Warum verschreiben Ärzte oft so schnell ein Antibiotikum bei einer Erkältung ohne Blut abgenommen zu haben?

11 Antworten

Bei vielen Symptomen kann ein Arzt auch ohne eine Laboruntersuchung entscheiden, ob es sich um einen viralen oder einen bakteriellen Infekt handelt. Kommt zum Beispiel Eiter beim husten hoch (der Arzt fragt nach gelblichem oder grünlichem Auswurf), darf man von einer Bakterie ausgehen, denn Eiter wird hauptsächlich bei der Abwehr von Bakterien produziert. Ist der Husten eher bellend und trocken, darf man erstmal von einem Virus ausgehen. Dünnflüssiger, glasiger Schnupfen ist auch eher viral, das zähe gelbgrüne Zeug bakteriell superinfiziert. Und in dieser Art gibt es noch divese andere klinische Unterscheidungen.

Hat der Arzt sich festgelegt, ob bakteriell oder viral, kann er bei Bedarf ein passendes Medikament verschreiben. Antibiotika wirken nur gegen Bakterien. Ein behandlungsbedürftiger bakterieller Infekt wird in der Regel durch ein paar typische Keime ausgelöst, so sind die meisten Harnwegsinfekte durch Escherichia coli, viele Atemwegserkrankungen durch Streptokokken oder ähnliches ausgelöst. Die meisten Feld- Wald- und Wiesenkeime bei ansonsten gesunden Menschen sind noch nicht die multiresistenten Monster der Krankenhäuser, so dass die Hausärzte dann immer ein auf die normalen typischen Keime angepasstes Antibiotikum verschreiben. Das ist auch ein sinnvolles Vorgehen, denn alles andere würde a) zu lange dauern und wäre b) zu teuer. Erst, wenn das Antibiotikum nach etwa 2 Tagen nicht wirkt, muss man sich Gedanken machen, woran das wohl liegt, und dann kann man entweder das Medikament wechseln oder eben doch mal einen Abstrich.

Virale Erkrankungen werden eigentlich nicht behandelt, wenn man einigermaßen immunkompetent ist. So kleine aber fies ansteckende Dinge wir Herpes kann man natürlich angehen, aber sonst fällt mir keine akute Viruserkrankung ein, die anders als mit Bettruhe behandelt wird. Gut, unter besonderen Umständen schon (also bei Immunsupprimierten, o.ä.) oder bei chronischen Erkrankungen (Hepatitis C, HIV), aber eben nicht der normale Schnupfen oder Durchfall.

So ungefähr läuft das mit der antimikrobiellen Therapie beim Hausarzt. Im Krankenhaus mag es etwas anders laufen, aber für draußen stimmt das hier schon mal halbwegs.

Moin,

das, wie du es beschreibst, ist leider immer noch nicht selten Praxis, auch wenn Antibiotika bei Erkältungen oder auch einer echten Grippe nicht (zwingend) medizinisch indiziert sind. Es hat zwar einen Zweck, nämlich den, eine Sekundärinfektion durch bestehende Schwächung des Immunsystems zu vermeiden, allerdings entstammt diese Philosophie einer anderen Zeit. Man muss allerdings auch dazu sagen, dass diese Praxis bereits nur noch in reduziertem Umfang eingesetzt wird; Ärzte sind sich mittlerweile mehrheitlich der Risiken bewusst und sind in der Antibiotikagabe schon zurückhaltender.

Heutzutage sind wir mit deutlich dramatischeren Problemen wie Resistenzbildung unter Keimen konfrontiert, was Mediziner dazu zwingen (sollte), eine deutlich verschärftere Risiko/Nutzen-Abwägung vor Antibiotikagabe durchzuführen.

Ich finde es übrigens wirklich gut, dass du dich mit dieser wichtigen Fragestellung kritisch auseinandersetzt! Zwar kann Ärzten i.d.R. vertraut werden (Antibiose bei Infekt ist per se nicht falsch), allerdings ist es insbesondere bei diesem Thema gut, kritisch zu bleiben. Was Resistenzen angeht ist es übrigens auch von aller größter Notwendigkeit, dass der Antibiotikaeinsatz in der Massentierhaltung massiv reduziert wird, denn dies ist der Hauptfaktor in der Entstehung resistenter Keime.

Dramatisch ist auch, dass in der Massentierhaltung mittlerweile sogar auf sogenannte Reserveantibiotika zurückgegriffen wird, welche eigentlich sozusagen die letzte Festung gegen Keime bleiben soll. Sie kommen zum Einsatz, wenn reguläre Antibiotika versagen. Ich für meinen Teil erachte gerade diese Praktik als absolute Schweinerei (im wahrsten Sinne), da hier m.E.n. skrupellos mit der Möglichkeit gepokert wird, Menschen bei bestimmten Infektionen mittels Reserveantibiotika das Leben zu retten. Bleibt zu hoffen, dass sich dies in naher Zukunft drastisch ändern wird.

Ich hoffe, dass ich trotz Umschweife soweit auf deine Frage eingegangen bin.

Lieben Gruß ;)

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