nur Prosperität, sondern auch eine Identität gegeben hat: als stolze Erben eines türkisch-islamischen Großreiches.

5. Es gibt seit zehn Jahren keine echte politische Alternative zur AKP. Nach den Gezi-Protesten keimte die Hoffnung, dass Linke, antikapitalistische Muslime, Aleviten, Kurden und Kemalisten zusammenfinden würden – dass sie ihre Einzelinteressen zugunsten einer gemeinsamen moralischen Vorstellung hinter sich lassen könnten. Doch daraus wurde nichts. Keine Partei konnte wirklich von der gegenwärtigen Krise profitieren.

Ein Gastbeitrag aus dem Jahr 2014 von Haci-Halil Uslucan, Professor für Moderne Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen und wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen (http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-04/Tuerkei-Erdogan-Wahl-Gastbeitrag)

Das ist alles irrelevant. Wichtig ist nur, wer die Macht in Händen hält.

Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Schmitt.

Carl Schmitt hat das Drehbuch für solche "Übernahmen" geschrieben. Erdogan zieht genau diese Checkliste durch.

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@SchakKlusoh

Ich glaube, du hast die Frage ein wenig falsch verstanden, SchakKlusoh. Es geht nicht um die Machtübernahme bzw. den Machtmissbrauch Erdoğans, sondern darum, warum er von so vielen Türken gemocht und gewählt wird. Diesbezüglich spielen die von Haci-Halil Uslucan genannten Aspekte eine wichtige Rolle.

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Das ist auch absolut nicht logisch, ihn zu wählen. Ich habe im Freundeskreis auch viele Türken und die regen sich auch nur über ihn auf und sein Auftreten und auch über das Volk, das ihn auch noch wählt und die Türken, die ihn loben und nicht mal vestehen wollen, warum andere ihn für untragbar halten. Das Problem ist, er hat genug befürworter auf hoher Ebene, so daß er vieles durchbekommt, wo ich mir denke, das müßten eigentlich unveränderliche Grundsätze in einer Verfassung verbieten. Wenn sich jemand auch nur kritisch dazu äußert, gilt er gleich als gegner und wird aus dem Weg geräumt. Somit bleiben Stimmen, die Pro-Erdogan sind laut. Und dann schafft er es, sich entsprechend zu verkaufen. Sieht man ja z.B. bei dem Putschversuch, wo ja eigentlich deutlich wird, wenn selbst Militärs glauben, etwas verhindern zu müssen, daß die Bevölkerung dann wieder das Gegenteil vorgespielt kriegt. Jetzt wurden dort alle möglichen Einrichtungen geschlossen, aber das wird der Bevölkerung so verkauft, als ob dies berechtigt wäre. Und es scheint leider häufig vorzukommen, daß so eine Bevölkerungsmasse insgesamt einfach nur dumm ist. Das sieht man auch in anderen Ländern. Der Brexit wäre nicht durchgekommen, wenn sich Leute wirklich mit dem Thema auskennen würden und nicht aus einer Emotion hereaus gestimmt hätten. Oder auch hier in Deutschland hätte die AfD keine Chance, wenn die Leute mal logisch und rational denken. Das prangere ich schon lange an. Aber viele wollen einfach nicht rational denken. Ich wurde jetzt sogar vom gf-Support dafür beschimpft weil ich so etwas angeprangert habe. Und selbst da könnte man meinen, daß die doch aufgrund ihrer Position so professionell sein sollten. Also um deine Frage direkt zu beantworten. Du hast recht, es ist unverständlich, daß er gewählt wird. Aber es liegt einfach daran, daß viele Menschen nicht logisch und rational sind und es nicht einmal sein wollen und sich nicht einmal entsprechend anstrengen. Und solange das der Fall ist, wird es viele solcher dämlichen Phänome geben.

Aber selbst wenn die Leute einfach mit der positiven wirtschaftlichen Entwicklung argumentieren, verstehe ich nicht, warum die ihn jetzt immer noch gut finden, obwohl die Ratingagenturen die Türkei so stark abgestuft haben. Das belegt doch erst recht, daß die die Realität nicht sehen wollen.

Er wird gewählt, weil er in der Türkei etwas bewirkt hat, was ausser Atatürk kein weiterer Präsident geschafft hatte.

Die Türkei war früher ein Entwicklungsland. Es gab
Korruption in allen Bereichen. Von der Polizei bis zum Richter und
Politiker waren die meisten korrupt. Das zeigte sich an der Wirtschaft
und Staatsgeldern von damals. Inflation bis zu 90% seit dem
Militärputsch 1960, wo Adnan Menderes (erste 2. Partei im Lande)
un-demokratisch gestürzt wurde. Militärputsche zerstörten dauernd die
Demokratieversuche der Türkei. Demokratie war also nie vorhanden. Immer
wenn das Volk etwas erreichte, gab es den Militärputsch und darauf
folgende Militärdiktatur. Das Militär hatte mit Hilfe der USA die Macht.
Und das Volk wurde geschröpft. 30% Reiche und 70% Arme Leute. Es gab
keine Ideologie, keine Ziele und kein Führungskonzept in der Türkei.
Jeder hat in seine Tasche gearbeitet. Und man machte, was die
Koalitionsmächte verlangten. Mit Hilfe der Türkischen Maffia (Staat im
Staat, Tiefer Staat) wurde vom Ausland alles kontrolliert und reguliert,
so dass das Türkische Volk immer in Angst leben musste.

Das änderte vor ca. 15 Jahren. Erdogan kam an die Macht und
stoppte als erstes die 80% Inflation. Mit der Gerechtigkeitspartei hat
er die Korruption bekämft und abgeschafft. Er hat im Volk die moralische
Seite gestärkt. Schon im Wahlkampf versprach er, dass es den Menschen
besser gehen werde. Das traf ein, denn von einem BIP pro Kopf Einkommen
bei 3'119 Dollar/Jahr im 2001 stieg es bis heute an auf 20'000 Dollar
pro Kopf (Stand 2016). Das Türkische Volk hat heute eine 7-fache
Kaufkraft erlangt als vor 15 Jahren. Die 70% Armen sind heute
grösstenteils Mittelschicht geworden. Die Türkei zählt heute zu den 20
stärksten Wirtschaftsmächte. Gehört also als Schwellenland zur G20. Das
Ziel ist bis 2023 zu den 10 ersten Wirschaften der Welt zu gehören. Das
Wachstum beträgt auch dieses Jahr 2017 um 6%. Erdogan hat die
Todesstrafe abgeschafft, die Macht des Militärs in inneren
Angelegenheitenentschärft. Es gibt eine klare Führung und Ziele sind
bekannt. Die Türkei lässt sich nicht mehr vom Ausland herum
kommandieren. Sondern lebt die Demokratie, indem heute das Volk das
Parlament und den Präsidenten wählen kann. Das ist alles neu und erst
seit 15 Jahren entwickelt und ausgebaut worden.

Erdogan wurde
auch zum Europäer des Jahres ausgezeichnet. Erdogan hat auch die Frauen
in der Politik und Wirtschaft gefördert. Gleichzeitig hat Erdogan auch
die Mütter geehrt und verleiht Frauen ihren Stellenwert und Ansehen zu
mehr als nur Gleichberechtigt, sondern besonsers zu sein. Das war bis
vor 15 Jahren in der Türkei unvorstellbar. Die Moderne Türkei von
Atatürk sieht er als Erbe, was er weiterhin modernisieren möchte. Der
Fortschritt der Türkei ist also klar sichtbar seit 2004.

So denken Deutsch- Türken über Erdogan:

So denkt die nicht deutschprachige Welt über Erdogan:

So war es früher in der Türkei, bevor Erdogan da war:

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